• Felix Baumgartner
    Felix Baumgartner  (Luke Aikins)

"Ins Dschungelcamp werde ich nie gehen"

Der 50-jährige Felix Baum­gartner wurde 2012 mit seinem Weltallsprung aus fast 40 000 Metern weltberühmt. Der heute im thurgauischen Arbon wohnhafte Baumgartner stieg damals in einer Druckkapsel an einem Heliumballon in die Strato­sphäre und brach mit dem Sprung zur Erde mehrere Weltrekorde. Wir haben uns mit dem Extremsportler ­unterhalten.
Extremsport. 

Herr Baumgartner, vor fast genau 7 Jahren wagten Sie den Sprung aus dem Weltall und durchbrachen als erster Mensch die Schallmauer. Wie präsent ist dieses Highlight bei Ihnen noch?

Felix Baumgartner: Es ist immer noch sehr präsent. Ich mache permanent Vorträge darüber bei zwei Agenturen. Die eine ist in den USA in Beverly Hills, die andere in London. So bin ich zwangsläufig immer wieder damit konfrontiert. Persönlich schaue ich lieber in die Zukunft als in die Vergangenheit. Natürlich bin ich stolz auf das, was wir damals geleistet haben. Der Sprung aus fast 40 000 Metern hat mir natürlich auch viele Türen geöffnet weltweit.

Würden Sie den Sprung wiederholen?
Auf keinen Fall. Der Aufwand und die Gefahr, der ich mich damals aussetzte, sind viel zu gross. Ich bin kein Wiederholungstäter. Ich suche neue Herausforderungen. Ich würde auch nicht zweimal auf den Mount Everest gehen. Und wir dürfen auch nicht vergessen, wir wissen nicht, ob es wieder klappen würde und ich es erneut überleben würde.

In einem Interview sagten Sie, sie wären als Kind ein sehr braver Bub gewesen. Ab wann suchten Sie denn den Nervenkitzel und wann kamen die Ideen für Sprünge aus grosser Höhe und von ganz exotischen Orten?
Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Man kann auch als braver Bub den Nervenkitzel suchen. Ich bin schon als kleines Kind immer überall raufgeklettert. Die Vogelperspektive, der Blick von oben, hat mich schon immer fasziniert, genauso wie der Extremsport. Ich komme aber aus einer sehr konservativen Familie. Mein Vater ist Tischler, meine Mutter ist Bäuerin. Das Setup in der Familie war nicht auf Extremsportler ausgerichtet. Ich musste warten, bis ich 16 Jahre alt war und mein eigenes Geld verdiente. Erst dann konnte ich mit dem Fallschirmspringen beginnen. Auch Helikopterfliegen war damals schon ein Wunsch, aber das Geld fehlte in der Familie, sodass dies auch warten musste. Im Militär konnte ich bei der Heeres-, Sport- und Nahkampfschule in Wien Erfahrungen sammeln und mein Können vertiefen. Ich habe aber immer auf das Risikomanagement geschaut. Ich bin kein Adrenalinjunkie, wie es oft geschrieben wird. Ich bin ein Mensch, der sich hohe Ziele setzt und dann versucht, das hohe Risiko auf ein Restrisiko zu minimieren. Wichtig ist die Vorbereitung. Auch beim Sprung aus dem Weltall haben wir uns fünf Jahre vorbereitet und ich war schliesslich bereit, das Restrisiko einzugehen.

Sie sind aber als Spitzensportler zurück­getreten. Kommt irgendwann der Rück­tritt vom Rücktritt?
Ich war kein Sportler im Sinne eines Skifahrers, der im Weltcup teilnimmt. Somit ist der Rücktritt vielleicht das falsche Wort. Wenn ich morgen Lust habe, mich von einer Felswand zu stürzen, dann mach ich das. Was stimmt ist, dass ich die gefährliche Sportart Basespringen reduziert habe. Jetzt beschäftige ich mehr mit dem Helikopterfliegen. Seit 2006 bin ich Helikopterpilot, seit 2012 Berufspilot, sowohl amerikanischer wie auch europäischer. Seit zwei Jahren habe ich die Ausbildung zum Akrobatik Fliegen. Damit habe ich mich die letzten zwei Jahre intensiv beschäftigt. Ich bin berechtigt, in den USA Air-Shows zu fliegen. Im Oktober fliege ich die ersten zwei Airshows mit Helikopterakrobatik. Hier lege ich klar den Fokus drauf. Fallschirm- und Basespringen habe ich jetzt 25 Jahre gemacht, das ist ausgereizt. Jetzt ist es Zeit für eine neue Herausforderung.

