• Streitgespräch Halbe Halbe, Vaduz
    Streitgespräch zur Verfassungsinitiative «HalbeHalbe» zwischen Corina Vogt-Beck (links) und Gunilla Marxer-Kranz (rechts).  (Tatjana Schnalzger)

Initiative «HalbeHalbe»: Ein Ziel, zwei Ansichten

Corina Vogt-Beck und Gunilla Marxer-Kranz diskutieren über die Initiative «HalbeHalbe», über welche ebenfalls am 30. August abgestimmt wird.

Persönliche Erfahrungen
Corina Vogt-Beck, Sie sind in Triesenberg Gemeinderätin, Gunilla Marxer-Kranz, Sie sind Landtagsvizepräsidentin. Wie fühlen Sie sich als Frau in Ihrem jeweiligen Amt aufgehoben?
Corina Vogt-Beck: Ich fühle mich sehr wohl in meinem Gemeinderatsteam. Wenn ich auf die Wahl selbst zurückblicke, war diese sehr speziell. Kurze Zeit war im Gemeinderat nur eine Frau vertreten, davor eine Zeit lang gar keine. Heute sind wir vier Frauen. Es geht sehr kollegial und wertschätzend zu und her, obwohl alle sehr unterschiedlich sind. Unterschiede spüre ich vor allem zwischen langjährigen Gemeinderäten und den Neulingen. Während Erstere die Erfahrung mitbringen, sind die Neulinge oft forscher und neugieriger. Also ein guter Mix, in dem ich mich sehr gut aufgehoben fühle. 

Streitgespräch Halbe Halbe, Vaduz

Mitinitiantin Corina Vogt-Beck: «Von der Einführung einer Quote ist man ja weggekommen. Die Vertreterinnen und Vertreter von Hoi Quote haben festgestellt, dass dieser Vorschlag nicht mehrheitsfähig ist.»

Gunilla Marxer-Kranz: Diesen Unterschied zwischen «alten Hasen» und Neulingen kann ich auch für den Landtag bestätigen, was ich ebenfalls keineswegs als negativ werten möchte. Zwischen Männern und Frauen kann ich in den vergangenen drei Jahren im Landtag aber keine Diskrepanzen erkennen. Nie habe ich mich als Frau minder geschätzt gefühlt, ebenso wenig wie nicht ernst genommen. Um nun Ihre Frage zu beantworten: Ich fühle mich in meinem Amt als Landtagsvizepräsidentin bestens aufgehoben. 

Wie haben Sie denn den Weg in die Politik geschafft beziehungsweise wie hürdenvoll gestaltete sich dieser?
Gunilla Marxer-Kranz: Überhaupt nicht hürdenvoll! Die einzige Hürde, die ich – natürlich neben der, gewählt  zu werden – zu bewältigen hatte, lag in meinen eigenen Gedanken. Ich arbeite in Teilzeit und habe zwei Kinder. Als mein politischer Weg vor drei Jahren begann, waren sie vier und sechs Jahre alt. Ich habe mir einfach Gedanken gemacht, wie ich dies alles unter einen Hut bringe, ohne dass jemand darunter leiden muss. Daher habe ich für die Kandidatur lange gezögert, wurde mehrfach angefragt und habe im Vorfeld sehr viele Gespräche geführt. Schliesslich war es dann wohlüberlegt – und ich bin froh über diesen Entscheid, weil alles mit familiärer Unterstützung gut funktioniert. 

Corina Vogt-Beck, Sie waren bereits in jungen Jahren in der Jugendunion der Vaterländischen Union sehr aktiv, kandidierten auch bereits für den Landtag. Wie verlief Ihr politischer Weg?
Corina Vogt-Beck: Für den Landtag hat es damals nicht gereicht. Aber Kurven zu nehmen, gehört zu meinem Leben dazu. Politisiert wurde ich damals durch die Abstimmung über die Verfassungsinitiative. Nach einer kurzen Familienphase suchte ich vor drei Jahren eine neue Herausforderung. Über gesellschaftspolitische Fragen, vor allem über die Frage der Vertretung von Frauen in der Politik, wurde ich wieder politisiert. Als Kandidatinnen für die Gemeinderatswahlen gesucht wurden, war mir klar: Ich werde nicht nur darüber sprechen – ich werde handeln. Mit meinem Sitz im Gemeinderat habe ich dazu nun auch die Chance bekommen, politisch aktiv zu sein. 

