• S.D. Erbprinz Alois von und zu Liechtenstein
    Ruedi Lämmler im Gespräch mit Erbprinz Alois von und zu Liechtenstein auf Schloss Vaduz.  (Daniel Schwendener)

Das traditionelle Interview aus dem Fürstenhaus – aus einer anderen Sicht

Dieses Jahr übernahm Ruedi Lämmler das Interview mit Erbprinz Alois von und zu Liechtenstein. Lämmler arbeitet als Redaktor der Schweizerischen Depeschenagentur SDA in Chur und berichtet seit 20 Jahren über die Geschehnisse im Fürstentum. Im Interview spricht der Schweizer mit dem zukünftigen Staatsoberhaupt über die Monarchie, die neuen Herausforderungen Europas und das Vermögen der Familie.
Vaduz. 

Durchlaucht, erachten Sie den Brexit aus heutiger Sicht als Chance für den Finanzplatz? Was denken Sie, wie er sich entwickeln wird?
Erbprinz Alois von und zu Liechtenstein: Es ist noch verfrüht, um irgendwelche Schlüsse zu ziehen. Der Liechtensteinische Finanzplatz hat dank des EWR direkten Zugang zum EU-Finanzbinnenmarkt. Je nachdem, welche Form der Integration Grossbritannien in Zukunft wählt, wird es diesen direkten Zugang nicht mehr geben. Da wäre Liechtenstein eine von mehreren Alternativen für bisher aus London operierende Finanzdienstleister. 

Waren Sie überrascht, dass sich die Briten für den Ausstieg aus der EU entschieden haben? 
Ja, ich war letztlich überrascht. Ich habe zwar einige Jahre in Grossbritannien gelebt und gewusst, dass die Briten sich emotional nie in Europa gefühlt haben. Ausserdem war mir klar, dass eine starke Bewegung für den Austritt vorhanden ist. Dennoch hatte ich das Gefühl, dass letzten Endes die wirtschaftlichen Argumente überwiegen würden. Wie das Resultat nun zeigt, dürften aber die emotionalen Aspekte – vor allen die Überfremdungsängste – überwogen haben. 

Wünschen Sie sich Grossbritannien in der EFTA und dem EWR? Für beide Organisationen würde das
einen ziemlich grossen Aufschwung bedeuten. 

Mit dem Austritt aus der EU stellt sich selbstverständlich die Frage des zukünftigen bilateralen Verhältnisses – sowohl für Grossbritannien als auch für die EFTA-Staaten. Schliesst man ein Freihandelsabkommen zwischen den EFTA-Staaten und Grossbritannien? Oder tritt Grossbritannien der EFTA bei? Und sollte Grossbritannien der EFTA beitreten, stellt sich weiter die Frage, ob es einen bilateralen Weg der europäischen Integration analog zur Schweiz wählt oder dem EWR beitritt. Wenn Grossbritannien der EFTA beitritt, ergibt das selbstverständlich eine neue Dynamik. Aber es ist meiner Meinung nach noch zu früh, darüber zu urteilen, was das dann im Einzelnen bedeuten wird. 

Man wartet im Moment wahrscheinlich noch ab, ob Grossbritannien wirklich aus der EU ausscheidet oder doch weiterhin ein Mitglied bleibt.
Ich rechne damit, dass Grossbritannien aus der EU austreten wird, weil es sehr schwierig ist, den Volksentscheid einfach zu ignorieren. Da müsste sich in nächster Zeit noch sehr viel bewegen, wie ein Austritt von Schottland sehr konkret werden oder eine sehr starke Bewegung aus der Bevölkerung heraus entstehen, die einen Meinungsumschwung bringt. Ausgeschlossen ist es nicht. Nach meinen Informationen könnte die Regierung nämlich trotz allem beschliessen, den Austritt nicht einzureichen und damit den Volksentscheid ignorieren. 

