• Geigenbauer, Sevelen
    Wenn Lüthi mit der Herstellung einer Violine beginnt, ist da zuerst eine Idee, wohin er mit der Geige kommen möchte.  (Tatjana Schnalzger)

Der Mann und die Geige

Es ist 10 Uhr vormittags, als wir an der Tür von Geigenbauer Lüthi in Sevelen anklopfen. Nach kurzem ­Warten öffnet uns der Geigenbauer Christopher Lüthi die Türe und bittet uns, hereinzutreten. Im älteren und zum Teil historischen Wohnhaus, das direkt an der Landstrasse steht, ist die Werkstatt des Geigenbauers untergebracht. Kaum ist die Türe hinter uns zu, sind wir in einer Welt angekommen, in der es keinen Platz für Hektik, Stress und Lärm gibt.
Magazin. 

Die Zeit scheint plötzlich stehengeblieben zu sein. Im alten Kachelofen glimmert die Glut, in der Werkstatt ist es gemütlich warm. Die tiefen Fenster, die das nötige Licht und auch Schatten spenden, eignen sich ideal für den Bau von Streichinstrumenten. Hier baut Christopher Lüthi in feinster Kleinarbeit und mit viel Leidenschaft Violinen für anspruchsvolle Musiker.

Ein phänomenales und vollkommenes Instrument
Die Geige, auch Violine genannt, ist ein absolut phänomenales Instrument. «Sie ist so gegen 1500 in Norditalien aufgetaucht und zwar komplett fertig», weiss Christopher Lüthi. Die meisten anderen Instrumente wie ein Klavier oder eine Trompete werden auch heute noch weiterentwickelt und verbessert. «Bei der Geige ist das anders, denn sie hat keine richtigen Vorgänger. Es gab zwar schon davor Streichinstrumente wie beispielsweise Gamben, aber die haben eine völlig andere Technologie. Die Geige jedoch ist schlagartig da und kann im Grunde genommen nicht verbessert werden».

Ein ähnliches Instrument ist die Bratsche. Bratschen sind etwas grösser als Violinen und tiefer gestimmt mit einem dunkleren Ton. «Im Orchester liegt die Bratsche zwischen Violine und Cello. Die meiste Literatur für Bratsche ist etwas leichter als für die Geige, da sie aber physisch grösser ist, ist sie physisch anstrengender zu spielen», sagt der Geigenbauer.
Christopher Lüthi hat als Kind schon Geige gespielt und sein Vater war ein sehr guter Geigenspieler. «Es ist aber das Material, das mich besonders fasziniert. Ein Lehrer meinte, ich konnte schon als Schüler Holz lesen. Es ist ein lebendiges Material, das ich auf eine intuitive Art verstehe. Somit war mein Berufswunsch schon in jungen Jahren klar.» Noch bevor er 18 Jahre alt wurde, war er bereits Schüler an der renommierten Geigenbauschule in Mittenwald. Mit 20 Jahren konnte Christopher Lüthi schon Geigen herstellen, die handwerklich perfekt waren. «Beim Geigenbau lernt man nie aus. Somit waren meine ersten Geigen etwas schlechter als jene, die ich heute herstelle. Das wird so weitergehen, solange ich lebe», lacht er. Denn es seien nicht die perfekten Details, die eine Violine ausmachen, sondern der Guss muss stimmen. «Alles zusammen muss harmonieren und das ist die Schwierigkeit dabei».

Geigenbauer, Sevelen

Die Herstellung einer Geige benötigt viele Arbeitsstunden und auch sehr viel Ruhe.

Das Geheimnis einer Geige liegt in ..?
Es ist der Geigenspieler, der mit dem Instrument Emotionen erzeugt. Was eine gute Geige ausmacht, ist ein Zusammenspiel von unzähligen Faktoren wie auch das verwendete Material. «Doch was eine Geige ist, wird definiert durch die Vorgängerkollegen wie Stradivari, Amati, Guarneri oder Guadagnini. All diese Meister haben im Mittelalter gelebt und hervorragende Violinen gebaut, die nach wie vor in den grossen Konzertsälen gespielt werden». Da sich Lüthis Handwerk seit 400 Jahren nicht verändert hat, werden Geigen fortwährend dem Vorbild der grossen Meister hergestellt. «Wir haben vielleicht ein paar Hilfsmittel mehr zur Verfügung, aber auch heute ist der Geigenbau eine reine Handarbeit. Jedes schön gebaute historische Instrument löst bei Lüthi Inspiration und Emotionen für dieses Kunstwerk aus.

Der Geigenbau ist etwa zwei Generationen vor Stradivari in Italien aufgetaucht. Er lebte von 1644 bis 1737. Mit 60 Jahren begann er die hochwertigen und berühmten Geigen zu bauen. Er betrieb eine grosse Werkstatt, in der auch seine Söhne mitarbeiteten». Aus diesem Grund konnte er eine grosse Produktion auf sehr hohem Niveau herstellen lassen.

Zuerst ist da eine Idee
Wenn Christopher Lüthi mit der Herstellung einer neuen Geige beginnt, ist da zuerst eine Idee, wohin er mit seiner Geige hinkommen möchte. Entscheidend ist auch das Holz. Eine Violine besteht salopp ausgedrückt aus Fichte und Ahorn. «Die Decke der Geige besteht aus Fichtenholz; Zargen, Boden und Hals werden aus Ahorn gefertigt.» Die beiden Hölzer ergänzen sich optimal für den Klang. Lüthi hat ein Lager an unglaublich schönen alten Hölzern. Ab und zu schmökert er solange im Lager, bis er auf ein Holz stösst, das ihn förmlich anspricht und zur Geige verarbeitet werden möchte. «Danach beginne ich um das Material herum ein Instrument zu konzipieren.» 

Das Ahornholz muss richtig gut und lange gelagert werden. Das meiste Holz habe er 1982 gekauft. Einige der Hölzer sind schon weit über 100 Jahre alt. Diese stammen von Geigenbauern, die es nicht verwendeten und an ihn vererbten. Anders als Ahorn muss Fichte nicht so lange gelagert werden. Wichtig ist jedoch bei Fichtenholz der Fällzeitpunkt. «Dieser ist an Neumond möglichst nahe der Wintersonnenwende. Dann ist das Holz relativ rasch trocken und für den Geigenbau brauchbar». Von der Idee bis zum spielfertigen Streichinstrument benötigt Lüthi zwischen 10 Monate bis zu 1,5 Jahre. Die reine Arbeitszeit für ein Instrument beträgt rund 400 Stunden.

Wenn er eine Geige für einen bestimmten Geigenspieler herstellt, will er die Person kennen und wissen, wie der Mensch funktioniert, wie er lacht, wie er läuft und wie er spielt, denn all das fliesst in den Herstellungsprozess mit ein. «Für die Toplinie dieser Geigen verwende ich nur das beste Holz. Ich arbeite noch präziser und benötige noch mehr Arbeitsstunden, was sich auch im Preis widerspiegelt.» Das Streichinstrument, das sich in den vergangenen 400 Jahren nicht verändert hat, ist in allen Musikgenres einsetzbar: Hip Hop, Pop, Rock, Heavy Metal – jede Stilrichtung kann man mit ihr ausdrücken. Und es ist eher eine Frage der Interpretation als der Komposition, die Emotionen weckt. «Denn man kann einen Bach fantastisch spielen oder eben auch nicht.» (lb)

21. Nov 2019 / 11:29
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