• Beat Feuz  (swiss-ski/Dani Fiori)

«Ich bin der Renntyp – ein Trainingsweltmeister war ich nie»

Der neue Weltcup-Winter hat begonnen und erneut befindet sich Beat Feuz in der Warteposition. Das Glück ist dem Emmentaler Skifahrer-Talent mit dem einzigartigen Gespür für den Schnee und die perfekte Linie einfach nie lange hold. Nach seinen unzähligen Verletzungen in den vergangenen Jahren hat es ihn erneut getroffen. Im September zog sich Beat Feuz beim Training in Chile einen Teilabriss der Achillessehne zu. Die Folge: Mehrere Monate Zwangspause. «lifestyle» hat den Unglücksraben zum Interview gebeten und einen überraschend gut gelaunten und motivierten Beat Feuz angetroffen. Aufgeben? Keine Option!
Vaduz. 

Herr Feuz, seit 2007 haben Sie immer wieder mit Verletzungen zu kämpfen. Bereits in jungen Jahren mussten Sie wegen Knieproblemen zwei Saisons aussetzen. 2012 sah es dann wegen eines Infekts am Knie sogar so aus, als ob Sie nie mehr in die Rennarena zurückkehren würden. Und dieses Jahr die Hiobsbotschaft: Monatelange Zwangspause wegen einer angerissenen Achillessehne. Nimmt man die Auszeiten irgendwann gelassener oder nervt man sich jedes Mal mehr?
Beat Feuz: Ich würde nicht sagen, dass es mich jedes Mal mehr nervt, aber es nervt auf jeden Fall. Gelassener bin ich sicherlich in Bezug auf den ganzen Rückkehrprozess nach einer Verletzung geworden, inklusive Physiotherapie und Aufbautraining. Mit der Zeit habe ich da etwas Routine entwi-ckelt – leider, denn das ist ja nicht gerade als positiv zu bewerten.

Haben Sie schon einmal daran gedacht, mit dem Rennsport aufzuhören? Oder lässt Ihr Kämpferherz solche Gedanken gar nicht aufkommen?
Der Gedanke stand sicher schon mal im Raum. Allerdings nicht nach einem Unfall, sondern mehr im Zusammenhang mit der Infektionsgeschichte vor drei Jahren. Damals legten mir die Ärzte nahe, dass ich mir nicht zu viele Hoffnungen machen solle, jemals wieder auf die Piste zurückkehren zu können. Da kam dieser Gedanke auf ... obwohl, eigentlich mehr vonseiten der Ärzte. Ich hatte immer den Willen und das Bedürfnis, wieder Rennen zu fahren. Dafür habe ich gekämpft.

Im Schweizer Fernsehen haben Sie angekündigt, dass Sie Ihr nächstes Comeback im Januar 2016 beim Lauberhornrennen in Wengen feiern wollen. Was sagen die Ärzte dazu?
Das ist immer noch der Plan. Die Ärzte sind – rein theoretisch – auch zuversichtlich, dass es klappen und ich rechtzeitig fit sein könnte. Es gibt allerdings Unsicherheitsfaktoren, die zurzeit schwer einzuschätzen sind. Man weiss nicht, wie die Achillessehne reagiert, wenn ich wieder Ski fahre und sie voll belaste. Na ja, das wird sich zeigen.

Wie sieht so ein Aufbautraining aus? Einerseits sollten Sie Ihr rechtes Bein schonen, andererseits müssen Sie verhindern, dass Ihre Muskeln abbauen. Lassen sich diese beiden Ziele überhaupt vereinen?
Ich bin selbst ziemlich erstaunt, wie viel man trotz gerissener Achillessehne machen darf. Richtig pausiert habe ich nach der Verletzung nur zwei Wochen. Dann fing ich schon wieder mit dem Training an. Natürlich darf ich kein Wadentraining machen, aber ansonsten kann ich ziemlich viel trainieren. Das Oberkörpertraining ist sowieso kein Problem. Und auch mit dem linken Bein konnte ich schnell wieder arbeiten. Das ist gut, denn aufgrund der alten Verletzungen handelt es sich dabei um mein schwaches Bein – und so kann ich es ein wenig stärken und forcieren.

Können Sie überhaupt noch schmerzfrei Ski fahren? Oder heisst es immer, Zähne zusammenbeissen?
Es ist nicht gerade so, dass ich immer die Zähne zusammenbeissen muss. Aber ich muss mir sicher täglich meine Gedanken darüber machen, was zu tun ist, damit es eben nicht wehtut. Und selbst dann klappt es nicht immer. Im Vergleich zu früher sind die Schmerzen aber viel weniger geworden.