Politik als Männerdomäne
Hand aufs Herz: Ergeben sich als Frau auch manchmal Vorteile, wenn sie den Weg in die Politik erst einmal geschafft hat?
Gunilla Marxer-Kranz: Ja klar! Die Männer helfen einem gerne in den Mantel (lacht)! Spass beiseite – ich spüre nicht, dass ich von irgendjemand anders behandelt werde, weil ich eine Frau bin. Gemessen werde ich ausschliesslich an dem Inhalt meiner Voten. 

Streitgespräch Halbe Halbe, Vaduz

Für Landtagsvizepräsidentin Gunilla Marxer-Kranz ist die Initiative «ein Papiertiger».

Corina Vogt-Beck: Als Frau sorgt man manchmal für Überraschungseffekte – so nach dem Motto: «Wow, die kennt sich da ja aus!» Ausserdem werden meiner Meinung nach Frauen öfters mit der Frage konfrontiert, wie sie alles unter einen Hut bringen: Arbeit, Kinder und auch noch das politische Amt. Eine Frage, die Männern kaum gestellt wird, weil sie ja quasi wie gemacht sind für die Politik und die Frau für die Kinder und den Haushalt. Bei meiner politischen Arbeit habe ich im direkten Austausch aber weder Vor- noch Nachteile erfahren aufgrund meines Frauseins. 

Es heisst ja oftmals, dass mit Frauen und Männern durchmischte Teams die besseren und ausgewogeneren Entscheidungen treffen. Merken Sie generell an politischen Entscheidungen, dass die Politik noch immer eine Männerdomäne ist?
Gunilla Marxer-Kranz: Wir haben in der VU-Fraktion am meisten Frauen vertreten von allen anderen Fraktionen – es sind aber immer noch bedeutend weniger als die männlichen Kollegen. Ich denke, bei gewissen Themen ist die Herangehensweise bei Frauen anders als bei Männern. Das sieht man exemplarisch bei den Kleinen Anfragen: Frauen interessieren sich insbesondere für Familienthemen, Schulfragen, Soziales. Es gibt somit Themen, die in erster Linie Frauen interessieren. Es sind eben Themen, die in erster Linie Mamas interessieren. Gerade deshalb wäre ein gesunder Mix wichtig, damit auch diese Themen vermehrt aufs Tapet kommen. Nur: Wir brauchen erst diese Frauen, die sich dafür zur Verfügung stellen. 

Corina Vogt-Beck: Es würde schon mehr Frauen geben, als derzeit im Parlament vertreten sind! Das Problem liegt meiner Meinung nach bei den Wahlchancen. Bei den letzten Landtagswahlen hatten die männlichen Kandidaten eine fast 50-Prozent-Chance, um einen Sitz zu ergattern. Bei den Frauen waren es gerade einmal 16 Prozent. 

Dann kann die Politik auch Ihrer Meinung nach noch ganz klar als Männerdomäne eingestuft werden? 
Corina Vogt-Beck: Ja klar. Gerade auch wenn wir uns die Besetzung von diversen Kommissionen anschauen. Durch die späte Einführung des Wahlrechts für Frauen in Liechtenstein wurde die politische Landschaft in der Konsequenz von Männern gestaltet. Kürzlich hat mein Sohn gefragt: «Mama, hat es eigentlich schon immer Parteien gegeben?» Ich habe ihm geantwortet, dass diese natürlich nicht gottgegeben sind und diese in der Gesellschaft entstanden sind, um gemeinsam Entscheidungen zu treffen. Mit dieser Antwort wurde mir bewusst: Entsprechend sind es Institutionen, die von Männern geprägt wurden. Aber die Frauen entwickeln je länger desto mehr den Willen, an diesen Entscheidungen teilzuhaben. Nur ist es im Moment so, dass den Frauen einfach ein Plätzchen in einem Gremium gegeben wird nach dem Motto: Du darfst auch. Eher aus Gefälligkeit. 

