• Young female cancer patient meets with her doctor
    Für Krebspatienten leistet Marion Leal von der Krebshilfe Liechtenstein unermüdlichen Einsatz und steht beratend und unterstützende zur Seite.  (iStock)

«Glücklich sein kann man nur im Jetzt»

Marion Leal begleitet seit 15 Jahren Menschen, die an Krebs erkrankt sind. «Dabei habe ich viele wertvolle, berührende Erfahrungen machen dürfen», sagt sie. Und: Unbeschreibliche Glücksmomente erleben.
Vaduz. 

Glücksmomente erlebt Marion Leal jeden Tag – und dies obwohl sie tagaus, tagein Menschen mit einer Krebserkrankung begleitet. Egal ob unmittelbar nach der Diagnose, mitten in der Chemotherapie oder kurz vor dem letzten Atemzug – Marion Leal gibt den Patienten Halt. Oder wie sie es nennt: «Ich bin der stille Hintergrund. Den Weg müssen sie aber selber gehen.» Sie helfe lediglich, das Fundament wieder zu spüren. Schliesslich durchleben die Patienten ein inneres wie auch äusseres Chaos. Die Diagnose Krebs kann direkt bei der Diagnosestellung eine immense Angst auslösen, die Frage nach der Sinnhaftigkeit und dem wie weiter. Hoffnung und Vertrauen wieder herzustellen sind in diesen Momenten sehr wichtig. Der Weg eines jeden Einzelnen ist unterschiedlich, das Leben hat Grenzen. Selbst wenn der Lebensweg enger wird, kann manch Betroffener und das Umfeld das Leben nochmals in einer anderen neuen Dimension erfassen und erleben – dies kann eine wertvolle berührende Erfahrung sein. Aus diesem Grunde spricht Marion Leal von Glücksmomenten, die sie Tag für Tag erleben dürfe. «Zum Beispiel dann, wenn ich gemeinsam mit einem Patienten lachen kann», sagt sie. Einst habe sie einen Patienten angerufen, der eine monatelange Therapie hinter sich hatte. «Weiss du was, Marion?», habe er erwartungsvoll gesagt. «Das erste, was ich seit Langem zu Hause wieder mal selbst gemacht habe, ist den Abfalleimer die Treppe hinunter vor das Haus zu tragen!» Beide seien sie in Gelächter ausgebrochen – «diesen Moment werde ich nie mehr vergessen – ein wahrer Glücksmoment.» 
Marion Leals Alltag beginnt in ihrem Büro im Malarsch in Schaan. Als erstes checkt sie Mails und bearbeitet ihre Post. Je nachdem stehen bis zum Abend Beratungsgespräche mit Patienten an, Hausbesuche, Gespräche mit den Spitälern, Familienhilfen, Hospizdiensten, der AHV/IV, dem Sozialamt und den Krankenkassen, Treffen mit Angehörigen, Abklärungen mit Stiftungen wie unter anderem die Caritas, Hand in Hand oder Liachtbleck und der Austausch mit Arbeitgebern. Komplett planbar sind Marion Leals Arbeitstage nie – «akute Situationen haben oberste Priorität!», sagt sie. Das könne beispielsweise der plötzliche Tod eines Patienten sein beziehungsweise kurz vor seinem Tod. «Vielen Patienten ist es sehr wichtig, dass ich sie auch auf ihrer allerletzten irdischen Lebensreise noch begleite.» Was sich für manche vielleicht ziemlich belastend und kräfteraubend anhört, kann Marion Leal auch als Glücksmoment erleben. «Natürlich berühren solche Situationen, keine Frage», sagt sie. «Gleichzeitig erfüllt mich aber auch die unbändige Dankbarkeit, welche mir die Patienten in diesen Momenten schenken.» Auch sie sei dankbar, den letzten Weg mit ihren Patienten begleitend gehen zu dürfen. 

