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«Ich will viele X-Games-Medaillen»

Andri Ragettli ist einer der besten Freestyle-Skifahrer der Welt. Der 20-Jährige aus Flims ist seit fünf Jahren im Weltcup mit dabei und konnte trotz seines jungen Alters bereits zweimal den Slopestyle-Gesamtweltcup gewinnen. Ausserdem ist er der Erste, welcher den Quad Cork 1800 (Vierfachsalto mit fünf Umdrehungen) stehen konnte. Im Interview spricht er über die Schule, Social Media und seine Ziele für die Zukunft.

Vor Kurzem haben Sie die Rekrutierung absolviert. Sehen wir Sie bald im Tarnanzug? 
Ja, aber ich habe Glück und kann die Sportler-RS absolvieren. Im Frühling nach der Saison geht es los.

Bei der Rekrutierung muss man einen Sporttest absolvieren. Wie lief dieser bei Ihnen?
Ich hatte 111 Punkte (Maximum: 125 Punkte). Vor dem Test hat man mir gesagt, dass der Hallenrekord bei 118 Punkten liegt und da haben bei mir sofort die roten Laternen geleuchtet. Ich wusste, dass ich diesen Rekord brechen kann und zu Beginn war es auch kein Problem. Beim Einbeinstand versaute ich das linke Bein und da wusste ich, dass es nichts mit dem Rekord wird. Das hat mich extrem genervt, auch wenn es «nur» der Sporttest im Militär war und bei mir für die Sportler-RS nur die Leistungen auf den Ski zählen. 

Das zeigt Ihren Ehrgeiz, mit dem Sie es ja auch im Sport weit gebracht haben. Bereits mit 15 Jahren waren Sie zum ersten Mal im Weltcup am Start. Wie war es, als «Kind» plötzlich im Spitzensport zu sein?
Es war total anders. Ich kam von der Rookie-Kategorie, wo ich alles gewonnen hatte. Und dann ist man auf einmal im Weltcup mit den weltbesten Freestyle-Skifahrern der Welt. Alles war neu und ich weiss noch genau, wie nervös ich war. Im Nachhinein muss ich aber auch sagen, dass es ein riesiges Privileg für mich war, denn ich war wirklich noch ein Kind und durfte nur wenige Tage nach meinem 15. Geburtstag bei der Elite starten.

Danach ging es wieder zurück in die Schule. War das schwer für Sie, dass Sie dann wieder einfach Kind sein mussten? 
Das war ja während den ganzen fünf Jahren, in denen ich am Sportgymnasium in Engelberg war, so. Ich war am Trainieren und an Wettkämpfen und tags drauf wieder zurück in der Schule, wo du von den Lehrern unter Druck gesetzt wirst, weil du noch Prüfungen nachholen musst und so ... Aber ganz ehrlich: Ich habe das immer cool gefunden. Ich habe den Stress neben dem Sport einfach gebraucht, weil nur Sport wäre für mich langweilig gewesen.

Also war die Schule ein guter Ausgleich für Sie?
Genau. Ich habe zum Beispiel nie gedacht: «Oh Mann, jetzt muss ich wieder zurück in die Schule ...» Im Gegenteil, ich war immer froh, dass ich wegen des ganzen Schulstresses nicht so viel über die Wettkämpfe nachdenken konnte. Gerade wenn es nicht so gut lief, war ich froh, dass ich keine Zeit hatte, mir Sorgen zu machen.

Im Sommer haben Sie die Matura erfolgreich abgeschlossen. Wie war Andri Ragettli in der Schule? 
Wenn man meine Klassenkameraden fragen würde, dann würden sie sagen, ich war ein Streber (lacht). Nein, so war es natürlich nicht, aber ich war wie im Sport sehr ehrgeizig und wollte einfach gut in der Schule sein. Sonst war ich ab und zu sicher auch der Klassenclown, zwar nicht immer, aber ich bin auf jeden Fall nicht der, der nie etwas gesagt hat.

Zurück zum Sport. Seit fünf Jahren sind Sie im Weltcup dabei. Was war Ihr persönliches Highlight in diesen fünf Jahren?
Das war definitiv mein erster Weltcupsieg in Silvaplana. An diesem Tag hat einfach alles perfekt zusammengepasst und dann habe ich auch noch den Gesamtweltcup im Slopestyle mit drei Punkten Vorsprung gewonnen.