Bisher sind Sie nach ihren Verletzungspausen immer sehr stark auf die Piste zurückgekehrt. Was für ein Ziel setzen Sie sich diesmal?
Dieses Jahr darf man sicher nicht erwarten, dass ich zurückkomme und für Furore sorge. Aber für mich steht fest: Ich will mein Comeback in Wengen feiern. Wengen ist eine Strecke, die ich gerne mag. Sie befindet sich in der Schweiz und man fährt vor Heimpublikum. Ich will eine gute Leistung abliefern. Doch es wäre vermessen zu sagen, dass ich in die Top 10 fahren will. Die anderen Fahrer sind zu dem Zeitpunkt schon im Rennrhythmus und haben viel mehr Kilometer auf dem Schnee gemacht als ich.

Sie haben in Ihrer Laufbahn bereits viele Erfolge feiern dürfen. In jungen Jahren holten Sie sich den dreifachen Junioren- Weltmeistertitel in der Abfahrt, im Super-G und in der Superkombination. Es folgten diverse Medaillen und im Januar dieses Jahres dann der dritte Platz bei der Abfahrts-Weltmeisterschaft in Beaver Creek. Was war Ihr persönlich grösster Erfolg?
Hierzu zählen für mich zwei Resultate. Ich unterscheide immer zwischen meiner ersten Karriere, die bis zum Infekt im Knie dauerte, und meiner zweiten Karriere, die danach startete. Der Höhepunkt meiner ersten Karriere war der Abfahrtssieg am Lauberhornrennen in Wengen im Jahr 2012. Und in meiner zweiten Karriere die Weltmeister-Bronzemedaille. Diese zwei Highlights ragen aus all meinen anderen Erfolgen heraus.

Was genau lieben Sie am Skisport so sehr?
Das Rennenfahren. Das Adrenalin. Das Können, auf einer schwierigen Piste, die nicht jeder schnell hinunterfahren kann, das Maximum herauszuholen. Diese Fähigkeit, Adrenalin in Leistung umzuwandeln.

Nicht umsonst nennt man Sie den «Kugelblitz». Wer hat diesen Spitznamen ins Leben gerufen?
Der erste, der ihn in den Mund genommen hat, war Marc Gini. Er meinte, dieser Name passe perfekt. Klein, schnell, mollig. Wenn man klein ist, bringt dies im Skisport so mit sich, dass man nicht gerade dünn ist. Nur mit Gewicht machst du Geschwindigkeit. Die Entstehung dieses Namens ist aber schon unzählige Jahre her. Damals war ich noch ein Junioren-Fahrer und fuhr keine Weltcup-Rennen.

Was ist ihr Zauberrezept, sich immer wieder aufs Neue zu motivieren und trotz Rückschlägen aufs Podest zu fahren?
Ein Grossteil kommt sicher aus meiner Eigenmotivation heraus. Seit ich denken kann, will ich Ski fahren. Das ist meine grosse Leidenschaft, die ich nie verloren habe. Und daran will ich auch nichts ändern.

Dann waren Sie also schon als Kind ein Kämpfer?
Eher der Renntyp. Ein Trainingsweltmeister war ich nie – und das bin ich auch heute nicht. Selten bin ich bei einem Abfahrtstrainings schon im Vorfeld anzutreffen. Aber ich habe schon als Kind immer den Wettkampf geliebt – in jedem Bereich. Mittlerweile hat sich dieser Wettkampfgeist auf den Skisport fokussiert.

Welche Rolle spielt dabei Ihre Freundin Katrin Triendl? Ist sie als Physiotherapeutin aktiv an der Genesung Ihrer Verletzungen beteiligt?
Meine Freundin spielt sicher in jeder Hinsicht eine wichtige Rolle. Sie unterstützt mich stets, stark zurückzukehren. Vor gut einem Jahr hat sie ihre Ausbildung zur Physiotherapeutin abgeschlossen und da ist es klar, dass sie aktiv an der Genesung mitwirkt. Gerade auch, wenn ich unterwegs bin und keine Physiotherapie-Betreuung bei mir habe, springt sie oft ein. Das ist natürlich ein grosser Vorteil.

Ihre Freundin fuhr früher selbst aktiv Rennen. Sehen Sie dies als hilfreich für Ihre Beziehung an, da sie ein tieferes Verständnis für den Sport mitbringt?
Auf jeden Fall. Gerade im Skisport ist man sehr viel unterwegs – im Winter eigentlich immer. Und im Sommer stehen die Trainingslager an. Dieses Verständnis dafür, dass man selten zu Hause sein kann, ist enorm viel wert. Wir müssen nie darüber diskutieren und ich muss mich nicht erklären.

Sie haben gesagt, dass Sie nicht gerade der Trainingsweltmeister sind. Muss Sie Ihre Freundin im Training also eher anspornen als Ihren Ehrgeiz bremsen?
Auf den Punkt gebracht ist sie diejenige, die mir immer wieder einen Tritt in den Hintern gibt. Sie ist sehr Ausdauer-fanatisch. In diesem Bereich habe ich keine Chance, mit ihr mitzuhalten. Schon als aktive Skifahrerin war sie körperlich stets gut parat, weshalb sie mich auch immer anfeuert und mir sagt, dass ich diese oder jene zusätzliche Trainingseinheit noch einlegen soll.

