• Interview mit Fürst Hans-Adam II.
    Ein ganz persönliches Gespräch mit Fürst Hans-Adam II.  (Daniel Ospelt)

«Ich bin jemand, der immer stark nach vorne schaut»

Fürst Hans-Adam II. ist bekannt als Stratege, der seine nächsten Schritte wohl überlegt und schon mal bewusst provoziert, um sein Ziel zu erreichen. Er ist aber auch jemand, mit dem man leicht ins Plaudern kommt. Ein fröhliches Gespräch zum 70. Geburtstag über Lebensqualität, Physik, eine legendäre Strafarbeit und Liebe auf den ersten Blick.
Vaduz. 

Durchlaucht, es heisst, dass, je älter man wird, desto klarer werden Erinnerungen der Kindheit oder Jugendzeit. Was kommt Ihnen als Erstes in den Sinn, wenn Sie an früher denken?
Fürst Hans-Adam II. von und zu Liechtenstein: Ich bin jemand, der immer stark nach vorne schaut. Vergangenheit ist Vergangenheit – ausser, sie hat Einfluss auf die Zukunft. Geschichte und Archäologie beispielsweise haben mich immer interessiert, aber weniger das Persönliche, ausser es sind Erfahrungen, aus denen ich etwas entnehmen konnte. Ich glaube, die erste Erinnerung ist jene an die Geburt meiner Schwester Nora.

Sie sind 70 Jahre alt. Es gibt Menschen, die erst mit 70 so richtig aufblühen, die erst dann machen, was sie immer machen wollten. Wie ist es bei Ihnen? Werden Sie nach Ihrem Geburtstag etwas ändern?
Solche Überlegungen habe ich mir nie gemacht. Ich habe immer sehr geplant in die Zukunft geblickt. Wann muss ich etwas abgeben? Wann ist der beste Zeitpunkt? Wann übergebe ich beispielsweise den staatlichen Bereich meinem ältesten Sohn? Etwas Neues kommt eigentlich jeweils aus solchen Überlegungen heraus.

Wollen Sie denn jetzt noch etwas Neues beginnen?
Ich wusste, dass wenn ich Dinge abgebe, ich wieder mehr Zeit für anderes habe. Beispielsweise konnte ich mein Buch schreiben. Ich habe mehr Zeit, um mich beispielsweise der Physik zu widmen – ein Gebiet, das ich eigentlich studieren wollte. Ich bin jetzt auch wieder vermehrt in der Vermögensverwaltung tätig, zusammen mit meinen beiden Söhnen. Ausserdem setze ich mich mit Städteplanung auseinander.

Ein nicht gerade alltägliches Interessensgebiet. Wie muss man sich das vorstellen?
In der Städteplanung könnte man vieles verbessern. Früher hat man die Städte für die Menschen gebaut, heute baut man sie für die Autos. Wie kann man den Charakter von netten, kleinen Städten, die eine grosse Lebensqualität bieten, mit modernem Städtebau kombinieren? Ich arbeite mit einem Team von Experten in Holland zusammen. Wir überprüfen, wie man konkurrenzfähig bauen kann. Bevor wir jedoch entscheiden, ob wir in dieses neue Geschäftsfeld einsteigen, will ich jedes Detail geklärt haben.

Ihr Buch «Der Staat im dritten Jahrtausend» wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Gibt es Pläne für ein weiteres Buch?
Nein, das ist nicht geplant. Das Buch habe ich geschrieben, weil ich schon sehr früh gesehen habe, dass die Staatsmodelle, die wir haben, durch die Globalisierung in Frage gestellt werden. Interessanterweise ist das Buch auf grosses Interesse gestossen. Ich werde eingeladen, Vorträge darüber zu halten und zu diskutieren. Das nimmt natürlich sehr viel Zeit weg. Aber ich sehe es als wertvolle Aufgabe. In einer globalisierten Welt können wir als Kleinststaat nur in Friede, Freiheit und Wohlstand leben, wenn auch der Rest der Welt in Friede, Freiheit und Wohlstand lebt.

Interview mit Fürst Hans-Adam II.

Stv. «Vaterland»-Chefredaktorin Janine Köpfli in einem ganz persönlichen Gespräch mit Fürst Hans-Adam II.

Also kein weiteres Buch? Beispielsweise über Ihr Leben?
Nein, nein, das wäre mir zu langweilig (lacht).

Im Laufe Ihres Lebens haben Sie wahrscheinlich mehrere Tausend Interview-Fragen beantwortet. Sie machen nie den Eindruck, dass Sie gelangweilt sind. Sie sind freundlich und verständnisvoll. Wann werden Sie ungeduldig?
Es gibt natürlich schon Fragen, die ich nicht beantworte. Das sage ich dann auch. Es gibt Themen, dazu kann oder will ich nichts sagen.

