• Philosophischer Dialog
    Philosphischer Dialog zwischen Fürst Hans-Adam II. und Manfred Schlapp  (Elma Korac)

«Eine Demokratie muss insbesondere von unten nach oben wachsen»

Zu Ehren des 70. Geburtstages von Fürst Hans-Adam II. führte Manfred Schlapp einen philosophischen Dialog mit dem Landesfürsten. Themen des Gesprächs waren das Buch von Fürst Hans-Adam II. mit dem Titel «Der Staat im dritten Jahrtausend» sowie die Entwicklungen im islamischen Kulturkreis.
Vaduz. 

Manfred Schlapp: Durchlaucht, Freude herrscht. Nicht ein jeder wird 70 Jahre alt, denn bekanntlich ist das Leben voller Tücken. Und so darf ich Ihnen zu Ihrem 70. Geburtstag von Herzen gratulieren und auch dazu, dass Sie nach wie vor von Energie und Tatkraft geladen sind. Ich durfte mich vor zwei Jahren freuen, 70 Jahre alt zu werden, aber zur Freude mischte sich Wehmut. Weniger deshalb, weil die Zeit, die noch bleibt, bemessen ist, sondern vor allem deshalb, weil mich der Blick zurück lehrte, dass ich vieles anders und besser hätte machen können. Wenn Sie auf Ihre 70 Jahre zurück­blicken, welche Entscheidungen kommen Ihnen da in den Sinn, die Sie vielleicht besser anders getroffen hätten?

Fürst Hans-Adam II.: Bei der Reorganisation der Vermögensverwaltung der Familie hätte ich vielleicht schon früher radikalere Massnahmen treffen müssen. Das heisst, dass ich Betriebe früher hätte schliessen und mich rascher von gewissen Leuten hätte trennen müssen.

Manfred Schlapp: Das waren Probleme im ökonomischen Bereich. Und wie lief es im politischen Bereich?

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Philosophischer Dialog zwischen Fürst Hans-Adam II. und Manfred Schlapp

Fürst Hans-Adam II.: Im politischen Bereich lief alles ganz gut. Mit meiner Ruck­sackrede 1970 habe ich meine Vorstellungen über die liechtensteinische Aussenpolitik dargelegt. Im in­nen­politischen Bereich hat sich schon sehr früh der Verfassungskonflikt abgezeichnet. Bis auf die Bildungsgutscheine konnte ich auch dort meine Vorstellungen weitgehend verwirklichen.

Manfred Schlapp: Was erfüllt Sie mit Freude und Stolz, wenn Sie zurückblicken?

Fürst Hans-Adam II.: Die Reorganisation und der Wiederaufbau des fürstlichen Vermögens sowie, dass es mir gelungen ist, die Souveränität und das Selbstbestimmungsrecht der liech- tensteinischen Bevölkerung sowohl aussenpolitisch als auch innenpolitisch abzusichern. Aussenpolitisch war natürlich der Beitritt zur UNO von essentieller Bedeutung. Damals war es ja so, dass Kleinstaaten wie Liechtenstein nicht Mitglied der UNO werden durften. Das entsprach damals der amerikanischen Politik, die auch von anderen grösseren Staaten unterstützt wurde. Dass es mir in einem Gespräch im Weissen Haus gelungen ist, die Amerikaner umzustimmen, erstaunt mich heute noch. Das war für mich schon ein ganz schöner Erfolg. Weiter freut mich ganz besonders, dass es mir gelungen ist, die liechtensteinische Bevölkerung vom Beitritt zum EWR zu überzeugen. Das war nicht nur innenpolitisch ein Kampf, sondern auch aussenpolitisch. Da brauchte es hinter den Kulissen Gespräche mit der EU-Kommission und einzelnen Mitgliedstaaten.

Manfred Schlapp: Gab es noch weitere Erfolge in der Innenpolitik?

Fürst Hans-Adam II.: Neben der Mitgliedschaft in der UNO und im EWR waren dann auch zwei innenpolitische Entscheidungen ganz wichtig. Es war mir schon in der Studentenzeit klar, dass eine religiöse Legitimation der Monarchie nicht mehr zeitgemäss ist. Mir ist dann diese passive demokratische Legitimation eingefallen.

