• Decisions about the future
    Veränderungen bringen oft auch Verunsicherung und Ängste mit sich, mit denen es umzugehen gilt.  (iStock)

«Veränderungen anzunehmen, ist der zufriedenstellendere Weg»

Laut Psychologin und Psychotherapeutin Nicole Bickel empfinden Menschen, die Veränderungen aufgeschlossen gegenüberstehen, ihr Leben in erhöhtem Masse als stimmig. Doch auch das Festhalten an Bewährtem kann sich bisweilen als die richtige Strategie erweisen.
von Oliver Beck. 

Nicole Bickel: Die Welt um uns herum ist nichts Statisches, Unverrückbares. Ist Veränderung folglich eine Normalität unserer Existenz?
Nicole Bickel: Ich denke, Leben heisst ständige Veränderung und Entwicklung, und Veränderung ist somit auch normal. Viele Veränderungen sind schleichend, und man kann sich langsam an diese gewöhnen. Sie sind einem also nicht bewusst beziehungsweise erst im Nachhinein. Veränderung bringt oft Wachstum und Entwicklung mit sich.

Wann empfinden wir Veränderungen denn als herausfordernd oder belastend?
Veränderungen sind zunächst weder gut noch schlecht, aber die Veränderung unserer Umwelt heisst, dass wir uns neu anpassen müssen, was natürlich mit einem gewissen Energieaufwand verbunden ist. Positiv wird es dann empfunden, wenn sich die bestehende Situation verbessert beziehungsweise die Veränderung von uns selber gewünscht wird. Wenn wir zum Beispiel eine neue, interessantere Arbeitsstelle antreten oder in ein grösseres Haus umziehen können. Als belastend wird eine Veränderung empfunden, wenn sie von aussen aufgezwungen wird. Die Coronapandemie zum Beispiel kam für die meisten von uns überraschend, und so waren wir unvorbereitet, fühlten uns bedroht und die Veränderungen waren alles andere als erwünscht. Ein weiteres Kriterium sind die negativen Konsequenzen, die eine Veränderung mit sich bringt – etwa finanzielle Einbussen, der Verlust des Arbeitsplatzes, der Verlust liebgewonnener Gewohnheiten oder sogar der Verlust eines geliebten Mitmenschens.

Was hat den Menschen während der Coronapandemie besonders zu schaffen gemacht?
Zunächst konnte die Gefahr von den meisten Menschen hier nicht eingeschätzt werden. Aufgrund der Berichte aus Italien löste sie immense Ängste und Verunsicherung aus. Persönliche Freiheiten wurden von einem Tag auf den anderen drastisch ­beschnitten. So durfte man plötzlich seine Verwandten und Freunde nicht mehr treffen, der Bewegungsradius wurde massiv eingeschränkt, Hobbys durfte nicht mehr nachgegangen werden usw. Und das alles auf ungewisse Zeit. Nach wie vor ist nicht absehbar, wie sich die Pandemie weiterentwickeln wird und wie die Auswirkungen auf unsere Zukunft sein werden. Ich beobachte, dass diese Ungewissheit von vielen Menschen nach wie vor als sehr belastend erlebt wird.

Wen hat die Coronakrise besonders herausgefordert?
Ich denke, bei uns hat es besonders die Kinder und Jugendlichen schlimm getroffen. Kinder hatten plötzlich keine «Gspänle» mehr zum Spielen und den Jugendlichen wurden Treffen, gemeinsames «Abhängen» usw. verboten, was in dem Alter zu den allerliebsten Freizeitbeschäftigungen gehört und für die Identitätsentwicklung essenziell ist. Zudem sollten Kinder und Jugendliche den schulischen Anforderungen plötzlich und völlig unvorbereitet via Fernunterricht gerecht werden. Viele Jugendliche bangten um ihre Schul- und Lehrabschlüsse.

