• Four leaf lucky clover held by hand against sky
    Was ist Glück und was braucht der Mensch, um glücklich zu sein?  (iStock)

Was ist Glück?

Mathias Binswanger, Professor für ­Volkswirtschaft und Glücksforscher: «Glücklich sein hängt von ­verschie­denen Faktoren ab.»

Herr Binswanger, was ist die Definition von Glück?
Mathias Binswanger: Glück ist etwas Individuelles, das heisst, es wird gar nicht genau definiert, was Glück genau beinhaltet. Als Glücksforscher versucht man herauszufinden, was Leute glücklich oder unglücklich macht. Die Glücksforschung geht heute davon aus, dass es zwei wichtige Komponenten gibt. Die eine ist die sogenannte Lebenszufriedenheit. Wenn man sein Leben betrachtet, ist man dann zufrieden oder nicht? Es gibt aber einen zweiten Aspekt, der auch als emotionales Wohlbefinden bezeichnet wird. Hier geht es um eher kurzfristige Glücksmomente. Ich esse und bin glücklich, kurze Zeit später stehe ich mit meinem Auto im Stau und bin wieder unglücklich. Ein glückliches Leben besteht einerseits darin, dass ich zufrieden bin mit meinem Leben. Es besteht aber andererseits auch darin, dass ich viele Glücksmomente im Leben erleben darf und relativ wenige Unglücksmomente im Leben erleben muss.

Sind Menschen, die in einer Villa leben glücklicher, als solche, die in einer einfachen Wohnung wohnen?
Nein, grundsätzlich nicht. Es wird zwar festgestellt, dass Einfamilienhausbesitzer insgesamt glücklicher sind als Leute, die in einer Mietwohnung leben, aber wenn man das Einkommen korrigiert, dann verschwindet dieser Effekt wieder. Das heisst, Einfamilienhausbesitzer, die dasselbe Einkommen haben wie Mieter, sind nicht glücklicher als diese. Es kommt viel mehr darauf an, was man aus sich macht und nicht, ob jemand ein Haus hat oder nicht. Wenn man Leute betrachtet, die in einem Einfamilienhaus wohnen, stellt man fest, dass sie oft nur einen kleinen Teil des Hauses nutzen. Ein Einfamilienhaus kann auch negative Aspekte mit sich bringen. Häufig liegt das Haus weiter vom Arbeitsplatz entfernt, was zu längeren Pendlerzeiten führt. Während der Zeit, die die Menschen fürs Pendeln aufwenden, sind sie im Tagesverlauf aber typischerweise am wenigsten glücklich. Ein Aspekt, der zu wenig berücksichtigt wird, wenn Menschen den Traum vom Einfamilienhaus verwirklichen.

Weshalb wird Geld oder Wohlstand im Allgemeinen immer als «Glücklichmacher» angesehen?
Es legitimiert unsere ganzen Anstrengungen. Es ist eine Art Glücksversprechen, welches hinter einem höheren Einkommen steckt. Wir sollen uns anstrengen, um noch mehr zu verdienen, weil dahinter das Versprechen eines glück­licheren zukünftigen Lebens steht. In hochentwickelten Ländern wie der Schweiz, Liechtenstein oder Deutschland kann man aber feststellen, dass dies ein leeres Versprechen ist. Die Menschen werden durch ein höheres Einkommen nicht mehr glück­licher. Dafür verantwortlich sind die sogenannten «Tretmühlen des Glücks», die auch meinem Buch den Titel gegeben haben. Tretmühlen beschreiben dabei die Tatsache, dass man zwar weiterhin glaubt, mit mehr Einkommen glücklicher zu werden, aber in Wirklichkeit 
glücksmässig an Ort und Stelle tritt. 

Was braucht es, damit eine ganze Nation bzw. ein ganzes Land glücklich ist und Glück verspüren kann?
Dazu braucht es ganz klar ein gewisses Einkommen. In ärmeren Ländern sind Menschen weniger glücklich. Das gilt aber nur bis zu einem gewissen Schwellenwert. Wenn ein Land ein gewisses Niveau erreicht hat, dann werden die Menschen im Durchschnitt mit mehr Einkommen nicht mehr glücklicher. Wenn man Resultate aus verschiedenen Ländern anschaut, sieht man auch, dass Arbeitsplatzsicherheit einen wesentlichen Beitrag leistet. Arbeitslosigkeit ist der statistisch am besten erfasste Unglücksfaktor im Leben eines Menschen. Nicht nur dann, wenn man selbst arbeitslos wird, sondern auch die Angst vor der Arbeitslosigkeit. Dies gilt vor allem für Länder, in denen die Arbeitsplatzsicherheit gering ist. In der Schweiz und in Liechtenstein ist die Arbeitsplatzsicherheit sehr hoch, was zu einer hohen Lebenszufriedenheit beiträgt.