Authentisch ist ein Adjektiv, das Marion Leal nicht besser beschreiben könnte. Wenn sie von ihren Patienten spricht, ist es, als ob ihr Herz sprechen würde. Frei von der Seele. Ihre Fröhlichkeit ist ansteckend – weil sie so im Moment lebt, wie sie spricht und lacht, wie es ihr zumute ist. «Ich bin ein zufriedener Mensch», sagt sie. Ein Satz, den wohl die wenigsten in dieser Bestimmtheit und dennoch Sanftmut von sich sagen können. Und: «Ich bin absolut Stress resistent.» Dass Marion Leal heute an diesem Punkt ist, ist kein reines Glück. Es ist vielmehr ihre Lebensgeschichte, die sie geprägt hat und sie heute zu dem Menschen gemacht hat, der sie ist. Eine Lebensgeschichte mit Sonnenschein, wie auch Schattenseiten. Mit Umwegen, Freud und Leid. «Es sind Erfahrungen, die es in keinem Studium zu lernen gibt.» Erfahrungen, die sie bei ihrer Arbeit das Richtige tun und sagen lässt. Apropos Studium: Derzeit arbeitet Marion Leal an ihrem Master für Psychoonkologie. Die erste Prüfung hat sie bereits erfolgreich gemeistert, zwei weitere Studium-Jahre abwechselnd in Bern und Basel folgen. Die einstige Personalassistentin hat die Ausbildung zur systematischen Beraterin und Psychoonkologin abgeschlossen und darf sich zudem Körper- und Atemtherapeutin nennen. «Es macht mich so glück­lich, meine Berufung leben zu dürfen», sagt Marion Leal. So begann für sie vor 15 Jahren, als sie die Krebshilfe übernommen hatte, ein Glücksmoment, der bis heute andauert – und es auch in Zukunft wird. 

So zufrieden sich Marion Leal fühlt, so bestimmend kann sie ihr Gegenüber auch mal in die Schranken weisen. «Despektierlichkeit, ständige Empörtheit und Zynismus bringen mich an meine Grenzen», erzählt sie. «Und Menschen, die immer andere für alles verantwortlich machen.» Bei Marion Leal bleibt aber niemand mit dem Gefühl zurück, einen Fehler gemacht zu haben – sie sagt es ihrem Gegenüber nicht moralisierend, jedoch ehrlich und gerade heraus. «Ich bin keine Kuschelpsychologin», sagt sie. «Und auch keine, die alles verpsychologisiert», fügt sie an. «Gefühle – gute wie schlechte - sind da, um sie auszuleben, selbstverständlich in Massen.» 
Aktuell betreut Marion Leal 268 Krebspatientinnen und –patienten. In den vergangenen 15 Jahren habe sie bestimmt schon über 500 Menschen in dieser schweren Zeit begleitet. Sie alle haben die verschiedensten Lebensgeschichten, unter anderem auch geprägt durch kulturelle Hintergründe. «In einem sind aber alle gleich, egal welche Sprache sie sprechen: Sie haben was den Krebs betrifft die gleichen Ängste, Sorgen und Nöte.» 

Regelmässig bekommt Marion Leal Anrufe, Briefe und Karten von ehemaligen Patienten, die ihrer Unterstützerin noch Jahre danach unendlich dankbar sind und sie weiterhin an ihrem Leben teilhaben lassen wollen. «Sie erzählen mir von ihren letzten Untersuchungen und wie positiv diese ausgefallen sind.» Auch dies sind für Marion Leal wahre Glücksmomente. Einer der grössten Glücksmomente für die 51-Jährige war jedoch, als sie vergangenes Jahr ihr Buch «Glücksmomente» präsentieren durfte. Ein Buch, in dem Krebspatienten über ihre persönlichen Glücksmomente sprechen und sich dazu geschminkt und frisiert fotografieren haben lassen. «Es ist allen Menschen gewidmet, in Gesundheit und Krankheit, in Leben und Tod.» Das Buch dürfe Seelen berühren, Schmerzen lindern, stärken, erfreuen, trösten. «Und uns immer wieder ins Bewusstsein rufen: Glücklich sein kann man nur im Jetzt.» (bfs)

13. Aug 2019 / 06:07
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