Aber auch viele Erwachsene sahen und sehen sich extremen Herausforderungen gegenüber.
Für die Eltern und im Besonderen die Mütter kamen zu den sonstigen Mehrfachbelastungen (Job, Kinder, Haushalt) noch zusätzliche Aufgaben hinzu. Von einem Tag auf den anderen sollten sie auch noch Lehrer, Motivator und Polizist – man denke etwa an das Einhalten der Corona-Abstandsregeln – ihrer Kinder sein, was bei vielen zu Gefühlen der Überforderung bzw. Erschöpfung geführt hat. Nicht zu vergessen die existenziellen Ängste, die bei vielen durch Kurzarbeit und Kündigungen entstanden sind. Auch das Homeoffice war für viele Eltern eine grosse Belastung, da sie den beruflichen Anforderungen und gleichzeitig der Kinderbetreuung in den eigenen vier Wänden gerecht werden sollten. Viele hatten daheim kein eigenes Büro und mussten ihr Wohnzimmer, Esszimmer oder sogar ihr Schlafzimmer zum Arbeitsplatz umfunktionieren, was natürlich nicht immer ein guter Ersatz für ein zweckmässig eingerichtetes Büro sein kann. Ausserdem verbrachten Familienmitglieder plötzlich viel Zeit auf begrenztem Raum. Die vielen und vor allem schnell erforderlichen Anpassungsleistungen führten vielfach zu Spannungen, Konflikten und zum Teil sogar zu Gewalt in Familien.

Welche Veränderungen brachte die Coronakrise für ältere Personen mit sich?
Für die älteren Menschen war es besonders schlimm, keinen persönlichen Kontakt zu ihren Liebsten zu haben, was ihren Alltag oftmals eintöniger und einsamer machte. Ausserdem werden sie zu der «gefährdeten Gruppe» gezählt, was selbstverständlich viele Unsicherheiten, Todesängste und Verlustängste entstehen lässt.

Gefühlt haben wir zwei Optionen, wie wir auf Veränderungen reagieren können: Annahme oder Ablehnung.
Das stimmt, wobei wir vielfach zur Annahme gezwungen sind, um weiterhin am sozialen Leben teilhaben zu können. Um in unserer Gesellschaft erfolgreich zu sein, sind viele Anpassungsleistungen unumgänglich.

Das mutet recht stressig an.
Wie schon gesagt, bringen Veränderungen oft auch Verunsicherung und Ängste mit sich, mit denen es umzugehen gilt. Diese Skepsis oder Angst ist vollkommen natürlich, denn sie sichert unser Überleben. Etwas Neues könnte möglicherweise unser Leben bedrohen. Unser primitiver, instinktgesteuerter Teil des Gehirns, also unser Stammhirn, meldet in solchen Situationen «Gefahr» und wir bekommen Angst, sprich Stress. Menschen, die einen eher aktiveren Lebensstil pflegen, sind sich eher gewöhnt, mit solchen Ängsten umzugehen und sich Veränderungen anzupassen, als andere.

Wie entscheidet sich, ob ein Mensch in Richtung Annahme oder Ablehnung tendiert?
Ich denke, es hängt sehr stark mit der Persönlichkeit, der Lebenseinstellung und auch der Lebensgeschichte der Person zusammen.

Können Sie das konkretisieren?
Es gibt Menschen, die verfügen über genug natürliche Resilienz, um mit solchen Stressoren adäquat umgehen zu können. Das heisst, sie erleben sich als «selbstwirksam» und verfügen über mehr Strategien, ihr Leben zu gestalten, und sie verfügen diesbezüglich auch über mehr Selbstbewusstsein. Sie glauben an ihre Kompetenz, schwierige Situationen bewältigen zu können. Auch Achtsamkeit ist ein Faktor: Menschen, die sehr achtsam durchs Leben gehen, erkennen früher als andere auch kleine Veränderungen in einer Partnerschaft, Familie oder am Arbeitsplatz. Dementsprechend früher können sie von sich aus Veränderungen einleiten und gestalten.

