• Tanja Beck Schreinerin 140623
    Schreinerin Tanja Beck in ihrer Arbeitsumgebung in der Schreinerie Noldi Frommelt.  (Daniel Ospelt)

Fenster zum Leben

Messen, schneiden, schärfen, hobeln und hämmern. Der Maschinenlärm macht eine Unterhaltung unmöglich. Eine Schreinerwerkstatt ist kein Ort für schwache Nerven. Es gilt, konzentriert, rasch und präzise zu werken. Für Tanja Beck bildet die Arbeit dort eine willkommene Routine und Lebensgrundlage. Sie gestaltet Fensterrahmen, nahezu mühelos einen nach dem anderen. So geradlinig und fein wie der Fensterbau ist jedoch nicht alles in ihrem Leben verlaufen. Die 42jährige Liechtensteinerin kennt auch tragische Verzweigungen.

Fünf Uhr morgens. Tanja Beck steht auf.  Sie kocht Kaffee, liest Zeitung und gönnt sich eine Viertelstunde Ruhe, bevor sie in ihren arbeitsreichen Tag startet. Als nächstes weckt sie ihre Tochter Chiara (17) und ihren Sohn Magnus (15). Das gemeinsame Frühstück ist ihr wichtig. Danach geht jeder seiner Wege – Chiara in die Gärtnerei, wo sie eine Lehre als Gärtnerin macht, Magnus in die Oberschule, wo er sein letztes Schuljahr absolviert. Tanja steigt in ihr Auto und fährt an ihren Arbeitsplatz in der Schreinerei Noldi Frommelt. Hier hat sie schon ihre Lehrzeit verbracht und bis zu ihrer Heirat 1996 gearbeitet. Neun Jahre später, als sie nach der Trennung vom Vater ihrer Kinder, erneut bei ihrer früheren Firma anklopft, zögert ihr Chef nicht, die alleinerziehende Mutter wieder einzustellen. Tanja ist voll des Lobes für ihren Arbeitgeber: «Meinem Chef will ich unbedingt an dieser Stelle danken, er ist  mir entgegenkommen, wo es ging. Ohne sein Verständnis wäre mein Alltag als alleinerziehende Mutter weit schwieriger gewesen.» Als Chiara und Magnus noch klein waren, haben es ihr die familienverträglichen Arbeitszeiten ermöglicht, nach dem Kindergarten bzw. nach der Schule wieder zu Hause zu sein und sich um die Kinder zu kümmern.
 
Schmerzliche Verluste
Erinnerungen an ihren Vater fehlen Tanja Beck. Als sie elf Monate alt ist, stürzt er beim bergsteig auf das Schwarzhorn ab. Wenige Jahre später zieht ihre Mutter Renate Biedermann, an den Bodensee, um eine Stelle in einem Restaurantbetrieb anzunehmen. Die Mutter heiratet erneut, Tochter Tanja bekommt einen fürsorglichen Stiefvater und bald darauf einen Halbbruder. Tanja erinnert sich gerne an die Jahre zu viert als Familie. Dann erleidet die Mutter plötzlich einen Herzstillstand und stirbt. Für die damals 14jährige Tanja und ihren elfjährigen Halbbruder Marcus wirkt der Tod der Mutter wie ein Schock. Tanjas Stiefvater kümmerte sich rührend um die beiden Kinder. Das Schicksal gibt jedoch keine Ruhe. Drei Jahre später stirbt auch er an einer schweren Krankheit. Die beiden Jugendlichen sind auf sich allein gestellt.
 
Noch eine Verzweigung
Wie so oft erweist sich Tanjas Familie als rettender Anker. Ihr Onkel Christian Biedermann, der Bruder ihres Vaters, holt die beiden jungen Leute nach Liechtenstein und übernimmt ihre Vormundschaft. Tanja Beck will ein Handwerk lernen. Am liebsten in der Spenglerei ihres Onkels in Vaduz, dort war sie als Kind oft zu Besuch. Schließlich bekommt jedoch ihr Halbbruder die Lehrstelle in der Spenglerei und sie darf stattdessen  zur Schreinerin mit Schwerpunkt Innenausbau ausbilden lassen. Die Schreinerei ist eine Männerwelt, in der sich die Liechtensteinerin behaupten lernt. Die Arbeitsroutine tut ihr gut. Mit 19Jahren lernt sie ihren späteren Mann kennen, der im selben Betrieb tätig ist. Ihr Onkel verspürt schon eine Ahnung, dass das nicht ihr Mann fürs Leben sein würde. Aber wo die Liebe hinfällt, kann der Kopf nicht steuern. Ihre Ehe mit dem Triesenberger geht nach ein paar Jahren in die Brüche. Tanja zieht mit den Kindern Chiara und Magnus aus dem gemeinsamen Heim in ein Haus in Triesenberg. Ihre beiden Kinder bedeuten ihr alles. Sie sind das Kostbarste in ihrem Leben. Zusammen unternehmen die drei Bergwanderungen, Radtouren oder helfen beim Heuen. Das sind schöne Erlebnisse. Früher verdiente sich Tanja Beck oft abends mit Servieren im Hotel Steg etwas dazu. «Wir führen ein einfaches, gutes Leben», fasst sie zusammen. «Ich bin zufrieden, auch wenn ich wie meine beste Freundin und viele andere hier im Land immerzu arbeite. Meine Kinder sind praktisch ohne Luxus aufgewachsen, aber es hat immer gereicht. Nur gemeinsame Ferien im Ausland haben wir uns nie geleistet. Das ist das Einzige, das ich ein bisschen bedaure.» (osa)

 

01. Sep 2014 / 17:05
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