Was die Presse angeht, hat das Fürstenhaus früh eine klare Linie eingeschlagen. Wie hat sich die Zurückhaltung in privaten Angelegenheiten bewährt?
Diese Zurückhaltung hat sich gut bewährt. Meine Eltern hatten immer schon eine gewisse Zurückhaltung an den Tag gelegt. Für mich war es fast ein Schock, als Prinz Charles und Prinzessin Anne für die Skiferien hier waren. Wir wurden von der Weltpresse damals richtig belagert. Charles und Anne mussten im Lieferwagen aus dem Schloss geschmuggelt werden, damit wir für einige Stunden ungestört Ski fahren konnten. Wir wollten, dass unsere Kinder, so wie wir es erlebt hatten, normal aufwachsen und hier in die Schule gehen können. Wir haben ganz bewusst die privaten Informationen noch weiter zurückgefahren. Also möglichst keine Fotos der Kinder in den Medien. Wenn man nicht bekannt wird, ist man auch weniger interessant für die Presse.

Hatten Sie nie Probleme mit den Boulevardmedien?
Sobald man einen gewissen Bekanntheitsgrad hat, wird für ein Foto so viel bezahlt, dass es sich lohnt, einen Helikopter zu mieten. Ein Paparazzo hat dann wochenlang Zeit, um sich auf die Lauer zu legen. Probleme mit den Boulevardmedien hatten wir vor allem während des Besuchs von Prinz Charles. Sie haben versucht, unser Personal mit Monatsgehältern zu bestechen. Da war uns endgültig klar: Das wollen wir nicht haben.

Sie können heute also beispielsweise selbst in eine Apotheke gehen.
Ja, das ist Lebensqualität, wenn ich nicht ständig mit einem Bodyguard herumlaufen muss. Mit meiner Frau gehe ich oft eine Pizza essen oder in Vaduz spazieren. Die Liechtensteiner kennen einen natürlich, aber Touris-
ten nur wenige. Selbst wenn ich hier aus dem Schloss gehe und vor dem Tor Touristen stehen, wissen die nicht, wer da herauskommt in Turnschuhen und Windjacke.

Wenn Sie selbst Journalist wären, welche Frage würden Sie sich zum 70. Geburtstag stellen?
Es gibt viele Fragen, die mich in der Physik immer interessiert haben, schon als sehr junger Mensch.

Ausgerechnet Physik. Da habe ich keine Fragen auf Lager, ich war immer schlecht in Physik.
Schon mein Vater hat sich in seiner Freizeit mit höherer Mathematik beschäftigt. Mich hat immer interessiert, dass wir auf der einen Seite die einsteinische Physik haben und auf der anderen Seite die Quantenphysik. Die beiden Theorien ergänzen sich nicht wirklich und sind zum Teil widersprüchlich. Es stellt sich die Frage, ob und wie man die beiden Theorien zusammenbringen könnte.

War das in der Schule ihr Lieblingsfach?
Ich habe Geschichte immer sehr gerne gehabt. Archäologie hat mich ebenfalls interessiert.

Haben Sie selbst einmal gegraben?
Das Interesse an Archäologie hat mein erster Lehrer David Beck geweckt. Er war der Pionier in der Archäologie in Liechtenstein. Er nahm uns mit an Ausgrabungsstätten. Das hat mich sehr fasziniert. Ich habe gesehen, dass in Entwicklungsländern unglaublich viel an archäologisch Wertvollem kaputtgeht durch den Bau von Strassen, Staudämmen etc. Ich habe darauf eine schweizerisch-liechtensteinische Stiftung für Archäologie im Ausland gegründet. Diese Stiftung läuft gut. Ich war auch an einer Reihe von Grabungen dabei.

Auch von Dinosauriern?
Wir haben uns auf menschliche Überreste konzentriert. Das heisst, wenn beispielsweise bei einer Überbauung Siedlungsreste entdeckt werden, finanzieren wir die Notgrabung, damit diese Siedlungsreste nicht verloren gehen. Wir sensibilisieren die Bevölkerung vor Ort. Im Übrigen ist die Stiftung eine gute Werbung für Liechtenstein und die Zusammenarbeit mit der Schweiz ist hervorragend.

Wenn Sie an Ihre Kindheit zurückdenken: Wann war für Sie klar, dass Ihr Leben nicht ganz so verlaufen würde wie das Ihrer Schulkameraden?
Das war schon in der ersten Klasse der Fall. Wir lebten im Schloss, wir sprachen keinen Dialekt. Das hat dazu geführt, dass ich mich mit einem deutschen Schüler befreundet habe – Uve Harder. Meine Eltern haben darauf geachtet, dass wir von den Lehrern gleich behandelt werden wie die anderen Schüler.

Sie bekamen auch mal eine «Tatze», oder?
Gleich in der ersten Klasse, von David Beck.