Zurück zum Sprung aus dem Weltall. Nicht geplant war die Rotation zu Beginn. Da hat es Sie ganz schön herumgewirbelt, doch konnten sie diese Rotation stabilisieren. Wie hat sich das angefühlt?
Die Wissenschaftler waren sich damals nicht einig. Die einen meinten es wird zur Rotation kommen, und zwar so schnell, dass man es nicht mehr stoppen kann. Andere Wissenschaftler behaupteten genau das Gegenteil. Natürlich konnten wir jetzt nicht einfach hergehen und sagen: «Wir springen jetzt mal und schauen, was passiert». Das geht nicht, schon gar nicht, wenn man das Ganze live im Fernsehen zeigt. Wir haben uns abgesichert, haben viel trainiert, auch im Windkanal. Ein Computer hätte bei einer gewissen G-Belastung einen Bremsfallschirm, der an den Schultern befestigt war, abgefeuert. Dieser Fallschirm hätte dann die Rotation gestoppt.

Sie brauchten den Fallschirm aber nicht und konnten es selber stoppen. Wie gefährlich war die Situation wirklich?
Die Rotation war gefährlich, darum hätte der Bremsfallschirm ja auch geholfen. Das ganze ging sehr schnell. In 50 Sekunden beschleunigt man in dieser Höhe in der sehr dünnen Luft auf 1350 km/h. Dazu kommen aerodynamische Phänomene. Wir wussten nicht, wie es rotieren wird. Geht das Blut in die Beine, spricht man vom Black-Out, geht das Blut aber wegen der Rotation in den Kopf, ist es viel gefährlicher. Dies nennt man Red-Out. Die schwächste Stelle beim Kopf sind in diesem Zusammenhang die Augen. Irgendwann würde es einem die Augen rausdrücken, was tödlich ist. Ich konnte die Rotation damals intuitiv nach etwa 50 Sekunden stoppen. Wie ich das gemacht habe, kann man nicht genau beschreiben. Ich weiss auch nicht, ob ich es wieder schaffen würde. Genau darum würde ich auch nicht mehr springen.

«Ohne Druckanzug würde das Blut zu kochen beginnen.»

Haben Sie beim Flug alles mitbekommen oder ist man in dieser Höhe bei diesen Geschwindigkeiten in einer Art Trance? Wie war es zum Beispiel, als sie als erster Mensch die Schallmauer durchbrochen haben?
Man ist bei vollem Bewusstsein und hochkonzentriert. Man ist nicht in Trance. Die Umgebung da oben ist tödlich. Wegen des Vakuums ist ein Druckanzug nötig. Ohne diesen würde das Blut zu kochen beginnen. Leider merkt man es nicht, wenn man die Schallmauer durchbricht. Die Druckwelle oder der Supersonic-Boom, den man dabei kreiert, findet ja hinter einem statt. Das ist ähnlich wie bei einem Düsenjet, der Pilot merkt das Durchbrechen der Schallmauer auch nicht, weil es hinter dem Jet passiert. Das war dann auch der spannendste Moment nach der Landung. Ich war natürlich happy, dass es geklappt hat und ich am Leben war. Aber ich wusste nicht, ob ich die Schallmauer durchbrochen hatte. Jemand von der Luftfahrtbehörde hat dann die Aufzeichnungsgeräte ausgewertet und schliesslich hatten wir die Gewissheit. Das war ein erlösender Moment und für mich sehr wichtig. Ich war der erste Mensch, der die Schallmauer so durchbrochen hatte.

«Bei meinen ­Vorträgen verdiene ich zwischen 80 000 und 120 000 Euro.»