Gunilla Marxer-Kranz: Diese Meinung teile ich so nicht. Vielmehr nehme ich wahr, dass händeringend nach Frauen gesucht wird und diese in Gremien auch geschätzt und die Bedeutung ihrer Inputs auch anerkannt werden. Ein generöses Verhalten kann ich nicht erkennen. Ich bin überzeugt: Hätten wir mehr Frauen, die sich zur Verfügung stellen, könnten wir auch mehr Ämter mit ihnen besetzen. 

Corina Vogt-Beck: In unserer Diskussionsrunde auf 1FLTV hat FBP-Präsident Marcus Vogt bestätigt, dass Frauen wie auch Männer gleich häufig Absagen für ein Amt oder gar eine Kandidatur erteilen. Es ist nicht mehr so, dass grundsätzlich mehr Männer dafür gewonnen werden können. 

Gunilla Marxer-Kranz: Aus der Findungsgruppe ist mir zugetragen worden, dass definitiv mehr Männer der Politik gegenüber offen stehen. Die Erfahrung sei, dass Frauen sehr schnell sagen: «Politik, nein danke!» 

Corina Vogt-Beck: Dann liegt das aber eben genau an diesen sehr männlichen Strukturen.

Gunilla Marxer-Kranz: Das glaube ich nicht. In Triesen beispielsweise ist es mit Vorsteherin Daniela Wellenzohn ja gerade eine Frau, die weitere Frauen für die Politik gewinnen möchte. Wie viele Vorsteherkandidatinnen haben sich in den vergangenen 30 Jahren zur Wahl gestellt? Meines Wissens nach vier. Und wie viele wurden gewählt? Drei. Ich bin überzeugt: Wenn eine Frau es möchte und auch die nötige Qualifikation mitbringt, wird sie auch gewählt. Dies haben Daniela Wellenzohn wie auch Maria Eberle-Kaiser in Ruggell, aber auch Maria Marxer in Gamprin-Bendern bewiesen. 

Frauenförderungsmassnahmen
Gunilla Marxer-Kranz: Die Initiative «HalbeHalbe» ist für mich ein zahn-loser Papiertiger. Aber, und das ist ganz wichtig, das heisst nicht, dass ich gegen eine ausgewogene Vertretung von Frauen bin! Wir stehen noch vor etlichen Hürden. Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Mangel an Teilzeitstellen, Lohnungleichheit zwischen Mann und Frau sind nur einige Stichworte. Die Initiative hat zwar die richtige Intention, ist aber für mich definitiv der falsche Weg. 

Corina Vogt-Beck: Seit 2017 wird das Thema sehr prominent diskutiert und gerade auch von unserer Seite immer wieder angestossen. Aus den grossen Parteien sind sehr wenige Vorschläge gekommen. Stattdessen wurde nur kritisiert: falsche Art und Weise, falscher Zeitpunkt und überhaupt. Alle haben dasselbe Ziel, nur die wenigsten wollen dieses dann aber in aller Konsequenz verfolgen. Wenn ich etwas ablehne, dann muss ich doch auch einen Gegenvorschlag bringen! Zumindest dahingehend, wie Frauen besser unterstützt werden können. 

Gunilla Marxer-Kranz: Also ich sehe es nicht, dass Frauen derzeit keine Unterstützung bekommen. Wer sich für eine Kandidatur zur Verfügung stellt, wird entsprechend begleitet und von der Partei auch beispielsweise medial unterstützt. 

