• Judith Jörg und Kansas - alias Aschenbrödel
    Aschenbrödel - alias Judith Jörg und Kansas  (Elma Korac)

Die Seelenverwandten

Vor langer, langer Zeit lebte ein Mann im Appenzellerland mit seinem geliebten Pferd Kansas. Es war ein lus- tiges Pferd, ganz gepunktet – wie der «Kleine Onkel» von Pippi Langstrumpf. Sie hatten viel Freude zusammen, doch irgendwann wurde der Mann schwer krank und starb. Seine Frau, die bis anhin eigentlich wenig mit Pferden am Hut hatte, pflegte das Tier als Andenken an ihren Mann liebevoll weiter...
Buchs/Schaan. 

Doch mit jedem Tag, der ins Land zog, war die Frau mit dieser Aufgabe mehr und mehr überfordert – und das Pferd unterfordert. So passierte, was passieren musste: Aus lauter Übermut raste Kansas über die Weide und rammte sich ein Metallrohr in die Schulter, welches von der angrenzenden Baustelle über den Zaun ragte. Der Schmerz war gross, die Wunde tief, und die Diagnose des Tierarztes klar: Für Kansas gab es wenig Heilungschancen.
Doch so schnell wollte die Frau nicht aufgeben und sie kämpfte mit allen Mitteln um Kansas’ Überleben. Zwar bekam sie mit einer Cortisonbehandlung die Entzündung der klaffenden Wunde in den Griff, doch als Folge daraus entwickelte Kansas sehr schmerzhafte Hufreh – eine unheilbare Krankheit. Zudem kam durch die lange Stehphase ein Lungenproblem hinzu, welche sich durch chronischen Husten bemerkbar machte. Die Frau war verzweifelt und am Ende ihrer Kräfte. So rang sie sich rund ein Jahr nach dem schrecklichen Unfall zu der schweren Entscheidung durch, einen neuen Besitzer für Kansas zu suchen.
Wer aber wollte sich schon ein 14-jähriges Tier mit solch einem Krankheitsbild zulegen? Jeder winkte ab, bevor er das Pferd überhaupt zu sehen bekam. Es gab nur noch einen einzigen Hoffnungsschimmer: der Tierschutzverein. Sollte eine Vermittlung über ihn erfolglos bleiben, war das Ende von Kansas besiegelt – auch wenn es das Herz der Frau brechen würde.

Nicht weit weg von Kansas, im Städtchen Buchs, lebte damals Judith mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern. Ihr Leben bot eigentlich alles, was sich andere Menschen wünschten, und doch fühlte sie Tag für Tag eine grössere Leere. Etwas fehlte – etwas, das sie früher hatte und ihr damaliger Energiespender war: Der Umgang mit Pferden. Vor vielen Jahren, mit jungen 18 Jahren, hatte sie sich einen Araberhengst gekauft, der sie 10 Jahre lang durch schöne und schwere Zeiten begleitete. Und als er starb, nahm er ein Stück ihres Herzens über die Regenbogenbrücke mit. «Er fehlt mir so», sagte sie immer wieder zu ihrer Schwester Luzia. «Vor allem das Gefühl der tiefen, innigen Bindung.» So war es dann auch Luzia, die ihrer Schwester die besagte Meldung des Tierschutzvereins zukommen liess. Viel stand nicht drin, nur «Lebensplatz für menschenbezogenes, älteres Pferd gesucht», mit einem Foto von Kansas. Und obwohl der grossrahmige «Appaloosa-Verschnitt» so gar nicht dem Typ Pferd entsprach, das Judith in der Regel gefiel, liessen sie die treuen Augen auf dem Bild nicht mehr los. «Ich muss hinfahren und ihn mir ansehen», verkündete sie kurze Zeit darauf und machte sich gemeinsam mit Luzia auf den Weg Richtung Appenzellerland.  

Es war Liebe auf den ersten Blick. Bereits die erste Begegnung zwischen Judith und Kansas war so vertraut, als ob sie sich seit jeher kennen würden. Und so war für die damals 35-Jährige schnell klar: «Wir haben uns gefunden». Sie war sich bewusst, dass sie dieses Pferd aufgrund seiner gesundheitlichen Probleme vielleicht nie reiten würde, doch das war ihr egal. «Dieses Pferd und ich gehören zusammen.» Zwar tat sich die bisherige Besitzerin noch schwer damit, Kansas abzugeben, doch nach wenigen Wochen erhielt Judith die Zusage, woraufhin sie mit einem Pferdetransporter auf direktem Weg zu Kansas fuhr. Dort angekommen, zeigte sich ein weiteres Handicap des Pferdes: Kansas war ein «Kleber» – das heisst, er bekam Panikattacken, sobald er sich von seinen Pferdefreunden zu weit entfernen musste. Doch mit viel Feingefühl wusste Judith dieses Problem bestens zu meistern – und als Kansas dann in seiner neuen Heimat ankam und entdeckte, dass es auch hier vierbeinige Freunde finden würde, war die Welt für ihn wieder in Ordnung.