Gemäss Aussagen vieler Einwohner und Einwohnerinnen Liechtensteins fühlen sich viele Leute in unserem kleinen Land sehr wohl und sind glücklich, hier leben zu dürfen. Was könnten Ihrer Meinung nach die Gründe dafür sein? Ist es die Sicherheit? Die Ordnung? Die kurzen Wege?
Neben der Arbeitsplatzsicherheit sind dies weitere wichtige Faktoren, die dazu beitragen. Doch wir müssen vorsichtig sein. Es gibt auch einen sogenannten «Social Desirability Bias». Die Schweiz ist bei internationalen Glücksvergleichen wie etwa beim «World Happiness Report» immer ganz vorne dabei. Wenn man jedoch als Auswärtiger die Schweiz besucht, hat man nicht das Gefühl, dass hier besonders fröhliche und lustige Menschen leben. In Liechtenstein ist es wahrscheinlich genauso. Wenn Menschen nach ihrem Glücksbefinden befragt werden, so geben sie in der Regel zu positive Antworten, was zum erwähnten «Social Desirability Bias» führt. Dieser scheint in der Schweiz und Liechtenstein besonders ausgeprägt zu sein nach dem Motto, man hat doch alles, dann muss man zufrieden sein. 

Schneiden in der Schweiz alle Landesteile so positiv ab? Oder leben beispielsweise die Leute im Tessin etwas lockerer als in der Deutschschweiz?
Wenn die verschiedenen Landesteile wie Deutschschweiz, Westschweiz und Tessin verglichen werden, stellt man fest, dass offenbar in der Deutschschweiz die glücklicheren Menschen leben als in der Westschweiz oder im Tessin. Das liegt aber vermutlich weniger daran, dass sie tatsächlich weniger glückliche Menschen sind, als daran, dass jene in der Westschweiz und im Tessin von einer mediterranen Mentalität angesteckt sind. Die mediterrane Mentalität ist keine Mentalität, wo man das Gefühl hat, man müsse doch zufrieden sein. Es ist eher eine Mentalität, sich zu beklagen. Das sieht man auch am Beispiel Italien, ein Land, das im «World Happiness Report» stets ziemlich weit hinten rangiert. Daraus können wir schliessen, dass auch die Kultur auf Glücksbefragungen einen Einfluss hat. Die Glückswerte für die Deutschschweiz und Liechtenstein sind somit übertrieben hoch.

Binswanger Mathias

Binswanger Mathias, Professor für Volkswirtschaftslehre und Glücksforscher.

Wie wichtig ist für den Menschen der Zustand des Unglücklichseins, um in einer neuen, anderen Situation wieder Glück zu empfinden? 
Das ist natürlich Bedingung. Man weiss nicht was Glück ist, wenn man nicht ab und zu unglücklich ist, und es gibt auch kein Leben, in dem alles passt. Es ist normal, dass man zeitweise unglücklich ist. Im Idealfall lernt man, damit umzugehen. Man weiss, irgendwann geht das auch wieder vorbei und man überlegt sich, weshalb man unglücklich ist. Auf diese Weise weiss man im Idealfall mit der Zeit besser, was einen am Glücklichsein hindert oder welche Dinge oder welches Verhalten eliminiert werden müssen, um wieder glücklich sein zu können. 

Sie haben zuvor den Wohlstand und die tiefe Arbeitslosigkeit erwähnt. Was ist Ihre Meinung zum Märchen Hans im Glück? Je weniger er hatte, umso glücklicher wurde er?
Auch das stimmt manchmal. Je mehr man hat, umso mehr Sorgen hat man, umso weniger unbeschwert lebt man, was auch eine Last sein kann. Natürlich erzählt das Märchen nicht die volle Wahrheit, sondern deckt nur den negativen Aspekt von Reichtum ab. Es ist sozusagen eine Warnung, dass mehr materieller Wohlstand nicht nur neue Glückspotentiale schafft, sondern auch die Sorgen vermehren kann.  