Manfred Schlapp: Waren Sie auch auf der kommunalen Ebene aktiv?

Fürst Hans-Adam II.: Der zweite in meinen Augen ganz innovative Ansatz war dann die Einführung des Selbstbestimmungsrechts auf Gemeinde­ebene. Diese Idee hatte einen ganz speziellen Hintergrund. Damals war im schweizerischen Bundesrat mehrheitlich noch die Meinung vertreten worden, dass die Schweiz aus wirtschaftlichen Gründen früher oder später der EU beitreten müsse. Mir war dann klar, dass uns, wenn Österreich und die Schweiz der EU beitreten, auch nicht viel anderes übrigbleiben wird. In den damaligen EU-Verträgen war festgehalten, dass es kein Austrittsrecht gibt. Nachdem ich gewisse Zweifel bezüglich des langfristigen Erfolgs der EU hegte, überlegte ich mir, wie wir uns da wieder «herauswuzeln» können, wie man so schön in Österreich sagt. Eine solche Hintertür erblickte ich im Selbstbestimmungsrecht auf Gemeindeebene. Dann könnte sich eine Gemeinde nach der anderen aus dem Staatsverband verabschieden. Nachdem jede unserer Gemeinde flächenmässig grösser ist als Monaco, why not? Also könnten wir uns so peu à peu von der EU wieder verabschieden, wenn diese in eine Krise kommt.

Manfred Schlapp: Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde mich vor allem eines mit Stolz erfüllen: nämlich, ein stolzer Grossvater zu sein. Sie haben 15 Enkelkinder, da kann man nur gratulieren. Ich habe es nur auf zwei Enkelkinder gebracht.

Fürst Hans-Adam II.: Eine Freude! Und dies jeden Tag!

Manfred Schlapp: Grossvater sein ist doch ein toller Job! Man gibt Liebe, man bekommt Liebe und hat keine Verantwortung! (lacht)

Fürst Hans-Adam II.: Ja, genau. (lacht)

Manfred Schlapp: Können Sie alle 15 Enkel aufzählen?

Fürst Hans-Adam II.: Mehr oder weniger ja. (lacht)

Manfred Schlapp: Ich durfte an einer wichtigen Station Ihres Lebens dabei sein, nämlich an Ihrer Hochzeit Ende Juli 1967. Ich bin seit damals in Liechtenstein. Wenn Sie an Ihre Hochzeit zurückdenken, welche Erinnerungen kommen hervor?

Fürst Hans-Adam II.: Die Hochzeit war natürlich ein sehr bewegendes Ereignis, nicht nur für mich und meine Familie, sondern auch für die Bevölkerung. Es herrschte schönstes Wetter. Es konnte ausgiebig gefeiert werden. Es fand ein grosses Volksfest statt, das ganze Land war auf den Beinen. Das war schon ein sehr bedeutendes Ereignis – abgesehen davon (lacht), dass der Übertritt vom Junggesellenzeitalter in das Verheiratetenzeitalter natürlich auch eine gewisse Zäsur darstellt. In einer Ehe muss man sich an seinen Partner anpassen.

Manfred Schlapp: Sie haben ein Buch veröffentlicht. Es trägt den Titel «Der Staat im dritten Jahrtausend». Können Sie den Lesern, die Ihr Buch nicht gelesen haben, Ihre Grundgedanken kurz skizzieren?

Fürst Hans-Adam II.: Als ich mich in den 70er-Jahren mit der Frage der Zukunft eines Kleinstaates wie Liechtenstein auseinandergesetzt habe, ist mir aufgefallen, dass wir schon in den 60er-Jahren einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt haben, obwohl damals die vorherrschende Meinung war, dass ein Ministaat wie Liechtenstein eigentlich keine wirtschaftliche und politische Zukunft hat, und eine Monarchie schon gar nicht. Ich hatte sehr früh realisiert, dass das alles aufgrund der Globalisierung möglich war. Uns sind die Weltmärkte im Wesentlichen offen gestanden, insbesondere in Europa. Aufgrund dieser Entwicklung erkannte ich, dass zentralistische Staaten mit geschlossenen Volkswirtschaften Gefahr laufen, im Zuge der Globalisierung auseinanderzubrechen.