Und was war der Tiefpunkt? 
Ich denke, sicher sehr hart für mich waren die Olympischen Spiele in Sotschi 2014. Diese habe ich haarscharf verpasst und damals hat mich das extrem genervt. Ich musste die Wettkämpfe von zu Hause aus mitverfolgen und wusste nicht, wie ich mit dieser Situation umzugehen hatte. 

Auch die letzten Olympischen Spiele liefen für Sie nicht so wie erhofft, oder?
Klar war auch Pyeongchang schwer, aber ich konnte das sehr gut verdauen. Natürlich ist es sehr ärgerlich, weil ich davor immer auf dem Podest stand, aber dort hat es einfach nicht geklappt. Ich sehe es dennoch positiv, weil ich trotzdem viel aus dieser Niederlage gelernt habe. Und es ist sicher auch ein Ansporn für die nächsten Olympischen Spiele in Peking.

Was sind Ihre Ziele für die Zukunft?
Es gibt extrem viele Ziele. Sicher sind die Olympischen Spiele immer noch ein grosses Ziel. Ich will eine Olympiamedaille gewinnen. Doch auch die X-Games sind sehr wichtig. Letztes Jahr habe ich bereits die Bronzemedaille gewinnen können, doch X-Games-Medaillen sind wie Grand-Slam-Siege im Tennis. Davon will man möglichst viele, denn so wird man zu einer Art Legende des Sports.

Was macht Andri Ragettli in zehn Jahren?
Zehn Jahre ist etwas weit weg, dann bin ich sicher am Ende meiner Karriere. Aber ich hoffe, dass ich mit 30 noch aktiv bin, denn viele in unserem Sport hören sehr früh auf. Das möchte ich nicht, denn ich will beweisen, dass man auch mit 30 noch mit den Jungen mithalten kann. Dies zeigt auch Roger Federer im Tennis oder Shaun White, der mit 31 Jahren noch Olympiasieger in der Halfpipe wurde. Es ist also möglich und das will ich auch erreichen. 

Und was ist nach dem Karriereende geplant? Sie haben die Matura – gehen Sie ­studieren? 
Ich denke nicht, dass ich dann studieren gehe. Ich habe die Matura gemacht, da ich nicht mit 15 einfach hätte die Schule abbrechen können. Die Schule war auch mein Plan B, falls es mit dem Sport wegen eines Unfalls oder so plötzlich enden sollte. Ein Studium kommt für mich aber momentan nicht infrage. Ich weiss, das ist doof und viele fragen mich, wieso ich dann überhaupt die Matura gemacht habe. Ich wollte einfach einen Plan B haben und so kann auch niemand sagen, der hat die Schule geschmissen oder der dreht nur Videos und macht Sport, aber hat nichts auf dem Kasten. Was nach meiner Karriere ist, dass weiss ich noch nicht. Ich denke, dass ich auch dann weiterhin auf Social Media aktiv sein werde.

Sie sprechen Social Media an. Sie drehen fast wöchentlich Videos – viele davon sind «verrückt». Wie kommen Sie auf diese Ideen? 
Das ist unterschiedlich. Zum Beispiel das Limmat-Video: Ich habe bei anderen geschaut, was sie so für Sommervideos machen, weil ich während des Sommers nicht so aktiv auf Social Media bin und wieder mal etwas Neues posten wollte. Als ich dann in Zürich bei meinem Bruder war, sprangen die Leute in die Limmat – und so entstand die Idee. Dann haben wir das an einem Abend gefilmt. Und es war wirklich so wie im Video, wir hatten extrem viel Spass. 

Sind die Ideen immer so spontan oder plant man solche Videos über längere Zeit im Voraus?
Manchmal kommen die Ideen einfach so, manchmal plant man auch. Aber ein gutes Video kann man eigentlich nicht planen, denn man weiss nie, wie es bei den Leuten ankommt. Zum Beispiel das Parcours-Video, bei dem hätte ich nie gedacht, dass das so durch die Decke geht. Damals wollte ich ­einfach mal ein Trainingsvideo machen und auch beim Limmat-Video hätte ich nie gedacht, dass es so abgeht. 

