• Caroline Capiaghi alias Frau Holle
    Caroline Capiaghi alias Frau Holle  (Elma Korac)

Von Märchen und deren Seele

Es war einmal ein kleines Mädchen namens Caroline, das lebte in einem hübschen Dorf in den Bündner Bergen. Caroline liebte es, sich in ihr Zimmer zurückzuziehen und stundenlang Märchen-Schallplatten von Trudi Gerster anzuhören. Wenn immer sie in eine Geschichte eintauchte, vergass sie alles um sich herum...
Buchs. 

Die Märchen von damals hatte Caroline, mittlerweile Mutter von vier Kindern, nie vergessen. Denn aus dem kleinen Mädchen, das damals so gerne in Trudi Gersters Märchenwelt eintauchte, wurde selber eine Erzählerin. Eine richtige, professionelle Erzählerin. Gerne blickte sie auf ihr Leben zurück. So wie damals, an jenem schönen Herbsttag. bei einer Tasse Tee in ihrem Haus in Buchs, als sie sich an ihre Mutter erinnerte, die eine ebenso begnadete Geschichtenerzählerin war: «Wir waren oft wandern und kaum kamen wir an einem Bach, einem besonderen Baum oder Felsen vorbei, begann die Mutter, uns Kindern eine Geschichte zu erzählen.» Sie habe das geliebt, sagte sie. Und während sie sich eine weitere Tasse Tee eingoss, begann sie zu erzählen: Wie sie ins Welschland reiste, um dort die Handelsschule zu absolvieren und sich dann zur Krankenschwester ausbilden liess. Von ihrer Arbeit im Spital, wo ihr zugute kam, dass sie nicht nur Geschichten erzählen, sondern ebenso gut zuhören konnte. Davon, dass sie die Menschen um sich herum oft zum Lachen brachte, etwa dann, wenn sie selbst die trockensten Rapporte in spannende Geschichten verpackte. Und wie sie zu jener Zeit – sie war etwa 20 Jahre alt – immer mehr Märchenbücher kaufte. «Manche kauften sich Schuhe, andere Kochbücher, ich war von Märchenbüchern angetan», sagte sie und lachte dieses ansteckende Lachen, das direkt aus ihrem Herzen zu sprudeln schien.

Nachdem Caroline geheiratet und eine Familie gegründet hatte, kündigte sie ihre Arbeit im Spital. Doch nach dem dritten Kind hatte sie grosse Lust, wieder ins Berufsleben einzusteigen. Da sich ihre Tätigkeit als Krankenschwester aber nicht mit der Arbeit  ihres Mannes kombinieren liess, wählte sie einen anderen Weg – ihren Weg. Sie begann, hier und dort Märchenkurse zu besuchen und saugte alles, was sie über Märchen lernen und erfahren konnte, auf wie ein Schwamm. Denn je mehr Märchenbücher sie sammelte und je mehr dieser faszinierenden Kurzgeschichten sie las, desto mehr begann sie sich auch für deren psychologische, volkskundliche, kulturelle und historische Hintergründe zu interessieren. Sie fragte sich: Woher stammten all die Märchen und die berühmten Märchenmotive? Und welche Botschaften steckten in den Geschichten?
So besuchte sie fortan Vorlesungen und Seminare zu Erzählkunst, Bühnenpräsenz und Märchenkunde und tauchte ein in die hohe Schule des Märchenerzählens. Gemeinsam mit einer Freundin baute sie einen Erzählkreis auf, den sie während dreizehn Jahren  leitete. Sie organisierte ein grosses Erzählfestival auf einem richtigen Schloss namens Werdenberg und erhielt sogar einen Kulturpreis für ihr unermüdliches Schaffen überreicht. Zehn Jahre lang war sie im Vorstand der grössten Märchengesellschaft und organisierte in dieser Funktion im ganzen Lande Märchenveranstaltungen und Märchentagungen.


Besonders gerne entführte Caroline aber Kinder und Jugendliche in ihre Zauberwelt. Sie trat in Schulen auf, begleitete Schulprojekte, erzählte ihre Geschichten in Alters- und Pflegeheimen oder an Weihnachtsfeiern. Sie trat auf in Kleintheatern, Erzählfestivals und einmal sogar auf einer Erzählbühne in Berlin, einer grossen Stadt in einem anderen  Land. Den eigentlichen Startschuss zu ihrer Erzählkarriere gab damals aber eine ganz besondere Frau: Hedy Sutter. Diese war Produktionsleiterin in einem kleinen Theater in einem Städtchen namens Buchs. «Sie lud mich damals ein, an einem Familienprogramm am Sonntagnachmittag ein Märchen zu erzählen und ich sagte spontan Ja.»