Corina Vogt-Beck: Denken Sie, es reicht, wenn den Frauen bei der Anfrage für eine Kandidatur mediale Unterstützung zugesichert wird? Es geht doch darum, Unsicherheiten aus dem Weg zu räumen und die Frauen auf ihrem Weg in die Politik zu bestärken. 

Gunilla Marxer-Kranz: Wenn sich eine Frau so unsicher fühlt, sodass auch eine entsprechende Unterstützung nicht ausreicht, dann kandidiert sie wohl auch nicht. Ich kann nicht jemandem einen Job anbieten, der in keinster Weise die nötigen Voraussetzungen dafür mitbringt. Eine gewisse Qualifikation braucht es eben schon – in der Politik wie auch in allen anderen Berufen. 

Corina Beck-Vogt: Und wie kommen Frauen denn zu diesem politischen Handwerk?

Gunilla Marxer-Kranz: Gegenfrage: Wie kommen die Männer dazu? 

Corina Vogt-Beck: Bei Männern geht man davon aus, dass sie die Voraussetzung haben, dies wird schon gar nicht in Frage gestellt. Eine Frau muss sich rechtfertigen, ob sie die nötigen Voraussetzungen für die Politik mitbringt. 

Gunilla Marxer-Kranz: Wir Frauen müssen uns doch nicht rechtfertigen. Ein bisschen Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen muss dann schon sein. Sie selbst mussten sich gerade als Landtagsvizepräsident nie rechtfertigen?

Gunilla Marxer-Kranz: Nein. Obwohl ich vor drei Jahren noch null und nichts mit der Politik am Hut hatte, ich war diesbezüglich ein absoluter Quereinsteiger. 

Corina Vogt-Beck: Und Sie glauben, von aussen nie kritisiert worden zu sein?

Gunilla Marxer-Kranz: Natürlich gibt es immer einmal wieder kritische Stimmen, diese sind bei mir auch willkommen. Aber ehrlich: Bösartige Kritik habe ich nur von einigen wenigen Frauen bekommen. Ausser meinen anfänglichen persönlichen Zweifeln, alles unter einen Hut zu bringen, bin ich auf keine grösseren Probleme gestossen. Mit solchen und ähnlichen Unsicherheiten beschäftigen sich erfahrungsgemäss aber auch Männer. Deshalb ist die Unterstützung und Förderung wichtig – egal ob Mann oder Frau. 

Corina Vogt-Beck: Da gebe ich Ihnen komplett recht. Wir wollen aber nicht die Förderung von Frauen oder Männern erreichen, sondern die Förderung einer ausgewogenen Besetzung in politischen Gremien. 

Zweck der Initiative
Angenommen, die Initiative «HalbeHalbe» bekommt am 30. August die Mehrheit aus der Bevölkerung und der Zusatz «Die ausgewogene Vertretung von Frauen und Männern in politischen Gremien wird gefördert» wird in die Verfassung aufgenommen. Und angenommen, bei den nächsten Landtagswahlen im Februar schaffen es lediglich drei Frauen in den Landtag. Was bewirkt denn dieser Zusatz in der Verfassung konkret?

Corina Vogt-Beck: Gar nichts, weil es sich um keine Forderung handelt. Und das ist auch das Schöne an unserer Initiative, dass der Landtag beziehungsweise die Regierung selbst über die Massnahmen entscheiden kann. 

Gunilla Marxer-Kranz: Aber Sie sagen ja gerade selbst, dass der Zusatz nichts nützt, solange nicht genügend Frauen gewählt werden. Denn der Zusatz macht überhaupt keinen Unterschied zum jetzigen Grundsatz, dass Mann und Frau gleich zu behandeln sind. 

Corina Vogt-Beck: Natürlich nützt es etwas, wenn verbindliche Massnahmen geschaffen werden. Wir brauchen eine stärkere Formulierung als bisher, dass Mann und Frau gleichberechtigt zu behandeln sind. 