Sind diese waghalsigen Stunts in den Videos nicht gefährlich? Haben Sie sich dabei auch schon verletzt?
Klar denken viele Leute, dass wir «Psychopathen» sind und diese Videos gefährlich sind, es sieht ja auch gefährlich aus. Aber ich mache das schon seit über zehn Jahren, bin oft auf dem Trampolin und mache diese Sprünge ja auch auf den Ski. Bevor ich so was mache, überlege ich mir immer ganz genau, ob es gefährlich ist oder nicht. Die Sprünge in die Limmat sind für mich easy und mir kann dabei nichts passieren. Wenn ich mir einen Sprung oder Stunt nicht zutraue, dann lasse ich es auch. Ich will mich ja bei solchen Dingen nicht verletzen.

In den letzten Jahren wurden Sie zu einem Star auf Instagram und Youtube. Bekommen Sie viele Nachrichten von Fans?
Ich bekomme sehr viele Nachrichten, vor allem nach so einem Post wie dem Limmat-Video. Die Leute schreiben mir, dass meine Videos sie inspirieren und ich weitermachen soll ... Das zeigt mir, dass ich auf dem richtigen Weg bin und das freut mich. Natürlich gibt’s auch immer wieder negative Kommentare, aber das ist normal. «Hate» gibt es immer dann, wenn jemand etwas erreicht. Früher war es schwierig für mich, diese Kommentare richtig einzuordnen, doch mittlerweile stehe ich darüber und es ist mir egal.

Schauen Sie sich alle Nachrichten selber an und beantworten Sie diese auch selber?
Ich versuche, immer alle anzuschauen und auch zurückzuschreiben, doch es wird immer schwieriger und ich kann ja auch nicht die ganze Zeit am Handy sein.

Welche Nachricht hat Sie bisher am meis­ten überrascht? 
Das ist ganz einfach. Nach dem ersten Parcours-Video letztes Jahr hat mir Novak Djokovic via Instagram geschrieben. Er meinte, es sei unglaublich, was ich alles auf den Ski mache und gratulierte mir zu meinem Video. Im ers­ten Moment war es so: «Wow, das ist ein Superstar und er hat sich bei mir gemeldet», das war einfach unglaublich. Doch auch eine Riesengenugtuung, denn ich werde immer mehr wahrgenommen.

Und was machen Sie, wenn Sie gerade nicht auf den Ski stehen oder Videos für Social Media drehen?
Ich mache sehr viel Sport. Ich spiele Tennis, gehe biken und in den Ferien stehe ich auch mal auf dem Surfbrett. Eigentlich bin ich immer mit meinem Bruder un­terwegs und dabei geht es immer darum, wer gewinnt oder wer besser ist. Nun habe ich auch mehr Freizeit. Früher, als ich noch in der Schule war, musste ich oft lernen und so.

Sind Sie in einer Beziehung? 
Nein, aber das ist auch schwierig, da ich nur selten hier bin. Das sind eben so Sachen, die nicht so einfach sind, wenn man Spitzensportler ist. Dazu gehört zum Beispiel auch Ausgang und solche Dinge ... Mir fällt das «Verzichten» nicht so schwer, aber es gibt auch Sportler bei uns, die damit grosse Probleme haben. Mir persönlich ist wichtiger, dass ich meine Ziele erreiche.

Ihr Sport verbindet man auch oft mit viel Spass. Gegen aussen seid ihr coole Jungs, die waghalsige Tricks machen und sonst das Leben geniessen. Ist dieses Image gerechtfertigt?
Wenn ich das höre, dann rege ich mich immer sehr auf. So ist unser Sport natürlich entstanden und früher war das auch noch so, zumindest habe ich es so gehört. Aber seitdem unser Sport olympisch ist, hat sich vieles geändert. Heute sind wir genauso Profisportler wie die alpinen Skifahrer. Klar sind wir nicht so viel im Kraft­raum, sondern auch mal auf dem Trampolin und das sieht dann sofort nach Spass aus, obwohl es für uns Training ist. Wir haben sicher sehr viel Spass, wahrscheinlich noch etwas mehr als andere Sportler, und das ist auch wichtig. Aber wir trainieren auch sehr viel und darum höre ich das nicht gerne. (rb)

12. Nov 2018 / 11:08
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