• Matthias Pöhm
    Rhetorik-Profi Matthias Pöhm  (pd)

«Gehen Sie durch die Angst – so oft, bis Sie sie verlieren»

Der im Kanton Zürich wohnhafte Rhetorik-Coach Matthias Pöhm ist ein Profi, wenn es darum geht, Menschen mit Worten zu fesseln. Naturtalent könnte man sagen – doch weit gefehlt. Als junger Mensch litt er selbst an Redeangst. Eine Angst, der er sich stellte. Ganz nach seinem Motto: «Handle mutig, und du wirst mutig». Im Interview gibt er Tipps, wie man ein guter Redner wird.
Vaduz. 

Herr Pöhm, wenn man Artikel über Sie liest, stösst man immer wieder auf die Geschichte, dass Sie als junger Mann selbst unter Sprechangst litten. Schwer zu glauben, wenn man Sie heute auf der Bühne stehen sieht. Gehörten Sie tatsächlich zu den Menschen, die vor einer Gruppe Leute ins Stottern und Schwitzen gerieten?  
Matthias Pöhm: Sogar meine ganze Schüler- und Jugendzeit hindurch, bis zu jenem Schlüsselerlebnis. Ich war in einer Firma in Genf als Personalvertreter gewählt. Am Ende des Jahres gab es eine Mitarbeiterversammlung, bei der mich der Chef plötzlich mitten aus der Menge aufrief und bat, ich solle doch etwas zur Personalvertretung sagen. Ich stand auf, wurde rot, begann zu reden, es stammelte aus mir heraus. Es war so peinlich, die Leute schauten betreten zu Boden. Das war der Anfang meiner Karriere, denn danach schwor ich mir, das Problem ein für allemal in den Griff zu bekommen. Aus der Verlängerung dieses Erlebnisses ist mein Beruf geworden.

Es braucht Mut, sich seinen Ängsten zu stellen und zum Beispiel einen RhetorikKurs zu buchen. Kostete es Sie damals viel Überwindung?
Ich habe ja nicht nur Rhetorik-Kurse besucht, ich habe verrückte Dinge gemacht. Ich habe damals z. B. für Rhäzünser eine Marketing-Veranstaltung auf grossen Plätzen moderiert. Das Entgelt war eine Kiste Mineralwasser pro Auftritt. Meinen ganzen Jahresurlaub habe ich dafür investiert. Ich hätte denen sogar noch Geld bezahlt, um das machen zu können. Ich wollte unbedingt vor Leuten reden. Dann bin ich zu ungefähr 20 Castings nach Deutschland gefahren, um Fernsehmoderator zu werden. Alles immer noch mit dieser Redeangst. Wenn Sie einmal im Wasser sind, dann schwimmen Sie – ob hilflos oder elegant ist egal. Irgendwann werden Sie besser, das können Sie nicht verhindern. Also: Schreiben Sie sich ruhig für ein Rhetorik-Seminar ein.

Würden Sie sagen, jeder kann ein guter Rhetoriker werden? Oder anders formuliert: Ist Rhetorik tatsächlich erlernbar und muss es einem Menschen nicht auch im Blut liegen?
Das ist wie beim Autofahren. Jeder, der Zeit, Energie und Hartnäckigkeit aufbringt, wird irgendwann Autofahren lernen. Aber nicht jeder wird ein Sebastian Vettel. Genauso ist es auch in der Rhetorik.

Was macht gute Rhetoriker denn aus?
Es gibt Hunderte von Elementen. Ich will Ihnen einen konkreten Tipp geben. Um einen technischen Vorgang oder eine Neuerung spannend zu machen, gibt’s diesen Trick: Erzählen Sie, wann und wie die Idee entstanden ist. Damit können Sie jede gefundene Lösung in der Wahrnehmung aufwerten. Hier ein Beispiel: «Der Kunde drängte auf Lieferung. Wir wussten nicht, wie wir die Ware ohne Landeerlaubnis für Frachtflugzeuge in Peking in der gegebenen Zeit liefern sollten. Dann fuhr ich eines Tages mit dem Auto zur Arbeit. Ich kam an eine Ampel und da fuhr von rechts ein Umzugs-Lkw an mir vorbei mit dem Slogan «Wir räumen Ihre alte Wohnung leer». Und da hatt ich sie – die Idee! Für Frachtflugzeuge gibt es keine Landeerlaubnis in Peking, aber für Passagierflugzeuge schon. Wir chartern ein Passagierflugzeug, lassen die Sitze ausbauen und im frei gewordenen Raum transportieren wir die Ware nach Peking. Und so haben wir es auch gemacht!
 

Sie haben den Begriff der sogenannten «Wirksprache» geprägt – der simplen und plakativen Sprache. Können Sie näher erläutern, was Sie genau mit dem Begriff aussagen wollen?
Wirksprache ist die Sprache der höchsten Wirkung. Sie können auf diese Art eine Geschichte so erzählen, dass man eine Stecknadel fallen hören könnte. Ein Beispiel: «März 2014. Ich stehe vor einem Einkaufszentrum. Vor mir eine Schlange von ungefähr 100 Menschen. Ich denke: Wird er es heute wieder tun?» Ich brauche vier Sätze, um Sie zu fesseln. Es gibt mehrere Elemente, die man dabei beachten muss. Sie machen kürzeste, einfachste Sätze. Sie erzählen die Geschichte in der Gegenwart. Sie erzeugen mit jedem Satz ein Bild. Sie lassen bewusst etwas unbekannt, nur dann kommt Spannung auf. Die Wirksprache kann jeder erlernen. Im Rhetorik-Seminar schaffen die meisten meiner Teilnehmer das auf Anhieb.

