• Gemeinderatswahlen 2019
    Abstimmung: Der 1. Weltkrieg und der Zusammenbruch der Habsburger Monarchie führten zu Liechtensteins Verfassung 1921. Ohne sie würden am 30. August nicht drei Volksabstimmungen stattfinden.  (Daniel Schwendener)

Es hätte alles anders kommen können

Die Geschichte des 301-jährigen Fürstentums handelt weniger von einzelnen, umwälzenden Ereignissen. Vielmehr sammeln sie sich um fünf Bedürfnisse der Einwohner, die nach wie vor eine zentrale Rolle für unseren Alltag spielen. ­Abhängig vom Zusammenspiel gewisser Persönlichkeiten, getroffener ­Entscheidungen und Entwicklungen jenseits der Landesgrenze wäre stets auch eine andere Historie möglich gewesen. Hätten etwa die Herren in Ems im 18. Jahrhundert die Grafschaften Schellenberg und Vaduz an jemand ­anderen als an Fürst Hans-Adam I. verkauft, würde Liechtenstein entweder ­anders heissen oder gar nicht mehr existieren. Exemplarische Beispiele für ­solche Wendepunkte gibt es viele.
von Gary Kaufmann. 

Souveränität
Dass der blaue Pass trotz einiger Fragen der ausländischen Zöllner anerkannt wird, hängt mit der aussenpolitischen Erfahrung des Fürstenhauses sowie Liechtensteins engagierter Diplomatie zusammen. So führte der Drang nach Unabhängigkeit zur Geburt des Landes: Fürst Hans-Adam I. erwarb die Grafschaften Schellenberg (1699) und Vaduz (1712) mehr als Mittel zum Zweck, weil Reichsunmittelbarkeit die Voraussetzung für einen Sitz im Reichsfürstenrat war. Anders als viele andere deutsche Kleinstaaten überlebte Liechtenstein die verschiedenen Bündnisse. Einen entscheidenden Einfluss hierfür hatte, dass Fürst Johann I. Kontakt zu Napoleon Bonaparte pflegte. Dieser ­berücksichtigte das Land im Rheinbund, anerkannte somit als einer der ersten Machtträger dessen Souveränität.

Angesichts des Zollvertrags mit der Schweiz (1923) wird das Land in der Aussenwahrnehmung oft auf ein «Anhängsel» des Nachbarstaates reduziert. Dies erschwerte die Aufnahme in die UNO (1990), sodass Liechtenstein durch eine Mitarbeit in diversen internationalen Projekten zuerst beweisen musste, dass man sich genauso wie grössere Nationen aktiv an der Lösung von globalen Herausforderungen beteiligen kann.

Demokratie
Am 30. August werden in Liechtenstein gleich drei Abstimmungen durchgeführt, darunter eine Initiative. 2021 finden wieder Landtagswahlen statt. Den Grundstein für diese politischen Rechte legten Pioniere wie Peter Kaiser und Wilhelm Beck, die sich für eine Volksvertretung einsetzten und dass der Fürst an schriftliche Bestimmungen gebunden wird. Entlang der Reise entwickelten sich mehrere Verfassungen, die im Kontext zu internationaleren Unruhen entstanden, namentlich die französische Revolution (1848), Österreichs Abwendung vom Absolutismus (1862) und der Zusammenbruch der Habsburger Monarchie (1921). Ebenso erfolgten gelegentlich Änderungen der Verfassungen, zum Beispiel wurde 1988 die Anzahl Landtagsabgeordnete von 15 auf 25 erhöht. Als das Parlament 1862 entstand, bestellte weiterhin der Fürst die Regierung. Dies änderte sich erst mit der Verfassung von 1921, womit zudem alle Behörden ins Land verlegt werden mussten.

Ein wesentlicher Schritt in Sachen Gleichberechtigung war 1984 die Einführung des Frauenstimmrechts, dem lange ein konservativ geprägtes Familienbild im Weg stand. Nach zwei gescheiterten Volksabstimmungen (1971 und 1973) sorgte die feministische Gruppierung «Aktion Dornröschen» für eine Kehrtwende. In Erinnerung bleiben ihr «Quadratschädel»-Flugblatt (1982) und der Gang nach Strassburg zum Europarat.

Von Diktatur hin zu einer Dualität von Fürst (per Veto) und Volk (per Referendum oder Initiative) – so lässt sich der Entwicklung der Liechtensteinischen Staatsform beschreiben, wobei die Ansichten zur Verfassungsänderung 2003 gespalten sind. Einerseits haben die Gemeinden seither die Möglichkeit, aus dem Staatenverbund auszutreten, und das Volk kann mittels Misstrauensantrag eine Abschaffung der Monarchie initiieren. Anderseits wurden die Rechte des Fürsten im politischen Alltag gestärkt, was die Richterbestellung und die Enthebung der Regierung betrifft.

