• Beatrix Nipp in Balzers
    Mit dem Anzünden des Feuers beginnt sie ihre Zeremonie.  (Daniel Schwendener)

Hingabe an das Feuer

Was würde sie ohne Feuer tun? Raku-Meisterin Beatrix Nipp übergibt ihre mit Liebe geformten Werke aus Ton den Flammen. In der schützenden Hülle ihres Raku-Ofens entstehen Skulpturen für Ausstellungen, Gegenstände für den Alltag, Sinnliches für Garten und Heim, geschaffen für andere oder sich selbst – alles Unikate mit rauher, feiner oder feinster Oberfläche und unterschiedlichsten Farbtönen.

Sie zündet das Holz an und setzt damit die Zeremonie in Gang. Für die Demonstration an diesem Morgen hat sie u. a. sechs kleine Pfauen und eine Schale geformt. Stellenweise sind sie mit einer weissen Glasur bestrichen. Beatrix Nipp legt die Objekte in den Ofen und schliesst den Deckel. «Ich übergebe die Gegenstände dem Feuer und mit ihnen auch meine Vorstellungen von ihnen. Loslassen, entstehen und sein lassen bilden in dieser Phase die wesentlichen Aktivitäten», erklärt sie, während sie das Feuer stetig mit kleinen Holzspänen aus Tanne oder Buche füttert und ihren Blick auf den Thermostat wandern lässt. 200 Grad. Das ist erst der Anfang. Was die Künstlerin in ihrer Vorarbeit mit ihren Händen gestaltet und angelegt hat, wird nun von der flackernden Urkraft verstärkt und verwandelt.

Raku heisst Freude und Glück

Kurz erklärt ist Raku eine Technik, deren Ursprung in der Teezeremonie in der japanischen Zen-Kultur zu finden ist. Bereits im 16. Jahrhundert haben Raku-Meister mit dieser Methode Teeschalen gebrannt. Amerikanischen Keramikkünstlern wie Paul Soldner ist es zu verdanken, dass diese eng mit der japanischen Teezeremonie verbundene Tradition in eine freiere Kunstform übergeführt wurde. Der Begriff «Raku» bedeutet Freude, Glück und Ungezwungenheit. Das Charakteristische am Raku-Brennen ist, dass Arbeiten in kurzer Zeit auf 1000 Grad aufgeheizt und dann mit einer Zange aus dem Feuer geholt werden. Durch den enormen Temperaturschock entstehen in der Glasur die typischen Risse. Man nennt dies den Craquelé-Effekt. Nach gut zehn Sekunden oder auch einigen Minuten– abhängig von der Grösse des Objekts – wird der Gegenstand in eine Tonne mit brennbarem Material gestellt. Die Tonne wird mit einem Deckel verschlossen. Dadurch entsteht ein Sauerstoffmangel. Die Flamme erlischt, Rauch entwickelt sich, dringt in die entstandenen Glasurrisse ein und macht das Craquelé sichtbar.

 Geschenke des Feuers

Angst vor dem Feuer kennt Beatrix Nipp nicht, obwohl es in ihrem Ofen tatsächlich 1000 Grad warm wird. So weit ist es an diesem Morgen noch nicht. Die Hitze soll sich während einer guten Stunde langsam und stetig ausdehnen, sonst «explodieren» die Teile. Immer wieder legt Beatrix Nipp Holz nach und die Worte sprudeln und fliessen natürlich aus ihr heraus. «Einzelne Haarrisse können bereits schon im Ofen passieren, in erster Linie kann man das klirrende Reissen jedoch beim Abkühlen hören.», erklärt sie mit Inbrunst. Wer Beatrix Nipp zuschaut, spürt unmittelbar, dass sie vollkommen im Einklang ist, mit dem, was gerade geschieht. Sie begibt sich in innere und äussere Harmonie mit dem Feuer. Keine Bange, kein Drängen, kein «hoffentlich wird es so und so ...». Sie vertraut dem Feuer ihre Werke an. Diese Hingabe ist eine Kunst für sich, ein schöpferrischer Akt. Dafür schenkt ihr das Feuer unnachahmliche Unikate und immer wieder neue Glücksgefühle.

