• Bahnhof Nendeln
    Die Fahrgäste müssen das Gleis überqueren, um auf den mittleren Bahnsteig zu gelangen.  (Tatjana Schnalzger)

Über das Gleis zum Bahnsteig

Durch die S-Bahn-Debatte rückt auch der 148 Jahre alte Bahnhof Nendeln wieder ins Bewusstsein der Liechtensteiner. Zeit für einen Augenschein vor Ort.

 

Tristesse Bahnhöfe FL

Der Bahnhof in Nendeln ist 148 Jahre alt.

Ruhig und scheinbar verlassen liegt in Nendeln das Bahnhofsgebäude nahe den Bahngleisen. Drei grosse Kastanienbäume spenden Schatten an diesem heissen Tag. In der kleinen Wartehalle mit dem zerkratzten Parkettboden fühlt man sich in die Vergangenheit zurückversetzt. Der Bahnhof Nendeln ist einer der ältesten des ÖBB-Netzes in Vorarlberg und Tirol. Das Gebäude wurde 1872 zusammen mit der ersten Bahnstrecke Liechtensteins eröffnet. Der architektonische Stil der k.k.-Zeit ist unverkennbar. Ein Blick auf den Fahrplan in der Wartehalle zeigt, dass die Züge hier morgens zwischen 5.40 und 9 Uhr und abends zwischen 16 und 19 Uhr anhalten. Dazu noch einer zur Mittagszeit. Es sind die Zeiten der bestehenden S-Bahn. Dazwischen kann beim Bahnhof Nendeln nicht ein- und ausgestiegen werden.

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Die Wartehalle des 148-jährigen Gebäudes zeugt von alten Zeiten.

Züge können sich nur beim Bahnhof Nendeln kreuzen
Ein Blick auf die Uhr – es ist 17.10 Uhr – zeigt, dass in zehn Minuten ein Zug einfahren müsste. Doch es sind noch keine Fahrgäste zu sehen. «Die kommen erst kurz vor der Abfahrtszeit», sagt der Fahrdienstleiter Gert Schattauer, der beim Bahnhof Nendeln stationiert ist. Er ist für die Disposition der Bahnstrecke zwischen Feldkirch und Buchs zuständig. Eine Besonderheit, die es so nicht mehr oft gibt – Fahrdienstleiter arbeiten heute in grossen Betriebsstellen. Das mechanische Stellwerk kommt aus den 30er-Jahren. Schattauer muss es von Hand einstellen. Auch die Bahnschranken direkt beim Bahnhof Nendeln löst er aus. «Ich arbeite sehr gerne hier. Ich habe Eigenverantwortung und direkten Kontakt mit den Fahrgästen», sagt er. Im Schalterraum steht ein Computer, über den der Fahrdienstleiter die ganze Strecke im Blick hat – er sieht, wo sich die Züge gerade befinden und ob auch alle automatischen Bahnschranken schliessen. «Der Zug Richtung Buchs steht gerade in Tosters, derjenige Richtung Feldkirch fährt jetzt in Buchs los», erklärt er. Die Züge können sich nur beim Bahnhof Nendeln kreuzen, ansonsten ist die Strecke eingleisig.

Fahrdienstleiter Gert Schattauer stellt die Weichen mit Muskelkraft.

Fahrgäste kommen in letzter Sekunde
Ein Schrillen, das wie ein alter Wecker klingt, erinnert ihn kurze Zeit später daran, dass es nun Zeit ist, die Bahnschranken auszulösen und das Stellwerk zu bedienen. Zur gleichen Zeit kommt der Linienbus angefahren. «Jetzt geht es auf», sagt Schattauer und geht im Laufschritt dem Bahnhofsgebäude entlang, um die Hebel des Stellwerks hinaufzustemmen. Plötzlich kehrt Leben im Bahnhof Nendeln ein. Die Fahrgäste kommen um die Ecke. Einige haben vor dem Gebäude im Schatten der Kastanienbäume gewartet, andere sind aus dem Bus gestiegen. Zwei Männer grüssen den Fahrdienstleiter. «Ich kenne die meisten Fahrgäste. Es steigen mehr oder weniger immer dieselben Leute ein», sagt Schattauer. Es sind Pendler, die nach getaner Arbeit mit dem Zug nach Hause fahren. Es finden sich rund 20 Personen am Bahnsteig ein – normalerweise sind es mehr. Es ist Ferienzeit und so wie der Pendlerverkehr auf den Strassen zum Erliegen gekommen ist, sind auch weniger Bahngäste unterwegs. Gewöhnlich würden im Schnitt zwischen 30 und 40 Personen in einen Zug einsteigen, sagt der Fahrdienstleiter. Im Durchschnitt sind auf der Strecke täglich 1100 Fahrgäste zu verzeichnen. «Zu Spitzenzeiten sind die Züge voll», erklärt der zuständige Betriebsmanager Hannes Wille, der sich ebenfalls auf dem Bahnhofsgelände eingefunden hat.