Ist Ablehnung oftmals eine Folge von Überforderung?
Es kann sowohl eine Folge von Überforderung im Sinne von «Angst vor dem Neuen» sein, aber auch auf ein Festhalten an Bewährtem hinweisen. Diese Personen sind davon überzeugt, dass das, was bisher gepasst hat, auch weiterhin gut ist. Ich denke, in manchen Situationen braucht es diese Menschen genauso. Gewohntes gibt schliesslich auch Sicherheit und kann das Leben einfacher machen.

«Diese Menschen braucht es genauso.» Wie meinen Sie das?
Denken wir an das Thema Schule. Die gesamte Arbeitswelt ist schon digitalisiert, und wir befinden uns gerade mitten in der Digitalisierung der Schule. Kritiker argumentieren etwa, dass es trotzdem Sinn macht, wenn Kinder die Handschrift lernen, beziehungsweise mit Stift, Papier und anderem Arbeitsmaterial Rechnungen lösen können. Die Kinder können so die Lerninhalte im wahrsten Sinne des Wortes begreifen. Ich denke, dass hier das Altbewährte tatsächlich auch seine Berechtigung hat und nicht den Veränderungsprozessen zum Opfer fallen sollte.

Ablehnung ist in diesem Zusammenhang demnach zu Unrecht ein vornehmlich negativ konnotierter Begriff.
Es ist davon abzuraten, auf «Teufel komm raus» alles verändern zu wollen. Das Vertraute gibt uns viel Sicherheit, und nach genauerem Überlegen macht nicht jede Veränderung wirklich Sinn. Ich denke da auch an belastende Beziehungen, in denen eine Trennung oder Scheidung zunächst als einzig sinnvoller Weg gesehen wird. Nicht selten habe ich in meiner Arbeit aber erlebt, wie Paare in diesem «Trennungsprozess» wieder zueinander gefunden haben, nachdem sie alle anderen Möglichkeiten angeschaut und abgewogen haben.

Ist auch Drogenkonsum ein Verhaltensmuster, hinter dem sich Ablehnung verbirgt?
Auf jeden Fall, da eine solche Sucht mit einer Flucht von der Realität einhergeht. Wenn jemand Veränderungen wahrnimmt, denen er sich nicht gewachsen sieht, ist es kurzfristig einfacher, sich in übermässigen Alkoholkonsum oder andere Drogen zu flüchten, als sich der Realität zu stellen.

Welche anderen Strategien haben Menschen, um sich Veränderungen zu verschliessen?
Sie leugnen oder ignorieren, dass Veränderungen stattfinden, und versuchen, gleich wie immer weiterzumachen, was in Folge dazu führt, dass diese Menschen das Gefühl haben, nur noch reagieren zu können. Die Handlungsmöglichkeiten sind letztlich eingeschränkt, und sie fühlen sich als Spielball ihres Schicksals.

Ist das Annehmen von Veränderungen tendenziell der bessere Weg?
Veränderungen anzunehmen ist sicher der leichtere respektive auch zufriedenstellendere Weg, da man sich, wie schon gesagt, als «selbstwirksamer» erlebt. Ich denke, Menschen, die ihr Leben aktiv (mit-)gestalten und bereit sind, sich auf Neues einzulassen, entwickeln sich auch weiter und empfinden ihr Leben als für sie stimmig.