Wohlstand
Derzeit arbeiten rund 60 Prozent der über 40 000 im Land Beschäftigten im Dienstleistunsgssektor, viele davon im Finanzwesen. Die Redewendung «vom armen Bauernstaat zu einem der reichsten Länder der Welt» deutet die Hintergründe zwar an, wird der Arbeit jedoch nicht gerecht, die hinter diesem konstanten Wachstum an Arbeitsplätzen steckt. Einen ersten Konjunkturschub ermöglichte der Zollvertrag mit Österreich (1852) insofern, dass er zur ersten Industrialisierungsphase führte – wohlgemerkt spielen der Schweizer Zollvertrag (1923) und der umstrittene EWR-Beitritt (1995) rückblickend eine wesentlichere Rolle für den Wohlstand. Weiter förderte der neu gegründete Landtag (1862) den grenzüberschreitenden Handel, indem er durch die Schaffung zahlreicher Gesetze die Grundlage hierfür schaffte.

In den 1920er-Jahren forcierte die Regierung Gustav Schädlers bewusst eine liberale Politik mit tiefen Steuersätzen und weiteren Massnahmen, um Kapital aus dem Ausland zu generieren. Dies ermöglicht den ersten Treuhändlern des Landes, allem voran Wilhelm Beck, Ludwig Marxer und Guido Feger, entsprechende Dienstleistungen anzubieten. Nach der Weltwirtschaftskrise 1929 folgt allmählich eine zweite Industrialisierungsphase, die sich – im Gegensatz zur ersten Phase – nicht nur auf die Textilindustrie beschränkte. Damals entstandene Unternehmen, unter anderem Hilcona (1933) und Ivoclar (1935), existieren heute noch. Genauso Hilti sowie Thyssenkrupp Presta, die als Zulieferer der deutschen Rüstungsindustrie die Hochkonjunktur im Land massgeblich antrieben. Zu erwähnen sind an dieser Stelle auch die Einwanderer, Pendler und Gastarbeiter, die als Fachkräfte sowohl die Kapazitäten lieferten als auch den Aufschwung vorantrieben.

Das Vertrauen in das Liechtensteiner Treuhandwesen litt seit Anbeginn immer wieder durch Vorfälle. Zeugen hiervon sind die Kampagnen der Sparkassa-Skandal (1928), der Chiasso-Skandal (1977), die Finanzplatzkrise (1999) und die Zumwinkel-Affäre (2008). Schliesslich wurde der Druck nach mehr Transparenz zu gross, dass die Regierung mit einer Weissgeldstrategie Wiedergutmachung betrieb. In den jüngeren Jahren entwickelt sich mit Start-ups und ­Blockchain-Unternehmen ein neuer Dienstleistungsbereich in Liechtenstein, was ein wenig an die Ambitionen der 1920er-Jahre erinnert.

Sozialwesen
Gerade in Zeiten der Not oder wenn die finanziellen Mittel im Ruhestand knapper werden, rückt ein stabiles Sozialwesen in den Vordergrund. Während Pensions- und Krankenkassen mittlerweile un­bestritten sind, musste die AHV (1954) als erste verpflichtende Sozialversicherung erst noch einen schweren Gang zur Urne (1574 Ja, 1366 Nein) und parteipolitische Auseinandersetzungen überstehen. Durch das Aufblühen des Treuhandwesens und der zweiten Industrialisierungsphase setzte sich ein gewisser Wohlstand im Land ab, womit auch Themen abseits der Existenzgrundlage in den Fokus ­rückten. Der solidarische Gedanke beschränkte sich nicht nur auf die eigenen Interessen, sondern integrierte auch Nächstenhilfe jenseits der Grenze. In diesem Kontext ist die Entstehung des Liechtensteiner ArbeitnehmerInnenverbands (1920) und des Liechtensteinischen Entwicklungsdienstes (1965) zu erwähnen.

Vermächtnis
Das Ausleihen von Büchern in der Landesbibliothek, die Aufbewahrung von Quellen im Landesarchiv oder das Angebot einer Kunstschule werden inzwischen als Selbstverständlichkeit erachtet. Wie beim Sozialwesen gilt aber auch in der Kultur, dass für ihr Aufblühen respektive ihre Förderung erst einmal ein gewisser Wohlstand notwendig war. Das Treuhandwesen hatte allerdings auch in anderer Hinsicht zur Förderung der Bildung und verschiedenen Künste beigetragen, indem Liechtenstein deshalb eine attraktive Destination für Einwanderer wurde. Davon trugen zum Beispiel Schauspieler Oskar Werner und die Architekten Erwin Hinderer wie Ernst Sommerlad zu einer Kulturszene im Land bei. Für die Sportszene war ebenfalls erst ein zunehmender Wohlstand wichtig, damit Liechtensteiner Athleten an internationale Wettkämpfe entsandt werden konnten. Den moralischen Beweis, was möglich ist, lieferte Skirennfahrerin Hanni Weirather-Wenzel mit ihren zwei Goldmedaillen und der Silbermedaille in Lake Placid, USA (1980).

10. Aug 2020 / 22:15
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