Ist ein gutes Selbstbewusstsein die Grundvoraussetzung, um eine fesselnde Rede halten zu können?
Es gibt einen Grundsatz, der lautet: «Handle mutig, und du wirst mutig.» Sie müssen mutige Dinge tun, die Sie sich eigentlich nicht zutrauen, aber Sie tun sie trotzdem. Auf die Art und Weise werden Sie irgendwann selbstbewusst. Die meisten Menschen denken, wenn ich mal mutig bin, dann rede ich vor 50 Menschen, aber dieser Tag wird nie kommen.

Wie sollte sich ein unsicherer Mensch idealerweise auf eine Rede vorbereiten? Sollte er z. B. gewisse Sätze zu Hause auswendig lernen? Vor dem Spiegel üben?
Die Regel ist folgende: Sie sollen eine Rede nicht auswendig lernen. Sie prägen sich nur die Struktur ein, sonst wirkt die Rede hölzern. Was Sie aber tun sollen, ist, gewisse Schlüsselsätze, die in ihrer Wirkung feinpoliert sind, auswendig zu lernen. Sie brauchen ungefähr eine Woche tägliches Üben, um sich als Nicht-Profi eine 30-minütige Rede so einzuprägen, dass Sie sie auf der Bühne sicher beherrschen.

Immer wieder hört man von Menschen, welche vor einer Rede «Betablocker» zu sich nehmen – ein Medikament, welche das Stresshormon Adrenalin hemmt und die Herzfrequenz senkt, wodurch Atemnot vermieden wird. Was halten Sie von dieser Massnahme?
Nichts. Denn Sie gewöhnen sich daran und bilden sich ein: «Nur damit geht’s». Gehen Sie durch die Angst, so oft, bis Sie die Angst verlieren. Das ist die beste Methode.

Viele Menschen haben Panik vor einem Blackout – dass sie plötzlich nichts mehr wissen. Haben Sie einen Rat für Redner, wie sie sich verhalten sollen, wenn dieser gefürchtete Moment tatsächlich eintritt?
Notizzettel ist das Gebot. Sie haben einen Blackout, kurzer Blick auf die Notizkarte und Sie fangen sich wieder.

Wie sollte ein Redner reagieren, der mit einer Frage vom Publikum konfrontiert wird, welche ihn völlig aus dem Konzept bringt?
Wiederholen Sie möglichst wörtlich die Frage, die er gestellt hat. Das gibt Ruhe und dadurch gewinnen Sie Zeit.

Sie sind als PowerPoint-Gegner bekannt. Welche Faktoren in und rund um Power Point erschweren eine gelungene Präsentation?
Der Lesezwang. Sobald Text eingeblendet ist, müssen wir lesen. Wenn aber der Text vorher zu sehen ist, dann kann keine Spannung mehr entstehen. Das ist betreutes Lesen! Die Substantivierung. Ein umgangssprachlich authentisch gesprochener Satz wird zu hauptwortlastigen Bürokratensätzen zerstückelt. Z. B.: «Erkennen der
Wischnotwendigkeit bei Benetzung der Frontscheibe.» So redet kein normaler Mensch, aber sowas wird dann abgelesen.

Gibt es Alternativprogramme zu PowerPoint, die Sie empfehlen würden?
Nein. Weder Prezi noch Keynotes noch irgendein digitales Programm in der Zukunft werden einen echten Menschen in der Wirkung schlagen, der sich im Zentrum der Aufmerksamkeit bewegt. Menschen überzeugen, nicht technische Hilfsmittel. Wenn der Redner sich selbst nicht bewegt, dann kann er auch das Publikum nicht bewegen. Das war immer so und das wird auch immer so bleiben. Ich empfehle das Flipchart. Das schlägt PowerPoint um Längen in der Wirkung.

Sie haben in der Schweiz die Anti-PowerPoint-Partei gegründet. Welche Ziele haben Sie mit Ihrer Partei in der nächsten Zeit?
Die Partei gibt es nur, um Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken. Wir sind inzwischen mit 3500 Mitgliedern die achtstärkste Partei der Schweiz und haben die Grünliberalen von den Mitgliederzahlen her überholt. Jeder in der Welt – auch in Liechtenstein – kann Mitglied werden. 2011 bei den Nationalratswahlen hatten wir 900 Stimmen auf uns vereinigt. Bei den nächsten Nationalratswahlen im Oktober treten wir wieder an.

Und als letzte Frage: Ganz ehrlich, haben Sie manchmal selbst noch «Bammel», auf die Bühne zu treten und zu reden? Einen Zweifel, die Zuhörer vielleicht für einmal nicht fesseln zu können?
Ja, das hab ich. Es kommt auf die Grösse des Auditoriums an. Bei Seminaren bis zu 20 Personen ist da keine Nervosität mehr. Wenn aber 500 oder gar 1000 Personen vor einem sitzen, da ist dann wieder ein gewisses Lampenfieber. Aber es kontrolliert mich nicht mehr wie früher – heute kontrolliere ich es. (ne)

 

Das ganze Interview mit Matthias Pöhm sowie weiterführende Informationen finden Sie im pece-Magazin.

03. Mär 2015 / 06:00
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