Gunilla Marxer-Kranz: Sie widersprechen sich doch: Einerseits sagen sie, dass der Zusatz konkret nichts bewirkt, andererseits sprechen Sie von Verbindlichkeit. Und Verbindlichkeit heisst für mich, dass man es durchsetzen muss. Also hätte eine Frau erfolglos kandidiert, würde sie sich aufgrund des Zusatzes dann wohl an den Staatsgerichtshof wenden. 

Corina Vogt-Beck: Da würde sie wohl scheitern. Die Meinungen der Juristen gehen da zwar auseinander. Die einen sagen, dass eine Klage Chancen hätte. Ich gehe nicht davon aus. 

Gunilla Marxer-Kranz: Eben, dann nützt der Zusatz in der Verfassung gar nichts. 
Corina Vogt-Beck: Doch. Regierung und Landtag sind aufgefordert, Frauen aktiv zu fördern. Es ist quasi eine Erinnerungsfunktion an den Landtag, die Regierung und alle anderen politischen Gremien: Wir wollen eine ausgewogene Vertretung. Und zwar nicht erst in zehn Jahren. Wir möchten eine sehr wichtige Aufgabe vom Gartenhäuschen ins Hohe Haus bringen. 

Gunilla Marxer-Kranz: Mit dieser Forderung wären wir doch bald bei einer Quotenlösung angelangt. Ich kann den Zweck dieser Initiative schlichtweg nicht greifen. Für mich ist dieser Zusatz zu schwammig. 

Corina Vogt-Beck: Von der Einführung einer Quote ist man ja weggekommen. Die Vertreterinnen und Vertreter von «Hoi Quote» haben festgestellt, dass dieser Vorschlag nicht mehrheitsfähig ist. Schliesslich wollen wir nicht unser Engagement mit viel Herzblut in etwas stecken, das bei einem Grossteil der Bevölkerung keinen Anklang findet. Wir sind deshalb nochmals über die Bücher gegangen. Das Resultat war dann diese Initiative für einen Zusatz in der Verfassung. 

Alternative Massnahmen
Gunilla Marxer-Kranz, man sagt ja so salopp: Nützt es nichts, schadet es auch nichts. Was konkret stört denn Sie an diesem Zusatz?
Gunilla Marxer-Kranz: Die Verfassung soll als Grundgesetz dienen und nicht überfüllt werden. Vor allem soll sie nicht mit schwammigen Zusätzen überladen werden. 

Wie möchten denn Sie den Frauenanteil erhöhen, wie sieht Ihr Lösungsweg aus, den Sie für richtig halten?
Gunilla Marxer-Kranz: Zum einen müssen Frauen und Männer für dieses Thema weiterhin sensibilisiert werden. Hierfür leisten beispielsweise unsere Frauenunion wie auch andere Frauenorganisationen sehr gute Arbeit. Und der zweite Schritt ist, dass sich die Frauen untereinander unterstützen. Vielen Frauen und Männern ist es gar nicht bewusst, dass sie Frauen streichen und somit ihren Anteil schwächen. Die Sensibilisierung ist sehr wichtig und bringt viel mehr als ein nicht greifbarer Verfassungszusatz, der im Endeffekt dann auch gar nicht verbindlich sein soll. 

Corina Vogt-Beck: Damit wir die gewünschte Verbindlichkeit haben, könnte man beispielsweise eine entsprechende Verordnung schaffen. 

Gunilla Marxer-Kranz: Wie gesagt, dann sind wir bei der Einführung einer Quote angelangt. 

Corina Vogt-Beck: Nein, es gibt auch andere Wege. Denn ich gebe Ihnen recht: Sensibilisierungskampagnen sind sehr wichtig. Ein Lösungsansatz wäre beispielsweise, die frühere Stabsstelle für Chancengleichheit wieder zu institutionalisieren. Der Verfassungszusatz würde den Weg dazu um einiges vereinfachen. 

