• Priska Seni Psychologin in ihrer Arbeitsumgebung in der Praxis i
    Priska Seni - Psychologin in ihrer Praxis in Balzers  (Sven Beham)

«Träume haben einen starken Bezug zum Leben im Wachzustand»

Albträume, Nachtschreck, Monsterfreunde. Kinderträume und ihre Begleiterscheinungen können Eltern einen gehörigen Schrecken einjagen. Im folgenden Interview beleuchtet die Kinder- und Jugendpsychologin Priska Senti Kinderträume. Fast immer gehen diese mit einer gesunden Entwicklung einher. Ihre praktischen Tipps zeigen u. a. auf, wie Eltern und Kinder gemeinsam den versteckten Botschaften der «bösen» Träume auf den Grund gehen können.

Frau Senti, träumen alle Kinder?
Priska Senti:
Alle Menschen träumen, vom Säugling bis zum betagten Menschen – und zwar jede Nacht und in allen Schlafphasen. Wir erinnern uns einfach nicht immer daran. Am besten gelingt uns das Erinnern von Trauminhalten nach sog. REM-Phasen. Diese Abkürzung steht für «rapid eye movement» (schnelle Augenbewegungen). So nennt man die Schlafzyklen, bei denen sich die Augen unter den geschlossenen Lidern heftig bewegen und viel Gehirnaktivität messbar ist. Unser Bewusstsein schläft nie. Das kann man sich vorstellen wie das Herz, das auch im Schlaf weiterschlägt.

Welche Bedeutung hat das Träumen bei Kindern?
Träume geschehen nicht zufällig. Sie haben einen starken Bezug zum Leben im Wachzustand. Auch wenn wir bei der Deutung vorsichtig sein müssen, liefern Träume oft Hinweise, was unser Kind im Moment besonders beschäftigt.

Was sind typische Kinderträume?
Kleinkinder träumen oft noch bruchstück-haft, mit eher statischen Bildern und beobachten ihre Träume eher passiv. Sie träumen oft von Tierfiguren und kommen selbst in ihren Träumen noch nicht vor. Interessant ist, dass drei- bis fünfjährige Kinder in den Träumen praktisch keine Angst erleben. Das haben Untersuchungen gezeigt. Kinder fürchten sich vielmehr vor der Situation des Aufwachens, wenn sie noch im Dunkeln und allein sind. Erwähnenswert ist zudem, dass Kinder nur sehr selten von der Schule, und falls doch, dann eher von positiven Erlebnissen auf dem Pausenplatz träumen. Träume von Prüfungssituationen erleben laut Untersuchungen nur sehr wenige Kinder – und Angst kommt dabei kaum vor. Kinder haben etwa doppelt so oft schlechte Träume wie Erwachsene, vielleicht, weil um sie herum alles grösser, stärker und bedrohlicher wirkt. Die Phase der Alb- oder Angstträume ist vor allem bei Sechs- bis Zehnjährigen ausgeprägt. Mädchen scheinen eher von bedrohlichen Menschen heimgesucht zu werden, während Jungen im Traum häufiger auf Fantasiewesen und Ungeheuer treffen. Mädchen und Jungen träumen oft von starken, unbesiegbaren Helden, die durch ihre Heldentaten viel Bestätigung und Anerkennung bekommen.

Sollen Eltern Hilfe holen, wenn ein Kind wiederholt Albträume hat?
Solange beängstigende Bilder nicht jede Nacht kommen und der Schrecken nicht bis in den Tag hinein nachwirkt, sind keine besonderen Massnamen erforderlich. Manchmal hilft hier schon ein Traumfänger oder das Erzählen des Traums. Zusätzlich kann man Kinder die Figuren oder Gestalten aus dem Traum aufzeichnen lassen. Auf Papier und möglichst schrecklich gezeichnet, verlieren viele Monster, schwarze Gestalten und Einbrecher ihren Schrecken. Eine Möglichkeit für die Eltern besteht darin, dass sie mit den Kindern eine Bildergeschichte mit einem veränderten Traumgeschehen zeichnen. Vielleicht kann eine helfende Figur dazu gemalt werden, die eine positive Wendung oder ein glückliches Ende einleiten kann.
Kinder lernen stetig, mit einer Vielzahl von Ängsten umzugehen. Ab dem 10. Lebensjahr nimmt die Häufigkeit von schlechten Träumen wieder deutlich ab.

Wie können die Eltern dafür sorgen, dass Kinder möglichst gar keine Albträume bekommen?
Albträume können nicht gänzlich verhindert werden, sie gehören auch zu einer normalen Entwicklung. Oft schlafen Kinder schlecht, nachdem sie in den Nachrichten, aber auch in Filmen oder sogar Trickfilmen beängstigende Szenen gesehen haben. Hier gilt es, achtsam zu sein und Kinder nicht alleine Filme anschauen zu lassen. Oft scheinen uns Erwachsenen die Bilder unbedenklich, aber Kinder erleben es anders und empfinden auch Szenen aus Trickfilmen als beängstigende. Da ist es gut, wenn das Kind weiss, dass es mit seinen Ängsten nicht allein ist. Einigen Kindern hilft es, wenn sie verstehen, wie «Special Effects» in Filmen gemacht werden. Wir können Kinder nicht vollständig von belastenden Nachrichten abschirmen. Wir können ihre Sorgen und Ängste jedoch aufnehmen, ernst nehmen und ihnen beim Bewältigen dieser Ängste beistehen.

Bei welcher Art von Träumen sollen Eltern hellhörig werden und Hilfe holen?
Manche Kinder haben schlimme Erlebnisse jedoch nicht nur in einer Geschich-te oder in einem Film gehört oder gesehen, sondern sie sind Realität. Das sind z. B. Kinder, die an einem Unfall beteiligt waren, schwer erkrankt sind, bei denen eine wichtige Bezugsperson verstorben ist oder die Opfer von Gewalt oder anderen Bedrohungen wurden. Wenn solche seelischen Verletzungen und Erschütterungen nicht verarbeitet werden, kann es zu sehr gefühlsintensiven, ängstigenden und häufigen Albträumen kommen. Diese wirken besonders bedrohlich, wenn sie ein sehr erlebnisnahes Wiedererinnern eines solchen überfordernden Ereignisses sind. Dies kann für die betroffenen Kinder extrem belastend werden.Hellhörig sollten wir ausserdem werden, wenn Kinder Angst vor dem Einschlafen haben. Wenn bei Albträumen eine so grosse Angst vor dem Schlafengehen entsteht, dass sich daraus eine gravierende Schlafstörung entwickelt. Kinder erzählen manchmal nicht von beängstigenden Träumen, weil das Erzählen an sich ihnen schon Angst einjagt. Hier lohnt es sich immer, direkt nach den schlechten Träumen zu fragen. Wenn Kinder häufiger in wachem Zustand noch stark vom Traumgeschehen in Beschlag genommen werden oder nicht mehr alleine schlafen können, könnte dies ein Hinweis darauf sein, dass spezielle Unterstützung durch eine Psychologin oder einen Psychologen sinnvoll ist. Auch wenn die Albträume regelmässig ein- oder mehrmals pro Woche auftreten, kann fachliche Hilfe wichtig sein. (osa)

Das ganze Interview lesen Sie im Vaterlandmagazin «abc-schützen».

 

11. Sep 2014 / 08:30
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