• Philipp Eigenmann in Nendeln
    Philipp Eigenmann, Inhaber und Geschäftsführer der Keramik Werkstatt Schaedler AG, hat eine klare Haltung zur S-Bahn.  (Daniel Schwendener)

S-Bahn: Liebesgrüsse aus dem «Niemandsland»

Eine spannende Sicht eines nicht ganz unbekannten Nendlers und Anrainers der Eisenbahnlinie auf das Projekt S-Bahn Liechtenstein.

Familienvater, Keramiker, «Niemandsland»-Bewohner, überzeugter Autofahrer, Nicht-Generalabo-Besitzer und Bahnanwohner: Das ist Philipp Eigenmann, Inhaber und Geschäftsführer der Keramik Werkstatt Schaedler AG in Nendeln. Er hat viel zu erzählen, der Mann, der heute das Geschäft führt, das schon 36 Jahre alt war, als die Eisenbahn in Liechtenstein erst «laufen» gelernt hat. Er erzählt viel. Er lacht viel. Aber er ist auch genervt. Warum? Weil er das ewige Neinsagen der Liechtensteiner satthat. Und weil diese offenbar vergessen haben, dass es in wichtigen Fragen darum geht, das Ganze zu sehen anstatt nur die Eigeninteressen zu vertreten.

Herr Eigenmann, Sie ärgern sich generell über die Diskussionskultur in Liechtenstein, wenn es darum geht, Projekte umzusetzen. Warum?
Philipp Eigenmann: Weil der Liechtensteiner (es gilt auch die weibliche Form) dazu neigt, zu allem Nein zu sagen und davon ausgeht, dass die Schweizer und die Österreicher schon alles für ihn richten werden. Dadurch verlieren wir zunehmend unsere Selbstbestimmung und letztlich auch an Identität. Alles wird zudem immer negativ ausgelegt. Die Kosten müssen für die Ablehnung eines Projektes herhalten nach einer Periode des Sparens. An der Diskussionskultur ärgert mich auch, dass unterschiedliche Ansichten oft mit persönlichen Attacken einhergehen. Wir waren noch nicht einmal dazu fähig, uns zum 300-Jahr-Jubiläum selber ein nachhaltiges, noch heute sichtbares Geschenk zu machen: Die Hängebrücke, die das Ober- und Unterland symbolisch miteinander verbunden hätte und ein verbindender Teil des Liechtenstein-Weges gewesen wäre. Jeder hatte damals eine andere und bessere Idee, wie das Geld investiert werden könnte. In den Entwicklungsdienst. In den Umweltschutz. Oder in die Krankenkassenprämie. Aber auf keinen Fall in Nendeln, in das «Niemandsland», wie es hiess. Genau das geschieht nun auch bei der Diskussion um die Lösung der Verkehrsprobleme und die S-Bahn Liechtenstein. Jeder weiss es besser. Am Ende kommt es zu einer Abstimmung und keine einzige der vorgebrachten Ideen wird umgesetzt. Dann geschieht einfach nichts. In Bezug auf den Verkehr können wir uns das nicht leisten.

Woran liegt diese negative Haltung?
Weil wir das «Brauchen-wir-nicht-Land» sind. Marcus Büchel, der ehemalige Leiter des Amtes für Soziale Dienste, hat es in einem Beitrag im «60 Plus» (Ausgabe Juli 2019) sehr gut auf den Punkt gebracht. Er schreibt: «Es gibt schier nichts in Liechtenstein, was wir nicht schon nicht gebraucht hätten.» Die Kletterhalle, die Tour de Ski, die Hängebrücke. Man kann von Glück reden, dass sich bei der Krankenhaus-Abstimmung die Meinung durchgesetzt hat, dass wir ein eigenes Landesspital brauchen. Büchel spricht von einer Ablehnungsdiktatur und davon, dass Liechtenstein Mehrheiten benötigt, die auch Vorhaben zustimmen, von denen nicht alle direkt profitieren. Direktdemokratische Systeme sind darauf angewiesen, dass sich regelmässig Mehrheiten für die Bedürfnisse von Minderheiten bilden, so sein Fazit. «Ich könnte es dir ja geben, will es dir aber nicht gönnen» ist hingegen ein Denken, das völlig fehl am Platz ist.

Und das gilt Ihrer Meinung nach auch für die S-Bahn?
Absolut! Ich bin überzeugt, dass am Ende das ganze Land davon profitieren wird. Stellen Sie sich vor, wenn der Unterländer sagen würde, dass er das Malbuner Skigebiet nicht braucht, weil er ohnehin lieber im Montafon Ski fährt. Oder wenn der Balzner sagt, er fahre lieber nach Wangs-Pizol. Was, wenn der Unterländer sich fragen würde, was ihm denn der Industriezubringer in Schaan oder die Umfahrungsstrasse in Balzers bringt? Wenn jeder nur seine eigenen Interessen und den Örtligeist sieht, kommen wir als Land nicht weiter. Dieses Denken muss dringend überwunden werden.

