• 77 Bombay Street
    Interview mit 77 Bombay Street am Caumasee in Flims  (Daniel Schwendener)

Sie haben sich ihr Märchen erkämpft

Vier Brüder, eine Erfolgsgeschichte: Matt, Joe, Esra und Simri-Ramon Buchli alias «77 Bombay Street» haben das geschafft, wovon viele Musiker träumen. Ohrwürmer wie «47 Millionaires» oder «Up in the Sky» werden im Radio rauf und runter gespielt. Ihre Konzerte sind ausgebucht. Jetzt ist endlich ihr neues Album «Seven Mountains» erschienen. «lifestyle» hat die zwei in Chur wohnhaften Brüder Esra und Simri-Ramon am wunderschönen Cauma-See zum Interview getroffen und zwei coole Typen ohne jegliche Starallüren kennenlernen dürfen.

Das dritte Album von 77 Bombay Street steht in den Startlöchern. Was wollt ihr mit eurem Titelsong «Seven Mountains» aussagen?
Simri-Ramon: Die Botschaft dieses Songs soll lauten, dass es im Leben immer Tal- und Bergfahrten zu bewältigen gibt – und das ist gut so. Wir wollen Mut machen, weiterzugehen, bis man es auf die nächste Bergspitze geschafft hat. Auch wenn es manchmal schwerfällt. Und wenn man oben angelangt ist, soll man hinunterblicken und den Erfolg geniessen. Wir als Band haben seit unserem letzten Release vor drei Jahren Höhen und Tiefen erlebt. Eine Weile lief es nicht so gut, aber wir haben wieder zusammengefunden und jetzt stehen wir auf einem neuen Gipfel. Ich glaube, dieser Song erzählt gut unsere eigene Geschichte.

Was unterscheidet das neue Album von euren zwei bisherigen?
Esra: Das Besondere ist sicher der Weg, den wir bis zum dritten Album zurückgelegt haben. Wir wohnten ein Jahr in Berlin und haben uns dort nur auf das Songwriting konzentriert und uns mit verschiedenen Produzenten ausgetauscht. Es gab keine Konzerte und keine Festivals. Dieser Prozess war sicher der grösste Unterschied zu unseren zwei vorherigen Alben. Dass wir das Album dann in zwei Monaten in Sidney aufgenommen haben, war ebenfalls einzigartig. Wir gingen gut vorbereitet ins Studio und jeder wusste genau, was er zu spielen hatte.
Simri-Ramon: Die Zeit in Berlin war eine spezielle Erfahrung. Früher war das Schreiben von Songs für mich immer mühsam und anstrengend. Aber in Berlin habe ich die Gitarre genommen, alles um mich herum vergessen und einfach für mich Musik gemacht. Da fing mir das Songwriting an, richtig Spass zu machen.

Ist es Zufall, dass ihr einen australischen Produzenten gewählt habt – oder hat es damit zu tun, dass ihr in jungen Jahren zwei Jahre in Australien gelebt habt?
Esra: Sagen wir mal so: Unser Produzent ist echt super. Aber als er uns mitteilte, dass wir das Album in Sidney aufnehmen würden, fiel uns die Entscheidung natürlich noch leichter. Wir waren alle begeis-
tert, nach Australien zurückkehren zu dürfen. Irgendwie ist ja ein Teil unserer Wurzeln dort.

Jeder von euch Brüdern schreibt Songs. Beinhaltet das nicht ein grosses Konfliktpotenzial?
Esra: Durchaus. Wir sind vier Songwriter und jeder ist natürlich völlig von seinen eigenen Songs überzeugt. Man muss lernen, das Ego zurückzustecken, nur den Song in den Vordergrund zu stellen und auch mal zuzugeben, wenn ein anderer eine bessere Song-Idee hat. Speziell im dritten Album sind wir diesbezüglich stark gewachsen.

Woher nehmt ihr die Inspiration für eure Songs?
Esra: Jeder von uns schöpft aus anderen Quellen. Seit ich von Australien zurück bin, habe ich den Reiz der Berge entdeckt. Man läuft rauf, ringt mit sich, weil man eigentlich körperlich schon am Ende ist, beisst sich aber durch und schafft es dann irgendwann bis ganz oben. Ein tolles Gefühl. Die Schönheit der Natur und die Unberührtheit der Bergwelt sind aktuell meine Inspirationsquellen. Darum geniesse ich es auch sehr, das Interview hier am Caumasee führen zu können – und nicht in einem stickigen Restaurant. Die Sonne scheint, die Fische schwimmen herum, einfach perfekt.

