• Internettag in Vaduz
    Prof. Dr. Kerstin Wagner im Gespräch  (Daniel Schwendener)

«Die Digitalisierung macht vor keiner Branche halt»

Kerstin Wagner, Leiterin Digitale Strategien im Schweizerischen Institut für Entrepreneurship und Professorin an der HTW Chur, erklärt im Interview, warum jedes Unternehmen in Zukunft eine digitale Strategie benötigt.
Vaduz. 

Frau Wagner, über welche Kommunikationskanäle tauschen Sie sich in erster Linie mit ihren Geschäftskunden aus? Wie wichtig ist hierbei noch das persönliche Gespräch?
Kerstin Wagner: Beispielsweise lerne ich einen Unternehmer oder eine Unternehmerin auf einem Event kennen, danach tauschen wir via XING virtuell unsere Visitenkarten. Dort bin ich dann mit der Person verbunden und kann sie jederzeit wieder kontaktieren, sobald es um ein konkretes Projekt geht. Dann wird es wieder ein persönliches Treffen geben. Zudem biete ich an, meine Facebook-Seite zu «liken», da ich dort regelmässig in Kurzform über aktuelle Projekte, Presse und Veröffentlichungen schreibe. Wer sich genauer informieren will, kann mehr auf meiner persönlichen Homepage nachlesen. Dort steht alles in ausführlicher Form zu meinen Themen. Meine Kommunikation ist also eine Mischung aus persönlich und online. Beides ist wichtig, um auf der einen Seite Vertrauen aufzubauen und auf der anderen Seite unkompliziert in Kontakt bleiben zu können.

Welche Funktionen können heute für eine Firma Online-Kanäle übernehmen, die früher ausschliesslich über klassische Kanäle umgesetzt wurden? Und was für Vorteile ergeben sich dadurch?
Ich muss mir zunächst im Klaren darüber sein, in welchem Stadium ich mich mit meinen Zielgruppen befinde. Geht es um Kontaktanbahnung und um die Ansprache von Neukunden? Will ich Interessenten und potenzielle Kunden von einem konkreten Produkt überzeugen und zum Kauf motivieren? Oder möchte ich meine Kunden nach dem ersten Kauf näher an mich binden und die Beziehung intensivieren? Gerade wenn es darum geht, grundsätzlich Menschen auf mein Unternehmen und meine Produkte aufmerksam zu machen, kann ich reichweitenstarke Kanäle nutzen, wo ich gezielt meine Zielgruppen ansteuern und auswählen kann. Potenziell kann ich mit einer Nachricht Tausende Leute erreichen. Wenn es wiederum darum geht, Kunden zum ersten Kauf zu motivieren, ist vermutlich eine persönliche 1:1-Kommunikation besser geeignet. Aber das muss jedes Unternehmen anhand seines Geschäftsmodells individuell entscheiden.

Wie schätzen Sie die aktuelle Situation in Unternehmen ein? Ergänzen oder ersetzen die neuen digitalen Kanäle die traditionellen Kommunikationswege? Denken Sie, dass die persönliche Beratung und das Gespräch unter vier Augen in Zukunft noch gefragt sein werden?
Ein persönliches Gespräch wird immer die höchste Beziehungsqualität besitzen und lässt sich nur bedingt ersetzen. Digitale Kommunikation kann jedoch aufgebaute Beziehungen intensivieren, Vertrauen schaffen und die Markenwahrnehmung erhöhen. Es gilt also, die richtige Kombination aus Online und Offline herzustellen und die Vorteile aus beiden Instrumenten zu nutzen.

Grundsätzlich stellen die ständig wachsenden Möglichkeiten der digitalen Technologien hohe Anforderungen an Unternehmen. Sind die Entwicklung und der Ausbau digitaler Strategien elementar, um in Zukunft bestehen zu können?
Absolut. Eine digitale Strategie zu entwi-ckeln, ist der erste Schritt. An der kann sich das Unternehmen orientieren und auf dieser Basis konkrete Umsetzungsmassnahmen entwickeln. Diese sollten einfach, messbar und in kleinen Schritten umsetzbar sein. Ich bin mir gar nicht so sicher, ob die digitalen Technologien tatsächlich so hohe Anforderungen stellen und das grösste Problem sind. Es gibt mittlerweile zwar sehr viele technologische Möglichkeiten am Markt. Unternehmen werden daher nicht darum herumkommen, auf Basis der Strategie eine geeignete Auswahl zu treffen und sich einzuarbeiten oder einen Spezialisten zu beauftragen. Man muss jedoch wissen: Mit der Wahl des Spezialisten wählt man den Lösungsweg direkt mit. Wenn ich einen Berater beauftrage, der gute Erfahrungen mit Google-AdWords macht, wird er eher das anbieten. Ein anderer Berater wird sich vielleicht auf Facebook-Auftritte spezialisieren. Unternehmen sollten vorher entscheiden, was sie brauchen und wofür. Hinzu kommt, dass es mit der Technik nicht getan ist. Die schönste Homepage ist nutzlos, wenn keiner weiss, dass es sie gibt. Hier gilt es, kreativ zu werden – und zwar nicht nur in Sachen Suchmaschinenoptimierung. Bei der Entwicklung solcher Ansätze können wir Unterstützung leisten.