Den Kritikern der S-Bahn dürfte es nicht nur um das Neinsagen gehen. Sie legen ihre Argumente, die gegen eine S-Bahn sprechen, klar auf den Tisch und argumentieren ebenfalls mit Zahlen und Fakten …
Ich möchte die S-Bahn-Kritiker oder ihre Gedankengänge nicht anklagen. Denn letztlich bin ich genau wie sie: Wir gehören einer Generation an, die den Schulabschluss bzw. die Ausbildung noch mit dem Rechenschieber abgeschlossen hat. Und wir hätten nie geglaubt, dass unsere Kinder und Enkelkinder einmal mit einem Smartphone arbeiten, das über mehr Rechenkapazität verfügt, als damals der Computer der Nasa. Ich will damit sagen: Diese Jugendlichen bewegen sich heute in einer Welt, die wir so nie gekannt haben und für viele ältere Generationen neu ist. Diese Jugendlichen bewegen sich dank des Smartphones auf eine völlig andere Art und Weise in der Welt der Mobilität. Sie wissen genau, wann und ob ein Bus oder Zug fährt, ob er Verspätung hat und wie sie am schnellsten von A nach B kommen. Die Jugend tickt heute ganz anders als wir in ihrem Alter. Und viele von ihnen studieren oder arbeiten ausserhalb der Landesgrenzen. Es mag vielleicht auf viele Liechtensteiner zutreffen, wenn sie sagen: «Ich brauche diese S-Bahn nicht». Sie sollten aber nicht diejenigen vergessen, die das sehr wohl tun und auf gute Zugverbindungen angewiesen sind.

Sie glauben, dass es hauptsächlich die ältere Generation ist, welche die Notwendigkeit nicht sieht?
Viele, aber nicht nur. Es gibt sicher auch einige, die einfach grundsätzlich Nein zu diesem Projekt sagen. Das sind dann eben diese S-Bahn-Kritiker, die am Bahnhof in Nendeln stehen und bemängeln, dass kaum Menschen in die S-Bahn steigen. Würden sie ihren Kopf aber um 180-Grad drehen, könnten sie sehen, dass sich auf der Landstrasse zu Spitzenzeiten Stossstange an Stossstange reiht. Autos, die zum grössten Teil nur mit einer Person besetzt sind. Fazit: Wir sehen zwei Situationen, die unbefriedigend sind. Und wir könnten diese lösen, in dem wir mehr Leute auf die Bahn bringen. Stattdessen wollen die Kritiker lieber die Gleise aufrollen, die Strassen ausbauen und noch mehr auf die Busse setzen. Wozu? Damit der Bus künftig noch öfter im Stau steht? Wem ist damit bitteschön geholfen?

Die Kritiker sehen eben nicht die Bahn, sondern vielmehr die Busse als Rückgrat des Verkehrs …
Die Busse sind ja auch für die Feinverteilung zuständig. Ich kann die Kritiker nur darum bitten, nochmals einen Blick in das Mobilitätskonzept zu werfen. Dort wird deutlich aufgezeigt, dass der Busverkehr gleichzeitig ausgebaut und mehr investiert wird. Es macht keinen Sinn, die einzelnen Verkehrsträger gegeneinander auszuspielen. Sie müssen als Mix so eingesetzt werden, dass am Ende alle davon profitieren. Auf dem Fahrrad. Auf der Strasse. In den Bussen. Und eben auch auf der Schiene. Ich glaube daran, dass mehr Menschen auf die S-Bahn umsteigen werden, wenn deren Takt verdichtet auf die Bedürfnisse der Pendler angepasst wird. Es funktioniert ja auch in Vorarlberg, das ist Fakt. Warum soll es hier anders sein?

Wie stehen Sie zur Aussage der Unabhängigen, dass nur die ÖBB von der S-Bahn profitieren?
Ja, ja. Es ist alles nur für die ÖBB. Oder für die Hilti … Wer zu mir sagt: «Ich brauche diese Bahn nicht», dem entgegne ich klar und deutlich: «Du vielleicht nicht – aber andere sind darauf angewiesen.»