Viele spiele Lotto, in der Hoffnung einen grossen Gewinn zu erspielen. Kann ein Lottogewinn wirklich glücklich machen?
Das hat man tatsächlich untersucht. Menschen, die eine hohe Summe im Lotto gewonnen haben, sind kurzfristig glücklich und in einer Euphorie. Wenn man sie aber ein Jahr später befragt, sind sie im Durchschnitt genau gleich glücklich oder sogar unglücklicher, wie sie vor dem Lottogewinn waren. Das heisst, es macht Menschen längerfristig nicht glücklicher. Man bleibt eben letztlich derselbe Mensch und beginnt nicht plötzlich zu reisen, nur weil man jetzt viel Geld hat. Wem reisen wirklich wichtig ist, der ist auch vorher schon gereist und wartet dafür nicht auf einen Lottogewinn.

Welche Bedingungen führen dazu, dass sich ein Mensch glücklich fühlt? Sind es Ferien? Für andere die Arbeit? Gibt es verschiedene Charakteren von Menschen?
Letztlich kommt es darauf an, ob man so leben kann wie man leben möchte. Oder das machen kann, was man gerne macht. Wenn man nur in den Ferien glücklich sein kann und den Rest des Jahres unglücklich ist, ist das natürlich kein glückliches Leben. Man verbringt typischerweise sehr viel Zeit am Arbeitsplatz. Also spielt die Arbeit eine wichtige Rolle für ein glückliches Leben. Dazu muss Arbeit in erster Linie Sinn machen. Eine als sinnlos empfundene Arbeit macht nie glücklich. Und genau das ist häufig ein Problem – man weiss gar nicht genau, wozu die Arbeit dient und was der Sinn dahinter ist. Ein an­deres Problem ist, dass viele Arbeitsplätze nach dem System ­Zuckerbrot und Peitsche funktionieren. Man wird mit Bonus belohnt, wenn man etwas leistet, und wenn man nichts leistet, wird man zwar nicht mit der Peitsche geschlagen, aber es führt karrieremässig auf ein Abstellgleis. Also muss man ständig beweisen, dass man Leistung erbringt. 

Was meinen Sie konkret damit?
Grundsätzlich wird jeder als schwarzes Schaf betrachtet, und man muss Jahr für Jahr beweisen, dass man doch ein weisses Schaf ist. Solche Arbeitskulturen sind Misstrauenskulturen, wo jeder grundsätzlich als Leistungsverweigerer betrachtet wird. Deshalb ist die Arbeitszufriedenheit oft nicht allzu hoch.

Nimmt die Kurve von Glück und Glücklichsein im Alter ab? Muss man mehr dafür tun, um im Alter glücklich zu sein?
Nein, sie nimmt zu. In verschiedenen Ländern lässt sich eine sogenannte U-Kurve beobachten, auch in der Schweiz und Liechtenstein. Die Menschen sind relativ glücklich, wenn sie jung sind, geraten dann in der Mitte des Lebens in eine Art Wellental und werden im Alter wieder glücklicher, insbesondere nach der Pensionierung. Das liegt daran, dass man in der Jugend viele Dinge, die man gerne tut, unbeschwert ausprobieren kann, ohne dass man grossartig Leistung erzielen muss. In der Mitte des Lebens kommt man immer mehr in Zwänge, man muss sich beweisen, Doppelbelastung durch Familie und Beruf. Man hat häufig zu wenig Zeit und Musse für glücklich machende Aktivitäten. Dies wird im Alter und nach der Pensionierung wieder besser. Der ganze Stress ist plötzlich weg. Die Zeit nach der Pensionierung ist oftmals eine der glücklichsten Lebenszeiten, die Menschen heute erfahren. Natürlich gilt das nur, solange die Gesundheit dabei mitspielt. Heute kann aber die Mehrheit der Menschen damit rechnen, nach der Pensionierung nochmals relativ lang bei guter Gesundheit zu leben. 

