• Interview mit Paul Vogt, Vaduz
    Paul Vogt, Historiker und ehemaliger Landesarchivar spricht im Interview über die vergangenen 50 Jahren und wie er die Zeit hautnah miterlebt hat.  (Tatjana Schnalzger)

«Die wichtigsten Werte bleiben bestehen»

Der Historiker Paul Vogt kennt Liechtenstein in- und auswendig. Als Landesarchivar konnte er wissenschaftlich tiefe Einblicke gewinnen, als prägender Oppositionspolitiker lernte er das Land in der politischen Praxis kennen. Im Interview spricht er über Wendepunkte der letzten 50 Jahren, die Internationalisierung und die erstaunlichen Eigenheiten des Kleinstaates.

Wer war Paul Vogt vor 50 Jahren?
Paul Vogt: Im Jahr 1967 war ich ein 15-jähriger ­Gymnasiast in der Unteren Waid in ­Mörschwil. Ich habe dort den Typus A ­besucht, musste also noch Altgriechisch lernen. Nach drei Jahren konnte ich ­Cäsars «De Bello Gallico» einigermassen verstehen. Das Gymnasium wurde vom Orden der Salettiner geführt – ziemlich traditionell und mit einem strikt geregelten Tagesablauf. Lange Haare waren zum Beispiel verboten, später wurden sie zu einem meiner Markenzeichen. Langsam habe ich ein eigenes Weltbild entwickelt, und da gab es deutliche Differenzen zu den Katholisch-Konservativen. Ich sah schliesslich keinen Sinn mehr darin, ­anstelle von Englisch Altgriechisch zu lernen. 1968 wechselte ich an die Kantonsschule Sargans. Die Kanti bestand erst wenige Jahre, sie galt als liberale Schule, es herrschte dort eine gewisse ­ Aufbruchstimmung. Da Mädchen das Liechtensteinische Gymnasium noch nicht besuchen durften, besuchten einige die Kanti Sargans. Die Protestbewegung nach 1968 motivierte mich zu gesellschaftlichem Engagement, zunächst in der Drittweltbewegung. Ich arbeitete auch in der nichtchristlich organisierten Jugendgruppe Gesicht in Balzers mit. Das legendäre Woodstock-Festival von 1969 begeisterte mich. 

Kam diese Einstellung bereits aus dem ­Elternhaus?
Das kann man wohl nicht behaupten: Mein Vater war ein strammer, konservativer VU-ler, meine Mutter stammte aus einem «schwarzen» Haus. Was man jedoch sagen kann: Politik spielte zu Hause eine wichtige Rolle. Mein Vater war als ­Gemeinderat in Balzers selbst politisch aktiv und zu Hause setzte man sich sehr oft mit politischen Themen auseinander. Mein Vater war jahrelang Vermittler, ­Gerechtigkeit war ein wichtiger Wert, der mir von klein auf vermittelt wurde. Ich wurde nicht zuletzt deshalb ein ­politischer Mensch.

Welches waren in Liechtenstein und Mitteleuropa damals die wichtigsten ­Themen?
Ein wichtiges Thema war die Flücht­lingsproblematik, mit der Liechtenstein ­immer wieder konfrontiert war. Stichworte sind Zweiter Weltkrieg, Ungarn-Aufstand 1956, Prager Frühling 1968 und die vietnamesischen Boatpeople nach 1975. Bei diesen Flüchtlingen hat Liechtenstein immer wieder relativ grosszügig gehandelt. Man muss sich aber auch ­eingestehen, dass Liechtenstein für die Flüchtlinge, die vor einem kommunistischen Regime flohen, mehr Verständnis hatte als für Flüchtlinge, die vor einer rechten Militärjunta flohen. Als 1973 ­Pinochet den demokratisch gewählten sozialistischen Präsidenten Allende ­ wegputschte und seine politischen ­Gegner verfolgte, nahm Liechtenstein keine Flüchtlinge auf. Während der ­ Kriege in Ex-Jugoslawien und auch im Fall der ­Tibet-Flüchtlinge verhielt ­Liechtenstein sich wieder grosszügig. Die politischen Unruhen, der Kalte Krieg waren für mich auf jeden Fall ­prägende Ereignisse. 

50 Jahre später sind Flüchtlinge wieder ein prägendes Thema.
Ja, und ich denke, Liechtenstein ist sich seiner humanitären Tradition sehr wohl bewusst. Wer sich an die Bilder mit den verzweifelten Boatpeople aus Vietnam ­erinnert, weiss, dass die Flüchtlinge aus Afrika heute in ähnlicher Weise ihr ­Leben riskieren, um dem Elend zu ­entfliehen. Ich bin mir sicher, dass wir  heute mehr für die Schutz­bedürftigen tun können, wie wir das früher auch hätten tun können. 

Welche Unterschiede sehen Sie zwischen der Debatte damals und jener von heute?
Mir fällt auf, dass die ­aktuelle Flüchtlingsdebatte viel zu stark auf das Thema Islam reduziert wird, ­obwohl wir hier in Europa grösstenteils keine Ahnung von dieser Religion und ­ihrer Vielschichtigkeit haben. Wer kann beispielswiese sagen, warum in musli­mischen Ländern Sunniten gegen ­Schiiten kämpfen? Ich habe mich etwas mit dieser Religion beschäftigt. Dabei stiess ich auf einen ausgeprägten ­Traditionalismus und auf allerlei Widersprüche, doch auch auf Ideale – vor allem die Barmherzigkeit. Wer den Islam mit Terrorismus gleichsetzt, macht es sich zu einfach. Damit tut man dem Islam ­Unrecht. Umgekehrt erwarte ich von ­jedem Muslim, dass er zu den Menschenrechten und zum demokratischen Rechtsstaat steht. Daran führt kein Weg vorbei, wenn er in Europa bleiben will.

Wie sehen Sie die aktuellen Konflikte in Syrien und im Irak?
Es geht vor allem um Macht und Vorherrschaft im arabischen Raum, wahrscheinlich auch um den bestimmenden Einfluss auf die Religion. Europäische, russische und amerikanische Wirtschaftsinteressen spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Jahrzehntelang lieferte man Waffen an die verschiedenen Staaten, die sich heute gegenseitig bekämpften. Das Ergebnis ist ein Katastrophe: Millionen von Flüchtlingen, massive Menschenrechtsverletzungen, zerstörte Städte, destabilisierte ­Regierungen. Und keine Visionen, wie es weitergehen könnte. Es geht immer um Geld und Macht, nie um die Menschen. (mw)

Lesen Sie das vollständige Interview im aktuellen Staatsfeiertagsmagazin.

11. Aug 2017 / 15:50
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