Schneller als mit dem Auto oder Bus
Die Fahrgäste warten an den Bahngleisen. «Ich kommen täglich mit dem Zug. In Feldkirch hat es zu viel Verkehr», sagt ein Pendler, der im grossen Walsertal lebt. Natürlich wäre es für ihn eine Erleichterung, wenn die S-Bahn den ganzen Tag fahren würde. «Da wäre ich flexibler. Beispielsweise wenn ich einen Arzttermin oder Ähnliches wahrnehmen muss.» Die Pendler sind überzeugt, dass bei verbessertem Angebot mehr Personen mit dem Zug anreisen würden. «Der Verkehr wird immer mehr», sagen sie. Weiter vorne stehen die Fahrgäste Richtung Buchs. Auch sie benutzen täglich den ÖV, um zur Arbeit zu gelangen. «Entweder mit dem Zug oder mit dem Bus. Allerdings sind wir mit dem Zug schneller, da er nicht im Stau steht», sagt ein Pendler. «Wenn er denn kommt», fügt er an. Im Gegensatz zu früher hätte sich die Zuverlässigkeit aber um einiges verbessert. Hannes Wille erklärt, dass dies das Problem der eingleisigen Strecke sei. Hat ein Zug Probleme oder Verspätung, ist auch der Zug in die Gegenrichtung davon betroffen. «Die Strecke ist deshalb anfälliger.» Eine optimale Anbindung an die Verbindungen in Buchs und Feldkirch ist ebenfalls nicht gegeben.

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Die «Halt»-Tafel für den Zug hat ebenfalls schon einige Jahre auf dem Buckel.

«Die Pendler wissen, wie es funktioniert»
Das Rattern der Züge ist zu hören. Zuerst kommt die Bahn Richtung Feldkirch. Sie hält bei der Tafel «H» für Halt am südlichen Ende des Bahnhofs. Die Fahrgäste können direkt beim Bahnhofsgebäude einstiegen – sie müssen «nur» über das mit Gras überwachsene Abstellgleis steigen. «Richtung Feldkirch steigen doppelt so viele Leute ein wie Richtung Buchs», sagt der Fahrdienstleiter und gibt den Fahrgästen, die nach Buchs möchten, ein Zeichen – sie können die Schienen überqueren, um auf den Bahnsteig zwischen den zwei Geleisen zu gelangen. Eigentlich hätte es eine Matte, die zur Überquerung gedacht ist. Aber die Fahrgäste nehmen den direkten Weg über die Zugschienen. «Das ist kein Problem. Sie kennen sich aus und wissen auch, wie es hier funktioniert», sagt Gert Schattauer. Der Bahnsteig ist gerade mal anderthalb Meter breit und das Ganze sieht abenteuerlich aus. «Der Bahnsteig entspricht zwar nicht mehr dem heutigen Standard, aber der Sicherheitsaspekt ist natürlich erfüllt», sagt Hannes Wille. 
Der Zug Richtung Buchs fährt ein. Die Pendler ziehen ihre Masken an und steigen ein. In letzter Sekunde kommt ein Fahrradfahrer um die Ecke, saust direkt vor die Bahntüre, klappt sein Fahrrad zusammen und verschwindet im Abteil. Jetzt gibt Gert Schattauer das Zeichen und die Züge fahren los. «Wir haben jeweils ein bis zwei Minuten Spielraum und können so auch auf verspätete Fahrgäste Rücksicht nehmen», sagt er, während er wieder zum Stellwerk geht. «Ich bin auch mit dem Busfahrer in Kontakt und kann mit der Abfahrt auf ihn warten, falls er eine Verspätung ankündigt.» Die Linie 35 der Liemobil fährt werktags zu Stosszeiten von Bendern zum Bahnhof Nendeln und zurück. Trotzdem hat nicht jede S-Bahn eine Verbindung – der Bus fährt nicht regelmässig. Doch das soll sich mit der S-Bahn Liechtenstein ändern. «Damit die Nachfrage für den Zugverkehr steigt, sind ein dichter und stabiler Takt sowie ein entsprechendes Tarifsystem Voraussetzung. Wichtig ist auch die Verknüpfung mit dem Bus als Feinverteiler», sagt Christoph Gasser-Mair, Pressesprecher der ÖBB.

Bahnhof Nendeln

Beim Bahnhof Nendeln steigen hauptsächlich Pendler ein und aus.