Sie sagten dieser Sprung habe ihnen viele Türen geöffnet. Hat dieses Abenteuer auch gereicht, damit sie finanziell ausgesorgt haben?
Das hatte ich schon vor dem Sprung. Ich bin nicht nur Extremsportler, ich bin auch Geschäftsmann. Bei mir stimmt das Gesamtpaket, ich habe immer gewusst, wie man mit so etwas auch Geld verdient. Schon vor diesem Sprung bin ich von den höchsten Gebäuden der Welt gesprungen oder zum Beispiel vom Cristo Redentor in Rio de Janeiro. Ich hatte immer gute Unterstützer und die Sprünge waren gut vermarktet. Wenn ich heute Vorträge mache, bewegen sich die Honorare zwischen 80 000 und 120 000 Euro. Der Vorteil ist hier, dass ich ein Alleinstellungsmerkmal habe. Niemand anders kann darüber referieren. Und der andere Vorteil ist, dass die ganze Welt diesen Sprung gesehen hat. Mit den Vorträgen verdiene ich jetzt mein Geld zusätzlich. Beim Weltall-Sprung habe ich auch sehr gut verdient.

Dann wird’s also nie einen Felix Baumgartner im Dschungelcamp geben?
Anfragen dazu hatte ich tatsächlich, auch von Big Brother (lacht). Sowas mache ich nicht. Ok, die, die dort mitmachen, müssen das machen. Das sind B-, C-Promis, die irgendwann mal etwas gemacht haben, was aber schnell wieder weg war. Ich wurde konservativ erzogen. Mein Vater sagte immer, dass man keine Schulden macht. Wenn man ein Auto kaufen will, spart man und kauft das Auto, wenn man das Geld hat. Ich habe in meinem Leben noch nie eine Bank gebraucht und bin in solchen Fragen unabhängig. Die UBS ruft mich jeden Monat an und meint: «Herr Baumgartner, was machen wir mit ihrem Geld, das liegt nur herum.» Aktieninvestitionen interessieren mich aber nicht, das ist für mich Stress. Ich war auch nie gierig und muss das Geld nicht verdoppelt oder verdreifchen. Wenn ich am Morgen einen Espresso trinke und auf den See hinausschaue und dann eine rote Zahl bei den Aktien sähe, würde der Tag bereits schlecht beginnen.

Sie sprechen vom Bodensee. Seit 2012 wohnen sie in Arbon in der Schweiz, ­warum?
In Österreich konnte ich meine Zukunft nicht mehr planen. Es gibt dort einen Sportlererlass bei den Steuern. Ab 1998 war ich da drin. Zehn Jahre später meinte ein Finanzbeamter, dass mein Sport nicht im Sinne dieses Sportlererlasses sei. Innerhalb einer Woche wurde ich rückwirkend für die letzten zehn Jahre aus diesem Erlass rausgeworfen, mein Haus wurde beschlagnahmt, meine Konten gesperrt und Red Bull erhielt ein Schreiben, dass keine Gelder mehr ausbezahlt werden dürfen. Zum Glück hatte ich das Geld und konnte die Steuern begleichen. Ich bin also kein Steuerflüchtling, wie immer wieder geschrieben wird. Mir war aber auch klar, dass ich in so einem Land meine Zukunft nicht mehr planen kann und will. Da kommt ein Beamte und meint «Herr Baumgartner sie sind kein Sportler». In der Schweiz ist dies anders. Hier herrscht Rechtssicherheit.

«Der Schweizer braucht kein ‹Föteli›.»

Wie lebt es sich in Arbon. Wenn sie rausgehen, kennen Sie die Leute?
Ich wollte, als ich Österreich verlassen habe, an den See ziehen. In Arbon habe ich eine schöne Wohnung gefunden und die Nähe zu Österreich und zu Zürich war da. Nach ein paar Tagen bin ich dann auch raus und habe geschaut, wo ich denn hier jetzt neu wohne. Arbon ist sehr schön, man kann sehr gut Sport betreiben. Zudem ist es klein und verschlafen. Wenn ich nach Hause komme, dann habe ich meine Ruhe. Den Entscheid für die Schweiz bereue ich auch nicht. Die Schweiz ist politisch stabil, die Leute sind cool und politisch intelligenter als andere. Würde man in Österreich die direkte Demokratie einführen, bräuchten die Leute ein paar Jahre, bis sie mündig wären, um richtige Entscheidungen zu treffen. Für mich ist klar, ich bleibe in der Schweiz.