Man hat das Gefühl, dass die Brexit-Befürworter jetzt aufgewacht sind. Es zeigen sich Tendenzen, dass Schottland und Irland lieber aus Grossbritannien austreten würden als aus der EU. Hat Sie das überrascht?
Nein. Bei Schottland war das zu erwarten. Es war ja schon davor so, dass ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung Schottlands aus Grossbritannien austreten wollte. Grossbritannien konnte Schottland beim Referendum über den Austritt primär deswegen überzeugen zu bleiben, weil nicht zuletzt von EU-Seite signalisiert worden ist, dass die Schotten dann nicht gleich in die EU eintreten könnten. Jetzt, wenn die EU-Mitgliedschaft sowieso wegfällt, stehen viele in Schottland, die zuvor noch Hemmungen gehabt hatten, vor einer komplett neuen Situation. Wenn sie EU-Mitglieder bleiben wollen, dann müssen sie aus Grossbritannien austreten. Das ist eine neue Grundlage. Daher halte ich es auch nicht für gänzlich ausgeschlossen, dass es in Grossbritannien zu einer Bewegung kommt, die zu einer Neubeurteilung der Sachlage führen könnte. 

Was Europa seit einem Jahr verändert hat und vielleicht noch verändern wird, ist die Flüchtlingssituation, mit der wir alle konfrontiert sind. Kleine und grosse Flüchtlingsströme erreichen uns täglich über das Mittelmeer. Durchlaucht, was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie Bilder von Menschen auf überfüllten Booten sehen? 
Diese Bilder machen mich persönlich sehr betroffen. Gleichzeitig wünsche ich mir, dass die internationale Staatengemeinschaft dringend konstruktiv an Friedenslösungen für diese Krisenregionen arbeitet. Ausserdem muss im Bereich der Entwicklungshilfe zielgerichteter gearbeitet werden. Den Menschen vor Ort muss eine Perspektive geboten werden, damit sie nicht mehr das Risiko auf sich nehmen, auf gefähr­lichste Art und Weise nach Europa zu kommen. Letzten Endes ist die Hilfe vor Ort der einzig zielführende Weg. 

Beunruhigt es Sie auch, dass immer mehr Flüchtlinge nach Europa drängen? 
Wenn man die Flüchtlingsströme im bisherigen Ausmass gleichmässig auf Europa verteilen könnte, wäre es vielleicht noch machbar. Aber wenn man die Schätzungen hört, wie viele Personen aus Afrika und Asien sich generell gerne nach Europa in Bewegung setzen würden, dann bekommt Europa ein ernsthaftes Problem, wenn es nicht entschieden reagiert. Eine Gesellschaft kann nur eine gewisse Anzahl an Personen in einem gewissen Zeitraum aufnehmen, ohne dass es zu Unruhen führt. Nicht ausser Acht gelassen werden dürfen auch die unterschiedlichen kulturellen Hintergründe, welche die Integration um  einiges erschweren. 

Liechtenstein hat ein enges Verhältnis zur Schweiz und zu Österreich. Wem stehen Sie persönlich näher, der österreichischen oder schweizerischen Mentalität und Lebensweise?  
Hier bin ich in einem alemannischen Umfeld aufgewachsen. Die alemannische Mentalität und Lebensweise ist in der Schweiz ausgeprägter als in Österreich, wo nur die Vorarlberger Alemannen sind. Obwohl meine Familie ursprünglich aus Niederösterreich stammt, bin ich wahrscheinlich doch aufgrund meines Aufwachsens hier alemannisch geprägt und damit näher der schweizerischen oder wenn man so will auch der vorarlber­gischen Mentalität als der niederöster­reichischen. 

Politiker loben dieses gute Verhältnis zwischen den Ländern. Im Alltag ist es aber doch eher so, dass es pragmatisch dominiert wird. Man kriegt sich schnell in die Haare, wenn es ums Geld geht. Mit der Schweiz ist man über Kreuz wegen der Quellensteuer und mit Österreich wegen der Finanzierung der S-Bahn. Ist diese Betonung der Freundschaft für Sie kein Widerspruch?
Grundsätzlich ist das Verhältnis mit beiden Staaten hervorragend. Wenn man so besonders enge Verhältnisse hat, gibt es immer wieder Bereiche – so auch in finanziellen –, wo es Meinungsverschiedenheiten gibt. Bis jetzt hat man nicht zuletzt dank der hervorragenden nachbarschaftlichen Beziehungen pragmatische Lösungen gefunden, mit denen beide Seiten gut leben konnten. Es gibt ja mehr Themen, die völlig unproblematisch gelöst werden können, als solche, über die diskutiert wird. Deshalb sollte man das Verhältnis nicht als belastet ansehen, selbst wenn einmal bei ein oder zwei Themen gleichzeitig Schwierigkeiten entstehen. 

Lesen Sie das vollständige Interview mit Erbprinz Alois im aktuellen Staatsfeiertagsmagazin.

10. Aug 2016 / 14:32
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