Können Sie uns dazu ein Beispiel geben?
Nehmen wir die Reisebranche. Ein Hotel wird Wert darauf legen, dass es eine schöne Homepage hat, wo potenzielle Gäste sich die Leistungen anschauen und dann direkt dort buchen können. Leider ist es eine Tatsache, dass die meisten Gäste beim Recherchieren und Planen einer Reise auf Buchungs- und Bewertungsplattformen gehen, um dort transparent Angebote zu vergleichen und Bewertungen einzusehen. Das heisst, ein Gast kann Übernachtungen in einem Hotel buchen, ohne je auf der Webseite des Hotels gewesen zu sein. Daher muss sich das Hotel überlegen, ob es Möglichkeiten gibt, potenzielle Gäste bereits dann abzuholen, bevor sie auf einer Plattform mit der Suche beginnen. Also beim Träumen und bei der Inspiration.

Was raten Sie kleinen und mittleren Unternehmen, die stark unter Konkurrenzdruck kommen, aber denen die notwendigen Ressourcen für die Umsetzung einer entsprechenden Strategie fehlen?
Ich würde empfehlen, in jedem Fall eine Strategie zu entwickeln. Auf der Basis kann man dann entscheiden, ob gleich der grosse Wurf oder Schritt für Schritt einzelne Massnahmen umgesetzt werden sollen. Die Strategie sollte auf Basis des Geschäftsmodells entwickelt werden und aufzeigen, wie bestehende Offline-Aktivitäten mit Online-/Mobil-Aktivitäten verbunden werden. In der Strategie werden zum Beispiel folgende Fragen beantwortet: Wie kann ich die Kunden, nachdem sie meinen Laden verlassen haben, online an mich binden, um sie über neue Angebote zu informieren? Wie hole ich meine Kunden wieder in meinen Laden? Wie mache ich potenzielle Interessenten auf mein Produkt aufmerksam? Für jede dieser Fragen kann man sich kleine, umsetzbare Massnahmen vornehmen, die zeitlich auch im Tagesgeschäft machbar sind. Und danach sollte man diese Aktivitäten auch konsequent messen. Wie viele Besucher konnte ich mit meiner Flyer-Aktion auf meine Facebook-Page locken? Woher kommt der Traffic? Für welche Inhalte interessieren sich welche Zielgruppen?

Sind überhaupt noch Branchen in Zukunft denkbar, die ohne digitale Technologien und Strategien auskommen können?
Ich glaube nicht, dass es Branchen geben wird, vor denen die Digitalisierung haltmachen wird. Wenn wir uns mal umschauen, sehen wir, dass der Wandel schon in vollem Gang ist. Im Tourismus, in der Musikindustrie oder bei den Medienhäusern. Viele neue Geschäftsmodelle machen etablierten Anbietern bzw. Industrien Konkurrenz, indem sie eine (digitale) Leistung unkompliziert, aus einer Hand und schnell anbieten. Dabei steht nie die Frage im Vordergrund, wie das Produkt an den Kunden gebracht werden kann, sondern wie das Kundenerlebnis besonders unkompliziert gestaltet werden kann. Oft wird der Weg in die Online-Kanäle vor allem als technische Herausforderung beschrieben. Davon würde ich mich nicht abschrecken lassen. Wenn ich weiss, was ich will, lässt sich jede technische Umsetzung meistern. Die beste Technik hilft jedoch nicht, echte Leute in meine Kanäle zu holen, die echtes Interesse an meinem Produkt und meinem Unternehmen haben.

Wenn Sie einen Blick in die Zukunft wagen: Wie wird der Digitalisierungsprozess die Unternehmenswelt in 10 Jahren verändert haben?
Schwer zu sagen. Ich glaube, unsere Vorstellungskraft reicht heute schlicht nicht aus, um abschätzen zu können, was online alles noch möglich sein wird. (ne)

Weitere Informationen rund um das Thema Digitalisierung finden Sie im «pece»-Magazin. Ausserdem: Regionale Unternehmen präsentieren ihre Strategien, mit denen sie der Herausforderung der Digitalisierung begegnen.

02. Jun 2015 / 06:00
Geteilt: x
KOMMENTARE

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

KOMMENTAR HINZUFÜGEN

Überschrift (max. 70 Zeichen)
Meine Meinung (Noch  Zeichen verfügbar)
Lesertrend
Meistgelesen
17. März 2015 / 06:00
09. April 2019 / 05:00
UMFRAGE DER WOCHE
Lade TED
Ted wird geladen, bitte warten...

Wettbewerb
ziegler
Zu gewinnen 1 x 2 Karten für "Psychische Gesundheit & Humor": Daniel Ziegler, am 26. April um 20 Uhr im Schlösslekeller
05.02.2019
Facebook
Top