Fortan verbrachten Judith und ihre Familie viel Zeit mit dem neuen Familienmitglied. Dank eines Spezialbeschlags bekamen sie das Hufrehproblem recht gut in den Griff, sodass Kansas wieder relativ schmerzfrei laufen konnte. Dass dies bei der fortgeschrittenen Hufkrankheit möglich war, erstaunte selbst den Hufschmied. «Kansas ist eine echte Kämpfernatur», sagte er kopfschüttelnd. «Seine lebendigen Augen sagen alles: Dieses Pferd will leben.» Und das tat Kansas auch. Zwar hatte er in seinen 14 Jahren nie viel mehr gelernt, als einen Reiter zu tragen, doch seine neuen Aufgaben, ob bei der Arbeit an der Hand oder unter dem Sattel, ging er stets mit viel Eifer an – auch wenn er nicht immer auf Anhieb verstand, was die neuen Menschenfreunde von ihm wollten. Und selbst wenn er anfangs vor vielen neuen Eindrücken Angst zeigte, lernte er jeden Tag mit Interesse dazu. Nach der langen Zeit ohne Aufgabe genoss er jede Beschäftigung mit seiner neuen Besitzerin. Allerdings erforderte die Kombination aus Unsicherheit und einer gehörigen Portion Frechheit viel Einfühlungsvermögen von Judith. «Auf der einen Seite ist Kansas sehr weise, auf der anderen Seite lässt er sich leicht ablenken», erklärte sie ihrer Schwester einmal. «Er braucht eine klare Führung, aber keinen Druck.» Eine Gratwanderung, die sie nur meisterte, da sie sich so gut in den Vierbeiner einfühlen konnte. «Ich glaube, wir sind uns einfach sehr ähnlich», lachte sie. «Wir sind beide hibbelig, sensibel und interessiert zugleich. Wir sind Seelenverwandte.» Und so ritt sie ihr Pferd auch auf eine ganz besondere Weise, welche sie selbst als «juditisch» bezeichnet – eine fliessende Kombination aus Western, englischer, baro-cker und iberischer Reitkunst. Das mochte Kansas. Denn starre Regeln waren im zuwider.

Judith Jörg und Kansas - alias Aschenbrödel

Judith Jörg und Kansas - alias Aschenbrödel

Nie hätte Judith anfangs gedacht, dass sie einmal lange Ausritte mit ihrem «unheilbaren» Kansas machen könnte, doch genau so war es – dank fürsorglicher Pflege. Und so traf man Judith und ihr Pferd erst in Räfis, dann nach einem Stallwechsel oft im Schaaner Riet an. Ein Bild, das den Menschen, die ihnen begegneten, immer ein Lächeln ins Gesicht zauberte. Nicht selten stimmten Passanten spontan das Pippi-Langstrumpf-Lied an, wenn Judith und Kansas vorbeiritten, und die Kinder fragten, ob das der echte «Kleine Onkel» war. Somit war gute Laune garantiert, wenn Kansas und Judith gemeinsam die Natur erkundeten. Und wenn der Vierbeiner einmal einen schlechten Tag hatte, gab Judith acht darauf und investierte dafür mehr Zeit in seine Körperpflege. Am meisten genoss es Kansas, wenn Kinder an ihm herumschruppten, dann war er glücklich und liess sich stundenlang verwöhnen. Er war ein richtiges Familienpferd geworden. Vor allem schätzte Judith an ihrem Kansas aber seine absolute Ehrlichkeit und sein anhängliches Wesen. Sie fühlte sich einfach wohl in seiner Nähe. «Du strahlst so etwas Wohltuendes aus», flüsterte sie ihm oft ins Ohr. «Der ganze Stress fällt von mir ab, wenn ich in deiner Nähe bin.» Bei ihm fühlte sie sich im Hier und Jetzt – als Teil der Natur und Lebendigkeit der Pferde.

Manchmal, wenn sie ihren geliebten Kansas so beobachtete, streifte Judith der Gedanke, dass er vielleicht nicht mehr leben würde, wenn sie ihn nicht übernommen hätte. In diesen Momenten war sie sehr dankbar für jeden Tag, den sie mit ihm verbringen durfte. Denn sie wusste: Kansas und sie hatten sich gegenseitig gerettet. Sie ihn, indem sie ihm ein liebevolles Heim schenkte. Und er sie, indem er Judith durch seine inspirierendes, wohlwollendes Wesen die pure Lebendigkeit und ihr wahres Wesen neu entdecken liess. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann reiten Judith und Kansas noch heute gemeinsam durch die Natur und geniessen jeden Augenblick der Verbundenheit. (ne)

 

28. Nov 2014 / 16:19
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