Manfred Schlapp: Heisst das, dass Dezentralisierung die Kern- idee des Buches ist?

Fürst Hans-Adam II.: Ja, in Konnex mit dem Selbstbestimmungsrecht. Ende der 70er-Jahre und Anfang der 80er-Jahre habe ich mit Vertretern der USA und der Sowjetunion Gespräche geführt. Ich sah, dass das sowjetische Imperium kurz vor dem Zusammenbruch steht. Dabei befürchtete ich, dass es zu einer kriegerischen Auseinandersetzung mit einem Atomkrieg kommt. So habe ich versucht, die Amerikaner davon zu überzeugen, dass man die Verteidigung anders strukturieren sollte und die Sowjets, wie man die Sowjetunion dezentralisieren und demokratisieren könnte, damit sie nicht aus­einanderbricht. Ich gebe zu, dass dies alles idealistisch und unrealistisch war, aber ich habe gedacht, ein Versuch ist es wert.

Manfred Schlapp: Gab es irgendwelche staatsphilosophischen Denker, die Sie inspiriert haben? Oder liessen Sie sich nur von sich selbst inspirieren?

Philosophischer Dialog

Philosophischer Dialog zwischen Fürst Hans-Adam II. und Manfred Schlapp

Fürst Hans-Adam II.: Ich liess mich weitestgehend von mir selbst inspirieren. Ich habe einfach die Situation analysiert und mir überlegt, wie man die Problematik lösen könnte. Der Fehler der Sowjetunion war das Selbstbestimmungsrecht auf der Ebene der Republik. Wenn ich aber das Selbstbestimmungsrecht auf die kleinsten Einheiten, die politisch denkbar sind, also auf der Gemeindeebene verankere, dann führt das meiner Ansicht nach nicht zu einem Auseinanderbrechen der grossen Staaten, sondern sehr viel mehr zu einer Dezentralisierung und einer Zusammenarbeit auf der unteren Ebene. Gewisse Aufgaben wie Aussenpolitik, Sicherheitspolitik, das Erheben von indirekten Steuern wie der Mehrwertsteuer usw. soll der Zentralstaat übernehmen, während die direkten Steuern auf lokaler Ebene von den Gemeinden eingetrieben werden sollen. So könnte man diese Staaten dezentralisieren.

Manfred Schlapp: Was bedeutet das mit Blick auf Liechtenstein?

Fürst Hans-Adam II.: Schliesslich habe ich mir gedacht, dass ich das Selbstbestimmungsrecht auf Gemeindeebene in der liechtensteinischen Verfassung verankern könnte, nachdem die Verfassungsdiskussion ja sowieso schon ausgebrochen war. Mein Ziel war es, der Welt zu zeigen, dass dieses Selbstbestimmungsrecht auf Gemeindeebene funktioniert, ohne dass Liechtenstein dabei zerfällt.

Manfred Schlapp: Machen wir einen Sprung von Europa in einen anderen Kulturkreis. Unter dem Titel «Ad-daula fi al-alfia ath-thalithata» haben Sie Ihr Buch auf Arabisch herausgegeben. Wer sind Ihre Leser im arabischen Raum und haben Sie irgendwelche Rückmeldungen bekommen?

Fürst Hans-Adam II.: Ich habe mein Buch zuerst auf Englisch publiziert und dann auf Deutsch. Der erste Verlag, der dann gekommen ist und gesagt hat, er würde mein Buch gerne publizieren, war der anscheinend grösste arabisch-sprachige Verlag mit Sitz im Libanon. Der Vertreter dieses Verlages hat mir gesagt: «Wissen Sie, wir haben mit unseren Aktionären gesprochen und sie haben uns gesagt, wir möchten das in Arabisch publizieren, weil das Reformen sind, die wir auch im islamischen Kulturbereich brauchen.» (güf)

Den gesamten Dialog lesen Sie im «Vaterlandmagazin» zu Ehren des 70. Geburtstag von Fürst Hans-Adam II.

14. Feb 2015 / 06:00
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