Wie gelingt eine derart konstruktive Herangehensweise?
Fast alle Veränderungen haben Vorzeichen. Entscheidend ist, diese wahrzunehmen und früh genug darauf zu reagieren. In der Regel haben wir sehr viele Möglichkeiten, zu erkennen, in welche Richtung sich etwas entwickelt. Wir müssen uns nur aktiv darum bemühen, die wichtigen Informationen zu erhalten und entsprechend darauf zu reagieren. Wenn wir zum Beispiel wahrnehmen, dass die Umsätze des Arbeitgebers stark zurück­gehen, ist es wahrscheinlich günstiger, sich früh genug nach einer neuen Stelle umzusehen, als eines Tages unvorbereitet gekündigt zu werden. Je offener und unvoreingenommener wir auf neue Situationen zugehen, desto leichter sind Veränderungen annehmbar. Um bei unserem Beispiel zu bleiben: Je mehr wir eine neue Arbeitsstelle als Chance ansehen, uns persönlich weiterzuentwickeln oder sogar besser zu verdienen, desto positiver und motivierter wirken wir bei einem Bewerbungsgespräch. Und desto leichter können wir uns auf die neue Arbeitsumgebung und Arbeitsprozesse einlassen. Im Nachhinein erscheint einem die Veränderung vielleicht sogar als glückliche Fügung des Schicksals. Wichtig dabei ist, sich immer wieder andere Veränderungsprozesse in seinem Leben in Erinnerung zu rufen, die erfolgreich gemeistert wurden, so kann man auch Mut für die anstehenden Veränderungen schöpfen.

Wie wichtig ist Gelassenheit?
Gelassenheit ist die wichtigste Zutat bei Veränderungsprozessen.

Können Sie das ein wenig ausführen?
Gelassenheit bedeutet innere Ruhe und Besonnenheit auch in schwierigen Situationen zu bewahren sowie eine gewisse Unvoreingenommenheit gegenüber Neuem. Mit ausreichend Gelassenheit werden sicher die besseren Entscheidungen getroffen als aus Gefühlen der Angst, Panik oder Stress.

Und wie lässt sich Gelassenheit erreichen?
Dazu bräuchte es jetzt eine längere Ausführung. Kurz zusammengefasst geht es darum, sein inneres Gleichgewicht zu bewahren beziehungsweise schnell wiederzuerlangen. Das gelingt etwa mit Hilfe von verschiedenen Entspannungsmethoden wie Yoga oder Meditation. Weiter hilft es, im Alltag öfter innezuhalten und für sich zu entscheiden, in gewissen Situationen früher Grenzen zu setzen oder sich auch mal mehr Ruhe zu gönnen. Für Gelassenheit dienlich ist zudem sicher eine grosse Portion Zuversicht und Optimismus.

Ist gleichwohl jeder Mensch nur bis zu einem gewissen Grad fähig, mit Veränderungen positiv umzugehen?
Ich denke schon. Ausser vielleicht irgendwelche erleuchteten Gurus, die mir bisher jedoch noch nicht persönlich begegnet sind. (lacht)

Ist diese Toleranzgrenze tiefer, je grösser die persönliche Betroffenheit ist? Und ist die Veränderung der eigenen Person, etwa durch den Alterungsprozess, folglich die grösste Herausforderung?
Auf jeden Fall. Schliesslich geht es dabei um die eigene Endlichkeit. Uns wird beim Altern bewusst, dass wir zunehmend eingeschränkter werden, unserem Schönheitsideal weniger entsprechen und unser Leben ein Ablaufdatum hat. Da ist es ein Vorteil, wenn wir gelernt haben, uns an den kleinen Dingen im Leben zu erfreuen beziehungsweise stolz auf das Erreichte sein zu können.

Hat die Coronapandemie das Potenzial, den Menschen in seinem Umgang mit Veränderungen nachhaltig zu prägen?
Ich wünsche mir sehr, dass die Menschen wieder nachhaltiger und menschlicher denken und handeln. Dies würde den Fortbestand der Menschheit sichern. Wie stark die diesbezüglichen Auswirkungen sein werden, hängt wohl auch mit der Dauer und den Konsequenzen dieser Pandemie zusammen. Das Potenzial wäre auf jeden Fall vorhanden.

10. Aug 2020 / 21:58
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