Kann es sein, dass der Mensch durch die Digitalisierung und Entfremdung unglücklicher wird? Beispiel: Instagram – eine Scheinwelt, die zum Neiden anregt und somit unglücklich macht?
Ja, tendenziell bekommen wir hier eine verzerrte Welt präsentiert. Alle machen tollere Dinge, als sie in Wirklichkeit sind, sehen besser aus, als sie in Wirklichkeit aussehen, das heisst für den Betrachter, dass er immer schlechter abschneidet. Trotzdem würde ich nicht sagen, dass die Sozialen Medien grundsätzlich unglücklich machen, denn sie ermöglichen auch vieles. Aber es kommt hinzu, dass es ungeheurere Zeitfresser sind, die süchtig machen. Das virtuelle Leben wird zum Teil wichtiger als das reale Leben. Das wirkliche Glück liegt aber immer noch im realen Leben. 

Wie unterscheiden Sie den Begriff Glück haben mit glücklich sein? Und muss man Glück haben, um glücklich sein zu können?
Hin und wieder sicher. Jemand, der immer Pech hat, hat es schwieriger, glücklich zu sein. Natürlich gibt es die Zufälle, wie Glück haben, was etwas anderes ist, als längerfristig glücklich zu sein. Aber manchmal muss man dem Glück etwas nachhelfen. Menschen, die mit dem Leben zufrieden sind, erleben häufiger kurzfristige Glücksmomente, weil sie eher in der Lage sind, diese zu erkennen. In der Schweiz und in Liechtenstein ist aber das Problem, dass die Menschen tendenziell das Glas zu 1/10 als leer statt zu 9/10 als voll sehen. Man erkennt nicht mehr, welche Möglichkeiten bestehen und wie gut wir heute leben. Stattdessen wird ständig auf Dingen herumgehackt, die noch nicht perfekt sind und die man unbedingt besser machen muss. Dadurch wird eine permanente Unzufriedenheit kultiviert.

Freiheitsliebende Menschen verspüren eine andere Art von Glück als jene, die ihre Erfüllung in Arbeit und genormten Mustern finden. Welcher der beiden Menschen wird Ihrer Meinung nach am Ende glücklicher sein und ein erfüllteres Leben geführt haben?
Das kann generell nicht beantwortet werden. Denn Menschen wollen sowohl Freiheit als auch Sicherheit. 100-prozentige Freiheit wie auch 100-prozentige Sicherheit sind die Hölle. Die Zustände, die wir als gut empfinden, liegen irgendwo in der Mitte. Jetzt gibt es aber Menschen, die eher auf die Freiheitsseite tendieren und andere, die die Sicherheitsseite bevorzugen. Es ist daher individuell sehr verschieden.

Welche Ansätze gibt es, um sein Leben zu optimieren und somit glücklich zu werden. Oft ist es so, dass man nicht glücklicher ist, obwohl man eine bestimmte (gewünschte) Position (Arbeit, Eigenheim, anderen Wohnort) einnimmt?
Wichtig ist, dass man mit Dingen beschäftigt ist, die einem Freude bereiten und dass man mit Menschen Umgang pflegt, die etwas zum Glück beitragen. Das Sozialleben spielt eine sehr entscheidende Rolle. Ein wesentlicher Aspekt ist auch, dass man sich jeden Tag an kleinen Dingen erfreuen kann. Denn grosse Glücksmomente sind in jedem Leben eher selten und auf diese kann man nicht bauen. Wenn man sich aber jeden Tag über Kleinigkeiten freuen kann, beispielsweise am Morgen auf eine Tasse Kaffee, ist das bereits ein wesentlicher Beitrag zu einem glücklichen Leben.

Was macht Sie persönlich glücklich oder besser gefragt wann waren Sie das letzte Mal richtig glücklich, und warum?
Ich bin immer glücklich, wenn ich am Morgen aufwache und weiss, dass ich noch nicht aufstehen muss und liegenbleiben kann. Generell bin ich glücklich, dass ich mich mit für mich interessanten Themen beschäftigen kann und mein Arbeitsleben vom Privaten gar nicht wirklich getrennt ist. Das heisst, dass ich meinen Tag relativ frei gestalten kann. Die einen Dinge, die ich am Tag mache, haben mehr mit dem Beruf zu tun, andere wieder weniger. Solange ich es nicht strikt trennen muss, macht die Arbeit Freude, weil ich sie gar nicht als solche wahrnehme. (lb)

 

13. Aug 2019 / 06:02
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