Gunilla Marxer-Kranz: Die Stabsstelle für Chancengleichheit ist bereits institutionalisiert und zwar im Verein für Menschenrechte. Was mich noch interessieren würde: Wie geht ihr mit dem dritten Geschlecht um? Deutschland beispielsweise anerkennt rechtlich bereits jetzt schon die Existenz von den drei Geschlechtern männlich, weiblich, divers. Dieses wurde bei ihrem Vorschlag aber aussen vor gelassen.

Corina Vogt-Beck: Dies steht derzeit nicht zur Diskussion. Wir können uns nicht mit anderen Ländern vergleichen, die schon viel weiter sind. Wir müssen Schritt für Schritt gehen. 

Könnten paritätsbesetzte Wahllisten auch eine Option sein?
Corina Vogt-Beck: Erfreulicherweise gibt es von allen grossen Parteien bereits das Bekenntnis, diesen Weg einschlagen zu wollen. Für uns war dies aber keine Option, da wir keine Forderungen stellen wollten. Wir peilen eine dynamische Lösung an, die der Gesellschaft fortlaufend angepasst werden kann. Beträgt der Frauenanteil in 
30 Jahren beispielsweise 80 Prozent, soll man auch darauf reagieren können.  

Gunilla Marxer-Kranz: Natürlich leisten die Parteien jetzt schon wertvolle Arbeit, um Frauen in die Politik zu bringen. Sensibilisierungskampagnen unterstützen diesen Weg, der allerdings noch dauern wird. Man sieht heute schon, dass beispielsweise mindestens genauso viele, wenn nicht sogar mehr, Frauen wie Männer an Universitäten abschliessen. Eine höhere Qualifikation bringt Frauen automatisch in höhere Positionen und stärkt. Klar ist: Liechtenstein ist, was Frauenthemen anbelangt, noch nicht auf dem Stand, wo es sein sollte. Dies lässt sich aber auch nicht verfassungsrechtlich oder per Gesetz ändern. Die Überzeugung, dass Frauen in der Politik ebenso wertvolle Arbeit leisten wie Männer, muss in die Köpfe der Menschen. 

Zukunft
Sollte die Initiative im August angenommen werden: Was wird sich konkret für die Landtagswahlen im Februar verändern?

Corina Vogt-Beck: Die Zeit bis dahin wird zu knapp sein, als dass es eine wirkliche Veränderung geben wird. Unser Ziel ist eine längerfristige Veränderung auf verschiedenen Ebenen. Ich gehe einig mit Gunilla Marxer-Kranz, dass Sensibilisierung eine wichtige Rolle spielt. Ich bin nicht damit einverstanden, dass wir Geduld haben müssen. Eine Studie des World Economic Forum besagt, dass es noch knapp 
100 Jahre dauern wird, bis wir eine faktische Gleichstellung zwischen Mann und Frau haben. So lange will und kann ich nicht mehr warten (lacht). 

Gunilla Marxer-Kranz: Solange Frauen nicht dazu bereit sind, müssen wir dies akzeptieren und daran arbeiten, sie zu stärken. 
Zwei Frauen, zwei Politikerinnen und zwei komplett unterschiedliche Meinungen …

Corina Vogt-Beck: Ja und das soll es auch geben. Zum Glück! Unterschiedliche Meinungen zu haben heisst ja nicht, keinen Zugang zueinander finden zu können. 

Gunilla Marxer-Kranz: Da gehe ich einig mit Ihnen. Ihr grosses Engagement ist mir bewusst. Es geht nichts über eine sachliche Diskussion – auch wenn beide an ihrer Meinung festhalten. (bfs)

12. Jul 2020 / 16:23
Geteilt: x
KOMMENTARE

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

KOMMENTAR HINZUFÜGEN

Überschrift (max. 70 Zeichen)
Meine Meinung (Noch  Zeichen verfügbar)
UMFRAGE DER WOCHE
Lade TED
Ted wird geladen, bitte warten...

Wettbewerb
Entdeckung einer Landschaft
Zu gewinnen 3 x 2 Karten für den Film ENTDECKUNG EINER LANDSCHAFT, Freitag, 14. August, 21:00
06.08.2020
Facebook
Top