Wie muss man sich das vorstellen? Hat Ihr Vater Sie eines Tages zur Seite genommen und Ihnen erklärt, was es heisst, «Fürst» zu sein?
Nein, einen solchen Tag gab es nicht. Vieles bekommt man von klein auf einfach mit. Man sieht, dass es Empfänge gibt, Gespräche mit beispielsweise dem Regierungschef, offizielle Besuche etc. Da war keine grosse Erklärung notwendig. Mein Vater hat mich gefragt, was ich studieren möchte, als ich im Gymnasium war. Ich sagte, dass ich gerne Physik oder Archäologie studieren würde. Er hat mir gesagt: «Hans-Adam, das können wir uns nicht leisten. Du musst Wirtschaft und Recht studieren. Wirtschaft, weil du das Vermögen neu aufbauen musst, und Recht, weil ich noch zu meinen Lebzeiten dir das Amt des Staatsoberhaupts übertragen möchte.» Ich habe früh mitbekommen, dass mit der Vermögensverwaltung etwas nicht stimmen konnte. Es war immer wieder das Gespräch in der Familie, dass wieder ein Bild oder Grundbesitz verkauft werden musste. Man hat gewusst, dass es nicht zum Besten steht.

Also setzten alle auf Sie?
Ich musste das Vermögen wieder aufbauen, und so habe ich Wirtschaft und Recht in St. Gallen studiert.

Aber es hat Ihnen, glaube ich, nicht schlecht gefallen.
Es war interessant, da ich mich schon in der Studienzeit mit der Reorganisation des Vermögens befassen konnte. Ich habe meine Diplomarbeit über die Anwendung von Computern im Bankenwesen geschrieben.

In einer Zeit, wo es noch fast keine Computer gab.
Meine Eltern hatten Kontakt mit dem Chef von IBM Europa. Mein Vater hatte keinen Einblick in die Vermögensverwaltung, auch nicht in die Bank. Ich habe dann eine Möglichkeit gesehen, dies zu ändern. Ich
wusste, dass man sich bei der Bank überlegt, eine neue Generation IBM-Computer anzuschaffen. Über IBM habe ich dann Einblick in unsere Bank bekommen und konnte anfangen, sie zu reorganisieren. Das war am Ende meines Studiums.

Wie sind Sie mit dieser Verantwortung und auch dem Druck umgegangen?
Ich wusste, dass ich das Problem mit der Vermögensverwaltung lösen musste. Wäre das Vermögen zusammengebrochen, dann wäre das voraussichtlich auch das Ende der Monarchie gewesen. Ich habe zu meinem Vater gesagt: «Entweder wir handeln jetzt und ich bekomme die Vollmacht über die Bank oder ich gehe zu IBM, die mir einen Job angeboten haben. Ich bin Familienvater, ich muss meine Familie ernähren. Wenn das hier alles zusammenbricht, müssen wir die Koffer packen und wieder nach Wien ziehen.» Viel verlieren konnte ich also nicht.

Wollten sie schon einmal ausbrechen? Vielleicht als Jugendlicher? Haben Sie rebelliert?
Rebelliert habe ich eigentlich mein ganzes Leben lang. Schon in der Volksschule, sonst hätte ich nicht die Tatze von David Beck bekommen, den ich trotzdem sehr verehrt habe. Die Tatze war ja fast wie eine Auszeichnung für mich: Man ist jemand! Als Bub ist man natürlich immer etwas rebellisch. Im Internat in Zuoz habe ich gerne Eishockey gespielt – eine kämpferische Sportart. Ich war nie ein sehr braver Schüler. Ich kann mich erinnern, dass der Religionsunterricht in der Volks- schule in einer sehr altmodischen Weise geführt wurde. Wir mussten den alten Katechismus auswendig lernen. Ich fand die Fragen blöd, ich fand die Antworten blöd. Vor versammelter Klasse habe ich eines Tages den Katechismus zerrissen und aus dem Fenster geworfen. Der alte Katechismus wurde wenige Jahre später durch einen neu-
en ersetzt. Ich war eben schon damals meiner Zeit etwas voraus.

Das hatte ein Nachspiel.
Im damaligen Liechtenstein ist das bis zur Regierung gegangen. Der Erbprinz zerreisst den Katechismus. Ich musste nachsitzen und wurde eingesperrt, um die Strafaufgabe zu schreiben. Es war ein schöner Sommertag. Ich war im dritten Stock. Ich schaute zum Fenster raus und entdeckte die Regenrinne. Ich bin daran hinuntergeklettert – ich war alles andere als ein braver Schüler.

Schon rebellisch.
Ein bisschen ja. (jak)

Das ganze Interview mit Fürst Hans-Adam II. lesen Sie im «Vaterlandmagazin» zu Ehren des 70. Geburtstages des Landesfürsten.

14. Feb 2015 / 05:58
Geteilt: x
KOMMENTARE

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

KOMMENTAR HINZUFÜGEN

Überschrift (max. 70 Zeichen)
Meine Meinung (Noch  Zeichen verfügbar)
Lesertrend
Meistkommentiert
20. Dezember 2019 / 16:08
17. Januar 2020 / 21:01
13. Januar 2020 / 10:00
30. Dezember 2019 / 08:18
Aktuell
21. Januar 2020 / 03:02
20. Januar 2020 / 21:20
20. Januar 2020 / 21:06
UMFRAGE DER WOCHE
Lade TED
Ted wird geladen, bitte warten...

Wettbewerb
Täli
Facebook
Top