Ihr seid im Frühling zwei Monate in Sidney gewesen, um die Songs aufzunehmen. Wie viel Zeit habt ihr tatsächlich im Studio verbracht und wie viel das «Dolce Vita» genossen?
Simri-Ramon: Im ersten Monat konnte jeder zwischen zwei Optionen wählen. Entweder er wohnte in Strandnähe und musste täglich rund 40 Minuten Fahrt zum Studio auf sich nehmen. Oder er wohnte direkt beim Studio, in einem schönen italienischen Viertel. Ich wählte das Meer. Um 7 Uhr ging es raus aufs Surfbrett. Dann Duschen und mit dem Motorrad ins Studio, wo wir bis am Abend durcharbeiteten. So konnte ich Meer und Arbeit optimal kombinieren.
Esra: Ich wohnte in der Stadt. Morgens gab es auch bei mir eine Runde Sport – zu der Zeit ist die Stimmung am schönsten. Danach war ich voll parat und hatte einen klaren Kopf für die Arbeit. An den Wochenenden hatten wir frei und gingen oft an den Bondi-Beach baden.

Und im zweiten Monat habt ihr alle zusammen gewohnt?
Simri-Ramon: Genau. Wir mieteten gemeinsam ein Haus. So oft hielten wir uns allerdings nicht auf. Ein Wochenende fuhren wir nach Adelaide, in die 77 Bombay Street, woher auch unser Bandname stammt. Und dann stand noch eine Woche Videodreh in der Wüste an, während der wir im Camper schliefen.

Wie fühlte es sich an, in die 77 Bombay Street zurückzukehren, wo ihr von 2001 bis 2003 mit euren Eltern und Geschwistern gelebt habt?
Esra: Das war sehr speziell. Im Auto hatte ich die Adresse im Navi eingegeben, einfach, um den Satz zu hören: «Turn left into 77 Bombay Street».
Simri-Ramon: Heute wohnt ein Chinese in unserem ehemaligen Haus.  Ich habe geläutet – und als sich nichts rührte, habe ich an die Scheibe geklopft. Ich wusste, dass er drin ist. Dann hat er geöffnet. Der Typ konnte kein Wort Englisch. Ich habe Google-Translate auf mein Handy heruntergeladen und so mit ihm kommuniziert. Das war megalustig. Am Anfang begriff er gar nicht, was wir wollten. Am Ende durften wir aber das Haus besichtigen und ein paar Fotos mit ihm machen.

Kommen bei euch in Australien Heimatgefühle auf? Oder seht ihr euch mehr in der Schweiz verwurzelt?
Esra: Die Schweiz ist meine Heimat. Aber Australien ist mir nicht fremd. Alles fühlt sich vertraut an. Ich weiss noch, dass es sich wie ein Heimkommen anfühlte, als wir Sidney anflogen.
Simri-Ramon: Dort zu leben, könnte ich mir nicht vorstellen. Aber ich würde gerne einmal ein paar Monate die Ostküste entlang reisen. Grundsätzlich sehe ich mich als Europäer. Ich liebe es, mal für ein Weekend nach Berlin, London, Hamburg, Portugal oder Barcelona zu fliegen. Alles ist hier so nah.

Wie muss man sich eure Kindheit vorstellen – ihr seid in Basel geboren und als Teil einer neunköpfigen Familie aufgewachsen. Heute fast nicht mehr vorstellbar?
Esra: Wir sind sieben Geschwister und die Älteren hatten immer die Verantwortung für die Jüngeren. Unsere Schwester, die Älteste, war der Chef, wenn unsere Eltern mal weg waren. Erst jetzt, wo unser Bruder selbst Kinder hat, verstehen wir, was das eigentlich bedeutet. Heute habe ich Respekt davor, was unsere Eltern geleistet haben. Und ich bewundere ihren Mut, so viele Kinder zu haben – und auch noch mit ihnen nach Australien zu ziehen.

Was war damals der Auslöser, nach Australien zu gehen?
Esra: Es war schon immer der Wunsch meines Vaters, einmal in Australien zu wohnen. Und unsere Mutter wollte – bevor die ältesten Kinder ausziehen – gerne noch ein Sabbatjahr mit der ganzen Familie einlegen. So fiel der Entscheid, für ein Jahr nach Adelaide zu gehen. Schliesslich blieben wir zwei Jahre drüben, machten Strassenmusik und traten an Countryfestivals auf. Wir waren ja schon in Basel eine Familienband.

Die Musik liegt euch also im Blut. Wie kam es, dass gerade ihr vier Brüder 77 Bombay Street gegründet habt?
Simri-Ramon: Nach Australien hat sich die Familienband aufgelöst, da uns diese Art der Musik nicht mehr zusagte. Ein paar Jahre später, Anfang 2008, kam Esra auf uns zu und sagte, dass er wieder Lust hätte, Musik zu machen – und wer von uns dabei wäre. Zuerst waren wir zu fünft, dann sprang ein Bruder ab. So
blieben wir vier übrig.