Sie scheinen das zu brauchen. Schliesslich sind Sie der Liebe wegen sogar nach Innsbruck gezogen ...
Das stimmt. Ich wohne eigentlich an zwei Standorten. In Innsbruck mit meiner Freundin zusammen und in Schangnau im Emmental, wo ich aufgewachsen bin.

Man munkelt, dass Sie bereits perfekt Tirolerisch sprechen sollen. Stimmt das?
(Lacht) Als perfekt würde ich es bei Weitem nicht bezeichnen. Aber es gibt mittlerweile ein paar Ausdrücke, die ich kann.

Und es kursiert auch das Gerücht, dass in einem Restaurant im Heimatdorf Ihrer Freundin sogar das Gericht «Beat Feuz XXL-Cordon bleu» auf der Karte stehen soll – mit viel Emmentaler Käse.
Das stimmt. Ich habe das manchmal in dem Restaurant bestellt. Und dann hat es der Wirt irgendwann nach einem Erfolg auf die Karte genommen, weil er wusste, dass ich das gerne esse.

Fühlen Sie sich mittlerweile schon ein bisschen österreicherisch oder schlägt Ihr Herz immer noch klar für die Schweiz?
Wenn es um das Skifahren geht, schlägt es natürlich ausschliesslich für die Schweiz, das ist klar. Da kommt mein Patriotismus zum Vorschein. Zum Leben gefallen mir aber beide Länder gleich gut. Auch wenn mich die Umgebung in Schangnau als Bub extrem geprägt hat. Es ist der tiefste Punkt im Emmental und extrem ländlich. Nirgends findet man so gut Ruhe wie dort.

Wahrscheinlich gelten Sie darum unter Ihren Rennkollegen als die Gelassenheit in Person. Ich habe gelesen, dass Sie vor einer Weltcup-Abfahrt sogar einmal vergessen haben, den Rennanzug einzupacken ...
Das stimmt. Das war bei meinem ersten Weltcup-Rennen nach der zweijährigen
Verletzungspause. Ungefähr bei Startnummer 15 habe ich gemerkt, dass ich keinen Rennanzug dabei habe. Mein Glück war, dass ich selbst eine späte Nummer hatte – irgendwas zwischen 60 und 70. So konnte mein Trainer noch auf die Schnelle einen Anzug besorgen – irgendein uralter Fetzen mit Löchern drin. Das war eine kurze Aufregung für alle. Aber sowas kann ich gut wegstecken.

Und wie steht es mit dem Wahrheitsgehalt der Geschichte, dass sie während einer Verletzungspause einen Sprachaufenthalt in Vancouver machten und Ihr Trainer Sie bei einem Treffen kaum wiedererkannte ..?
Auch das ist passiert. Während meiner zweijährigen Verletzungspause besuchte ich eine Schule in Vancouver. Als das Weltcup-Rennen in Whistler war, fuhr ich natürlich hin und traf dort auf meinen ehemaligen Trainer. Der war schockiert, weil ich ziemlich zugelegt hatte – allerdings weniger an Muskelmasse. Da hat er mir die Leviten gelesen.

Sie scheinen also gutem Essen nicht abgeneigt zu sein. Würden Sie sich als Genussmensch bezeichnen?
Auf jeden Fall. Ich geniesse die schönen Dinge des Lebens.

Ganz spontan: Was bedeutet für Sie purer Genuss?
Ein gemütlicher Abend mit meiner Freundin, essen gehen, dazu ein gutes Glas Wein trinken. Das ist für mich perfekter Genuss.

In Ihrer Freizeit spielen Sie gerne Poker. Wenn Sie die Wahl hätten: Mit welcher Persönlichkeit würden Sie gerne einmal einen Abend lang zocken?
Mit Roger Federer. Er ist ein grosses Idol von mir – eines, wie es nur selten gibt. Dazu kommt, dass er Schweizer ist. Ob er Pokern kann, weiss ich nicht. Aber Roger Federer würde bei mir bei allen möglichen Sachen an erster Stelle stehen, wenn ich die Wahl hätte.

Was ist Ihr grösster sportlicher Traum?
Meine Skikarriere fortführen zu können und an Grossanlässen Medaillen zu gewinnen. Der nächste Grossanlass, der ansteht, ist das Rennen in St. Moritz. Eine Heimmedaille wäre für mich das Allerschönste.

Und verraten Sie uns zum Schluss auch einen privaten Traum?
Nach der Skikarriere eine Familie zu gründen und ein Haus zu bauen, irgendwo im Grünen, ganz gemütlich.

 

17. Nov 2015 / 06:00
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