Sie haben ja von Nendeln als «Niemandsland» gesprochen. Glauben Sie, dass der Standort des Bahnhofs ebenfalls für einige ein Grund ist, Nein zum Projekt zu sagen?
Der Bahnhof steht nun einmal hier und würde ausgebaut werden. Damit wird erreicht, dass der Railjet hier nicht nur hält, sondern die Passagiere auch ein- und aussteigen können. Hier ist auch genug Platz, dass sich zwei Züge kreuzen können. Ich bin als Nendler stolz und begeistert, wenn ich künftig hier ein- und in Wien wieder aussteigen könnte. Studenten, Geschäftsleute, Angestellte und Ferienreisende finden hier eine Zusteigemöglichkeit, die sie direkt in die Metropolen unserer Nachbarländer bringt. Der Nendler Bahnhof wird somit zum Hauptbahnhof für ganz Liechtenstein. An dieser Stelle wäre übrigens durchaus eine Prise Lokalpatriotismus angebracht. Aber an alle, die Nendeln nach wie vor als «Niemandsland» sehen, sende ich hiermit erneute Liebesgrüsse. Denn auch das vermeintliche «Niemandsland» gehört zum Land. Und immerhin ebnen wir vielen Oberländern als Durchfahrts-dorf den Weg zu ihrem Einkauf nach Österreich. Das ist jetzt nicht boshaft gemeint. Es ist einfach Fakt, dass sich die Liechtensteiner leider zu selten als Staat oder zumindest als Stadt begreifen. Würden wir das tun, könnten wir auch begreifen, dass alle «Stadtteile» ihren wichtigen Beitrag dazu leisten, dass das Land erfolgreich ist. Wir müssen uns als zusammenhängendes Gebilde, als Einheit, verstehen. Und nur weil man etwa in Balzers, Vaduz oder Schaan nicht Ski fahren kann, heisst es nicht, dass die Einwohner dieser Gemeinden nicht auch vom Skigebiet Malbun profitieren. Genauso, wie jeder einzelne Liechtensteiner direkt oder indirekt vom Tourismus in Vaduz oder den Industriestandorten im Land profitiert. Jede Gemeinde hat ihre Stärken. Als Land sind wir aber nur stark, wenn wir alle zusammenarbeiten.

Vor allem Anwohner der Bahnlinie haben Angst vor mehr Güterverkehr und mehr Lärm. Können Sie diese Bedenken nachvollziehen?
Ich kann die Bedenken vieler nicht nachvollziehen. Die Personenzüge hört man kaum. Was man hört, sind die Güterzüge, die in der Nacht abbremsen und wieder auf Touren kommen müssen. Gerade zu diesem Punkt habe ich mich deshalb genau informiert. Und ich bin davon überzeugt: Auch wenn die Kapazität für mehr Güterzüge schon vorhanden wäre, wird sie aufgrund der mangelnden Nachfrage auch künftig nicht ausgeschöpft werden. Der Güterverkehr war schon in den vergangenen Jahren eher rückläufig. Das kann man jetzt glauben oder nicht. Die Zahlen, die mir gezeigt wurden, sprechen für sich. Indem die Industriebetriebe mehr und mehr auf «Just in time»-Lieferungen setzen, hat sich ein Grossteil der Gütertransporte auf die Strasse verlagert, der dann mitverantwortlich ist für den Stau.

Noch ein Blick auf die Verkehrsproblematik in Schaan. Viele Kritiker wollen dieses Problem zuerst gelöst wissen, bevor eine S-Bahn realisiert wird. Ist das nicht auch legitim?
Natürlich haben die Schaaner ein Verkehrsproblem. Die Bahn fährt aber heute schon und das Problem muss unabhängig vom Ausbau der Infrastruktur gelöst werden. Das hat ja auch der Landtag erkannt und die beiden Themen deshalb bewusst voneinander entkoppelt. Ausserdem: Auch im Unterland muss ein Verkehrsproblem gelöst werden. Spielen wir uns doch gegenseitig die Karten zu und tragen allesamt zur Lösung des Problems bei, indem wir wenigstens zu einem Teilprojekt Ja sagen. Ein Projekt, das sicher kein Allheilmittel ist, aber immerhin einen Teil des Gesamtproblems lösen kann. Tun wir das nicht, wird dies weder für Schaan noch für das Unterland am Ende zuträglich sein. Setzen wir jetzt keinen ersten Schritt, wird es zudem immer schwieriger, anschliessend auch die weiteren Schritte zu gehen bzw. die Probleme zu lösen.

Was geschieht, wenn das Projekt S-Bahn an der Urne verworfen wird?
Sollten sich die Liechtensteiner gegen die S-Bahn aussprechen, wird Daniel Risch sicher nicht am nächsten Tag Plan B aus der Schublade ziehen können. Trotzdem wird man neue Lösungen finden müssen. Risch hat mit diesem Mobilitätskonzept eine Lösung vorgelegt, die das Beste ist, was bisher auf dem Tisch lag. Und wenn wir diese Lösung verwerfen, können wir wieder bei Null beginnen. Mein Wunsch wäre: Halten wir zusammen und leisten uns dieses wichtige Teilprojekt, diese S-Bahn. Die Welt wird sich weiter drehen. Und auch das Mobilitätsverhalten verändert sich weiter, ob uns das gefällt oder nicht. (dv)

05. Aug 2020 / 21:27
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