Beatrix Nipp in Balzers

Beatrix Nipp kreiert in ihrem Raku-Ofen unter anderm Gegenstände für den Alltag.

Auseinandersetzung «im Team»

Die Hitzewelle der letzten Tage ist an diesem Morgen durch einen kurzen Regen unterbrochen worden. Die Luftfeuchtigkeit ist perfekt für eine Raku-Zeremonie. «Immer noch bei 500 Grad», ruft Urs Nipp, Ehemann von Beatrix, der wie alle Anwesenden an diesem Morgen vom Raku-Ofen in den Bann gezogen wird. Er ist nicht nur der Ofenbauer, sondern auch der Berater für seine Frau. Ob technische Herausforderungen, Transporte, Prozesse, Holzvorrat – er findet eine Lösung. «Urs ist vor allem auch mein ehrlichster Kritiker. Er macht mich darauf aufmerksam, wenn seiner Meinung nach z. B. die Proportionen an einer Skulptur nicht stimmig sind oder etwas ausser Balance ist. Dann ist ein klarer Entscheid gefordert. Manchmal belasse ich die Figur trotzdem, wie sie ist, und manchmal trifft Urs auch genau die Achillessehne an meiner Arbeit und ich nehme eine Veränderung vor. Es kommt eben vor, dass mich das Werken
und Experimentieren betriebsblind macht, meint die sympathische Balznerin. Ohne falsche Scheu vor Selbstkritik ist sie eine Entdeckerin auf dem Weg ins Ungewisse, eine Erforscherin der Seele. Und ihre Ausdrucksform ist in erster Linie das Raku-Brennen.

Mitreissende «Performance»

Beatrix Nipp führt mit bewundernswerter Gewandtheit, Leichtigkeit und Humor durch diesen feurigen Morgen. Mit ihrer natürlichen Begeisterung wirkt sie so ansteckend und inspirierend, dass man Raku gern selbst einmal ausprobieren möchte. Nicht zuletzt wegen des Feuers, das jedes Objekt in ein Unikat verwandelt.
«Ja, diese spontane Reaktion erlebe ich oft. Ich gebe Kurse, begleite interessierte Erwachsene und Kinder durch ihre Raku-Erfahrungen. Dabei entstehen wunderbare Objekte. Und gerade das, was dem  Kopf auf Anhieb nicht perfekt erscheint, macht die wahre Faszination der Werke aus. Wer das verstanden hat, hat schon einen wichtigen Schritt getan», erzählt die Keramikkünstlerin. Sie arbeitet mit Kindern in kleinen Gruppen, mit Paaren oder einzelnen Erwachsenen. Ein älteres Ehepaar beispielsweise kam zu ihr mit der Absicht, Geschenke für andere zu brennen. Am Ende der Begegnung hatten die beiden ihre Werke liebgewonnen und wollten sie lieber behalten. «Das hat mir gefallen. Es ist wichtig, auch Dinge für sich selbst zu schaffen.»
Sie selbst hat vor 20 Jahren mit Raku angefangen, hat anderen Raku-Künstlern über die Schulter geschaut und einige Kurse genommen, unter anderem an der Kunstschule in Nendeln. Dadurch ist sie diesem Kunsthandwerk Schritt für Schritt nähergekommen. 2011 hat die Autodidaktin im sLandweibls Huus in Schaan ihr Schaffen einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt: Büsten, Torsi und Figuren, die das Thema der Balance illustrierten und fassbar machten. Es ging ihr um die Balance zwischen weiblich und männlich wie auch um die Balance der Elemente. (osa)

Lesen Sie das vollständige Porträt im aktuellen Staatsfeiertagsmagazin.

14. Aug 2015 / 06:00
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