Erzählen – also «verzella» – könne jeder, sagte Caroline. Doch wer es kunstvoll machen wolle, benötige eine gute Ausbildung. «Was wir Erzähler machen, ist eigentlich Volkskunst.» Dann lachte sie wieder und ihre Augen leuchteten. Sie redete schnell, gestikulierte mit ihren Händen, zog in ihren Bann, steckte an mit ihrer Leidenschaft, selbst an jenem Nachmittag bei einer Tasse Tee an ihrem Küchentisch.

Dass sich Caroline nicht Märchenerzählerin, sondern schlicht Erzählerin nannte, lag  daran, dass sich in ihrem riesengrossen Korb voller Geschichten nicht nur Märchen, sondern eben auch unzählige Mythen und Sagen befanden. Je nachdem, wo und für wen sie ihre Geschichten erzählte, pickte sie sich das Passende aus ihrem Fundus heraus. Eigene Geschichten schrieb sie übrigens nie. «Die bestehenden Geschichten sind so unglaublich stark und berührend, das könnte ich gar nicht toppen», sagte sie bescheiden. Stattdessen übersetzte sie die Geschichten, die sie aus der ganzen Welt, vom Südpol bis zum Nordpol, zusammentrug, in stundenlanger Arbeit in ihre sympathische Bündner Mundart. «Die Mundart ist eine unglaublich starke und direkte Art der Kommunikation», erklärte sie. Natürlich konnte sie ihre Geschichten in Hochdeutsch erzählen. Manchmal fügte sie sogar ganze Abschnitte in französischer oder italienischer Sprache in ihre Erzählungen ein. Aber am liebsten war und blieb ihr stets die Mundart.

Caroline Capiaghi alias Frau Holle

Caroline Capiaghi alias Frau Holle

Im Grunde sei jedes Leben wie ein Märchen, davon war Caroline überzeugt. Das Leben beginne mit der Geburt, nehme seinen Lauf, gerate irgendwann in eine Not, einen Strudel, und je nachdem, für welche Abzweigungen man sich entscheide ... sie stockte. Hätte sie damals, nach ihrem dritten Kind, wieder ihre Arbeit als Krankenschwester im Spital aufgenommen, ihr Leben hätte eine andere Wendung genommen. «Doch es musste wohl so sein», sagte sie. Dann überlegte sie einen Moment und fuhr fort: «Wie im realen Leben, geht
es auch in den Märchen ganz oft um die alltäglichen Grunderfahrungen der Menschen; um  Liebe, Tod, Eifersucht, Geiz, Neid. Oft sind Märchen brutal und grausam, das stimmt. Doch am Ende steht immer das Glück. So lernen wir durch die Botschaft der Märchen auch mit dem realen Leben umzugehen und daraus Kraft zu schöpfen. Die Botschaft lautet: Geh deinen Weg im Vertrauen, wie die Heldin oder der Held, mit der Hoffnung auf ein gutes Ende.»

Und wie reagierten die Menschen auf sie? Besonders die grossen Menschen, die Erwachsenen, die doch eigentlich längst aus dem Märchenalter herausgewachsen waren? Märchen seien ursprünglich für Erwachsene geschrieben worden, klärte die leidenschaftliche Erzählerin auf.  Erst mit der Zeit habe man angefangen, diese für Kinder umzuschreiben. Wichtig sei, dass die Stimmung passe und die Zuhörer innerlich bereit seien. Dann würden Märchen in fast allen Menschen etwas auslösen. «Denn wir alle tragen die Seele der Märchen in uns.»

Träume, Visionen und Ideen hatte die leidenschaftliche Geschichtenerzählerin noch viele. Sie liebte die Menschen, sie liebte Geschichten und sie liebte das Erzählen. Deshalb hatte sie den Wunsch, noch lange weiterzumachen. «Ich möchte noch mehr Menschen zusammenzubringen, experimentieren, mit anderen Künstlern zusammenarbeiten, weitere Erzählkunstfestivals auf die Füsse stellen und der Bevölkerung zeigen, dass die Erzählkunst noch so viel zu bieten hat.» So wird Caroline ihren Lebensfaden hoffentlich noch lange weiterspinnen. Manchmal werde ihr der Faden aus der Hand gleiten, manchmal werde sie sich vielleicht sogar daran schneiden. «Aber wir Menschen müssen den Mut aufbringen, den Faden immer wieder aufzunehmen und uns fragen: Was will das Leben von uns? Dann können wir weiterspinnen, irgendwann zurückblicken und dankbar sagen: Ich bin meinen Weg gegangen.» (db)

28. Nov 2014 / 16:32
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