Railjet Richtung Zürich hält zwar, aber es kann niemand einsteigen
In Schaltraum klingelt der Wecker. Es sind wieder Züge unterwegs. Diesmal ist es der ÖBB-Hochgeschwindigkeitszug Railjet. Auch er wartet beim Bahnhof Nendeln. Die Türen öffnen sich allerdings nicht, denn Nendeln ist keine Railjet-Haltestelle  – noch nicht. Dies würde sich mit dem Projekt S-Bahn Liechtenstein ändern. So wäre es möglich, von Nendeln direkt nach Zürich oder Wien zu fahren. Heute hält der Railjet nur, um den von der anderen Seite nahenden Hochgeschwindigkeitszug vorbeirauschen zu lassen. 
Der stehende Railjet bekommt ein Zeichen und fährt wieder los. Der Fahrdienstleiter geht in den Kontrollraum. Vieles wird sich ändern, sollte die S-Bahn Liechtenstein verwirklicht werden. Die Haltestelle würde sich nicht mehr beim alten Bahnhofsgebäude, sondern im Bereich der bestehenden Eisenbahnkreuzung befinden und wäre so direkt am bestehenden Busnetz angebunden. Zwei Randbahnsteige und eine Personenunterführung sind für die barrierefreie Haltestelle geplant. Parkplätze, Fahrradständer und ein Halteplatz sind angedacht. Der Autoverkehr soll in diesem Bereich unterirdisch geführt werden.

Betriebliche Arbeiten werden auf jeden Fall notwendig
Die Zeiten, dass die Fahrgäste über die Bahngleise steigen müssen, wären dann vorbei. Das alte Bahnhofsgebäude bliebe zwar bestehen, aber auch das mechanische Stellwerk würde modernisiert werden. Und was, wenn das Projekt scheitert? Betriebliche Arbeiten werden auf jeden Fall notwendig, wie Christoph Gasser-Maier sagt. Denn aufgrund des S-Bahn-Projekts wurde in den vergangenen Jahren nur das Notwendigste gemacht. Auch die Zeit des Fahrdienstleiters dürfte bald zu Ende sein. Eine technische Modernisierung der Sicherungsanlage ist laut ÖBB unabhängig von der Umsetzung des Projekts S-Bahn-Liechtenstein geplant. «Die Zukunft ist eine automatisierte Steuerung des Zugbetriebes auf diesem Streckenabschnitt», sagt er. Allerdings stehe noch nicht fest, wann es genau dazukommen werde, da dies von mehreren Parametern abhängig sei. Fahrdienstleiter Gert Schattauer ist sich dessen bewusst. «So ist der Lauf der Zeit», sagt er und blickt auf den Computer, wo eine Überwachungskamera zeigt, wie der Zug die Bahnkreuzung passiert. (manu)

Ein Schild zeugt vom Rheinbruch aus dem Jahr 1927 und zeigt, wie hoch das Wasser stand.

Historisches zum Bahnhof Nendeln
Am 13. Januar 1870 erteilen der Liechtensteiner Landtag und die Regierung der damaligen Vorarlberger Bahn die Konzession für den Betrieb einer Eisenbahnlinie von Feldkirch zum Grenzbahnhof Buchs. Anschliessend wurden die insgesamt 18 Kilometer lange Eisenbahntrasse und die Bahnhofsgebäude in Nendeln und Schaan-Vaduz durch die k. k. privilegierte Vorarlberger Bahn gebaut. Die Bahnstrecke wurde am 24. Oktober 1872 eröffnet und der erste mit einer Dampflokomotive bespannte Personenzug durchfuhr den Bahnhof Nendeln. 1926/27 wurde der Bahnhof durch den Anbau eines Zollgebäudes erweitert. Noch heute gilt er als Grenzbahnhof und der Fahrdienstleiter kontrolliert die Papiere. In diesem Jahr hielt der elektrifizierte Bahnbetrieb Einzug. Der Rheinbruch bei Schaan vom 25. September 1927 war auch für die Eisenbahn ein schwarzer Tag. Er setzte nicht nur grosse Streckenteile unter Wasser, sondern zog vor allem auch die Bahnhofsanlagen in Schaan und Nendeln in Mitleidenschaft. Ein Schild beim Bahnhof Nendeln zeugt davon, wie hoch das Wasser damals stand. 1931 wurde das Bahnhofsgebäude aufgestockt, um eine Wohnung für den Bahnvorstand zu schaffen. Es wird erzählt, dass es damals auch der Wunsch des Fürsten war, dass der Bahnhof besetzt ist. Nendeln ist heute die einzige der drei Liechtensteiner Haltestellen, die noch mit einem Fahrdienstleiter während 24 Stunden besetzt ist. Pro Tag sind es zwischen 55 und 60 Züge, die die Strecke durch Liechtenstein befahren. (manu)

03. Aug 2020 / 18:20
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