Und wie lange liess der Erfolg auf sich warten?
Esra: Am Anfang wohnten wir noch an unterschiedlichen Orten. Dann entschieden wir uns, zu viert in das Chalet unserer Grossmutter in Scharans zu ziehen und ein Jahr voll auf die Karte Musik zu setzen. In diesem Business muss man etwas riskieren. Wir managten uns selbst, spielten an Band-Wettbewerben, schrieben Labels an und organisierten Tours. Schliesslich hatten wir das Glück, einen grossen Band-Wettbewerb zu gewinnen, der uns wieder ein wenig Geld einbrachte, um Brot und Milch zu kaufen.
Simri-Ramon: Diesen Wettbewerb mussten wir gewinnen. Wir waren pleite. Unser ganzes Erspartes ging bei einer sechswöchigen Studioproduktion in Amerika drauf. Die letzte Woche wohnten wir dort megabillig in einem Motel. Unser Deal eines Fast-Food-Lieferanten: zwei Pizzas zum Preis von einer. (lacht)
Esra: So kam das Ganze ins Rollen. Schliesslich lernten wir einen Produzenten kennen, mit dem wir «47 Millionaires» aufnahmen. Die Radiosender sind aufgesprungen und es begannen die Diskussionen mit Labels. Es folgte das Album «Up in the Sky», das voll einschlug. Damit hatte niemand gerechnet. Es fühlte sich ein bisschen an wie ein Märchen. Aber man darf auch nie vergessen, dass wir drei Jahre dafür gekämpft haben. Die Menschen draussen sehen gerne nur den Erfolg – der Weg dahin interessiert niemanden.

Wie läuft es eigentlich mit den Frauen, wenn man so bekannt ist. Ich nehme an, da hat man ein leichtes Spiel?
Simri-Ramon: Ich bin mit meiner Freundin schon seit fast fünf Jahren zusammen – also schon, bevor unsere Band bekannt wurde. Das mag sich jetzt blöd anhören, aber wenn ich zurückdenke, lief es bei mir mit den Frauen schon immer gut. Aber vielleicht ist es als Mann sogar spannender, wenn er nicht so ein leichtes Spiel bei den Frauen hat. Aber da weiss Esra sicher mehr, er ist Single.
Esra: Natürlich gibt es Frauen, die herkommen und hypern. Ab einem gewissen Alkoholpegel können sie auch etwas nervig werden. Das sind aber einfach Fans – die brauchen wir ja. In der Schweiz ist es aber mit den Groupies nicht so schlimm. Im Ausland empfinde ich es extremer. Wahrscheinlich ist das auch der Grund, weshalb so viele Promis in der Schweiz
leben wollen.
Simri-Ramon: Meinst du nicht, dass das Hauptargument eher die Steuern sind?
Esra: Möglich. Groupies und Steuern. (lacht)

Ihr habt für euer junges Alter schonunglaublich viel erreicht. Welche Träume wollt ihr in eurem Leben noch verwirklichen?
Esra: In den letzten Wochen ist mir der Gedanke gekommen, irgendwann einmal einen Marathon zu laufen. Dann will ich noch viele Berggipfel in der Schweiz erklimmen. Und cool wäre es auch, die Pilotenprüfung abzuschliessen, die ich in Australien begonnen habe.
Simri-Ramon: Privat will ich unbedingt noch Reisen. Neben der Ostküste von Australien reizt mich Asien sehr. Aus musikalischer Sicht bin ich sehr motiviert, auch mal Lieder auf Schweizerdeutsch zu schreiben. Ich habe damit angefangen und es macht mir Mega-Spass. Interessanterweise fällt es mir auf Schweizerdeutsch leichter als auf Englisch, persönliche Emotionen in meine Songs reinzubringen.

Eure Tour beginnt im November. Mit welchen Emotionen blickt ihr auf die Live-Auftritte?
Esra: Der jetzige Release unseres Albums ist ein erster Schritt. Auf der Bühne selbst ist es dann spannend zu sehen, wie die Leute darauf reagieren und bei welchen Songs sie mitsingen. Wir haben schliesslich stundenlang im Studio daran gearbeitet – das sind immer sehr emotionale Momente.

Ein letztes Wort an die Liechtensteiner Leser.
Esra: Ich erinnere mich, dass wir jedes Mal, wenn wir in Liechtenstein auftraten, extrem warm empfangen wurden und eine super Party hatten. Ihr Liechtensteiner seid wie ein Vulkan, der brodelt – und wenn er ausbricht, herrscht eine Bombenstimmung.
Simri-Ramon: Ich denke, es wird Zeit, dass wir bald wieder  nach Liechtenstein kommen. (ne)

 

22. Sep 2015 / 06:00
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