Zur zweiten Frage: Ja, die Leute erkennen mich. Aber der Schweizer ist anders, zurück­haltend. Oft kommt es zu einem interessanten Gespräch. Im Vergleich zu allen anderen braucht der Schweizer aber am Schluss kein «Föteli». Das find ich sehr interessant, diese andere Mentalität zum Rest der Welt.

Gehen wir zurück zu ihrem Alltag. Sie fliegen mit dem Helikopter nicht nur an Air­shows, auch ganz konventionell?
Ich habe das grosse Privileg, dass ich das machen kann, was ich gerne mache. Zum einen sind es die Vorträge, zum anderen ist es das Helikopterfliegen. Ich habe verschiedene Firmen, für die ich fliege, aber alles unentgeltlich. Ich fliege zum Spass und solange es Spass macht, fliege ich für diese Leute. Ich habe in Liechtenstein und der Schweiz Freunde, für die ich gerne fliege. Letzte Woche war ich am Gardasee und in der Toscana.

Wen fliegen Sie denn da? Sind es Promis?
Mit Michael Hilti flieg ich zum Beispiel hin und wieder. Darum bin ich auch beim Forum «Wirtschaftswunder» dabei. Ich kenne ihn gut und er hat mich angefragt. Das mache ich natürlich unentgeltlich. Für Freunde oder Charity kosten die Vorträge natürlich nichts.

Kennen Sie weitere Liechtensteiner, zum Beispiel aus der Sportwelt?
Ich habe ein paar Freunde in Liechtenstein und kenne ein paar Lokalitäten. Vom Sport her natürlich Marco Büchel. Ihn kenne ihn schon über 20 Jahre, er war früher auch Base- und Fallschirmspringer. Tina Weirather natürlich auch, weil Harti Weirather ein guter Freund von mir ist. Hanny Weirather-Wenzel kenne ich auch und mit Marc Girardelli bin ich schon ein paar Mal Helikopter geflogen.

Sie haben das Wirtschafswunder angesprochen. Dieses steht unter dem Titel «Facing Risk – Risiko, Freund oder Feind?». Bei Ihnen ist das Risiko klar der Freund oder?
Absolut. Überall im Leben gibt’s Risiken. Die Fahrt zur Arbeit kann riskant sein, der Beruf kann riskant sein, wenn jemand eine Firma gründet, geht er ein Risiko ein. Es ist wichtig, das Risiko einzuschätzen. Ich bezeichne mich selber auch als Risikomanager. Wenn ich einen Sprung plane, ist dieser einmal mehr und einmal weniger riskant. Ich kann das Risiko einschätzen, es ist dann kontrollierbar. Erst dann wird’s interessant. Unbekannte Risiken würde ich nicht eingehen.  

«Ich würde gerne zum Mond fliegen.»

In diesem Jahr sind Sie 50 Jahre alt geworden. Gibt es noch irgend etwas Riskantes, was Felix Baumgartner kitzelt?
Eigentlich nicht. Den Grossteil meiner Träume habe ich verwirklicht. Einen grossen Traum habe ich doch noch, aber der wird wohl unerfüllt bleiben. Ich würde gerne zum Mond fliegen. Das ist ein Kindheitstraum. Ich habe fast jeden Astronauten, der auf dem Mond war, getroffen. Wenn ich im Freien sitze und mir den Mond am Himmel anschaue, denke ich oft, da gibt’s nur zwölf Menschen, die dort oben waren und in den nächsten zehn Jahren werden die wohl alle tot sein. Die Astronauten sind jetzt alle um die 90 Jahre alt.

Zum Schluss: Sie hätten drei Wünsche offen. Was würden Sie sich wünschen?
Ganz klar, ewig gesund bleiben. Das ist das Wichtigste. Alles andere ist sekundär. Das wünsche ich mir für meine Freunde und mich. Und … zum Mond zu fliegen, das ist ein schöner Gedanke.

Interview: kop

 

30. Sep 2019 / 11:41
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