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    Nach einem ersten Vorgespräch wird klar, was für den Bauherren machbar ist und auf was verzichtet werden muss.  (iStock)

«Wer ein Haus baut, muss Prioritäten setzen»

Im «fiktiven» Experiment möchten wir ein Einfamilienhaus bauen. Wir gehen von einem Gesamtbudget von 800 000 Franken aus. Mathias Vogt, Geschäftsführer von Vogt Architekten in Balzers, zeigt im Gespräch auf, was mit einem Baukredit von 800 000 Franken machbar ist und welche Wohnformen in Zukunft vermehrt in Liechtenstein gebaut werden.
Vaduz. 

Da der Traum vom Einfamilienhaus hierzulande immer noch am stärksten verbreitet ist, entscheiden wir uns, ein fiktives Einfamilienhaus zu bauen. Das knappe Budget, das wir zur Verfügung haben, beläuft sich auf maximal 800 000 Franken. Schon kurz nach Beginn des Gesprächs mit dem Architekten Mathias Vogt, Geschäftsführer von Vogt Architekten in Balzers, wird klar, dass dieses Budget ein eher bescheidenes und für viele ein eher unzureichendes Bauvorhaben zulässt. Deutlich mehr bekommt man bei einer Stockwerkeigentumswohnung sofern das Bauland vorhanden ist.

Eines gleich vorweg: Möchte man sein Eigenheim später einmal verkaufen, muss man sich bewusst sein, dass ein individuell gestaltetes Haus ein relativ kleines Zielpublikum anspricht. Im Vergleich dazu ist eine Eigentumswohnung viel flexibler und kann jederzeit wirtschaftlich vermietet werden.

Erstes Gespräch mit dem Architekten
Mithilfe einer Checkliste zeigt Architekt Mathias Vogt auf, was möglich ist und auf was wir als Bauherren beim Bau eines Einfamilienhauses achten müssen. Schon bei der Bauweise des Hauses wird uns bewusst vor Augen geführt, dass ein Haus in Massivbauweise weder teurer noch preisgünstiger als ein Holzhaus im Elementbau ist. Je nach Gegebenheiten und den Ansprüchen der Bauherren muss das zur Verfügung stehende Budget sehr gezielt eingesetzt werden. Wir werden unser Budget ausreizen und entscheiden uns für ein Haus in Massivbauweise. Jetzt gilt es für uns als Bauherren Prioritäten zu setzen. Der Architekt zeigt auf, wo beispielsweise Kompromisse in Sachen Komfort oder Qualität eingegangen werden müssen. Auch müssen wir mit unserem Budget den Raumanspruch in unserem fiktiven Haus angemessen dimensionieren, denn es ist nach wie vor am effektivsten hier Kosten einzusparen. Es sind nicht die Goldhähne, die ein Haus kostspielig machen. 

Soll das Haus unterhaltsarm sein oder liegt uns viel daran, das Haus immer wieder und in regelmässigen Abständen in Stand zu halten und zu pflegen? Der Mantel des Hauses, sprich die Fassade und das Dach, bilden den wichtigsten Bauteil, zumal er den Zweck von Schutz vor Umwelteinflüssen wahrnehmen muss und nach heutigen Wärmedämmvorschriften für den gesamten Lebenszyklus konzipiert wird. Zum Teil benötigt der Mantel des Hauses Unterhalt in regelmässigen Abschnitten. «Ein Haus mit einer günstig verputzten Aussenwärmedämmung sollte nach 10 spätestens 15 Jahren gestrichen werden, je nach Einfluss der Verwitterung. Aus Erfahrung wird der Unterhalt der Fassade zu Lasten der Langlebigkeit des Verputzes hinausgezögert und die Fassade bekommt erste Schmutzspuren. Dazu gibt es jedoch auch mineralische Verputzmaterialen, die keinen Unterhalt mit sich bringen, jedoch teurer in der Erstellung sind und über die Jahre eine schöne Patina bekommen. Eine besonders pflegeleichte Variante bietet zum Beispiel eine Fassade aus naturbelassenem oder geflammtem Holz», erklärt Vogt. Die Holzfassade ist allerdings etwas teurer als eine Fassade aus Polystyrol, was die Anschaffungskosten erhöht. 

Gesetzt den Fall wir entscheiden uns für eine Holzfassade, dann soll sie so entworfen werden, dass sie gleichmässig verwittert. «Holz ist auch als Fassade ein sehr langlebiges Produkt, was sich beispielsweise an alten Ställen sehen und nachweisen lässt. Beim Holz gibt es verschiedene Varianten, mit oder ohne Nachbehandlung wie zum Beispiel vorvergraut oder lasiert.» Blech oder Eternit sind überdies langlebige Alternativen. Bauherren, die sich für ein Haus in Massivbauweise entscheiden, wählen in der Regel zwischen einer Fassade aus Polystyrol, Steinwolle oder Einsteinmauerwerk. «Bei einem Mehrfamilienhaus kommen bedingt durch die neuen Brandschutzbestimmungen fast nur noch Steinwolle oder Einsteinmauerwerk zum Einsatz», so Vogt. 

Gibt es für unser Budget ein Minergie-Haus?
Als nächster Schritt und je nach Budget, das zu Verfügung steht, muss der Bauherr entscheiden, welchen Anspruch an den Energiestandard er für sein Einfamilienhaus hat. Mindestanforderungen nach Energieeffizienzgesetz oder gar ein Passivhaus? Bei einer Gasheizung oder einer Luftwärmepumpe spart man zwar bei der Anschaffung ein, aber die laufenden Kosten, die während des Lebenszyklus des Heizsystems bzw. des Hauses entstehen, sind hier – wohl gemerkt – nicht eingerechnet. Obwohl die mechanische Lüftung im Gegensatz zu einer Komfortlüftung kostenlos ist, so überwiegen die Vorteile einer Lüftung, wenn man bedenkt, dass man täglich drei Mal fünf Minuten Stosslüften muss, um die Luftqualität zu gewährleisten sowie Bauschäden in Folge von zu hoher Luftfeuchtigkeit vorzubeugen. Mit einer Komfortlüftung sind wir also gemäss Architekt besser beraten. Ein möglicher Konzeptansatz, wenn die Bauherrschaft dafür zu begeistern ist, wäre ein Passivhaus, das lediglich über solare Direktgewinne durch die Fenster sowie einer sehr gut gedämmten Gebäudehülle und Speichermasse im Gebäudeinnern sowie ohne klassische Heizung auskommt. Dabei müssen sich die Bewohner bewusst sein, dass die Temperatur zwischen 20 und 26 Grad schwanken kann. Eine PV-Solaranlage versorgt das Haus mit Strom und Wärme. Ein Pelletofen kann bei Nebeltagen bzw. im Frühling oder Herbst überbrücken.

Kein Platz für Sonderwünsche
Bei unserem Budget von 800 000 Franken sind laut Architekt Vogt kostspielige Sonderwünsche erfahrungsgemäss kaum möglich, da die meisten Bauherrschaften nur ungern auf Wohnfläche mittels Kompensation verzichten. Bei der Elektroinstallation begnügt man sich mit einer klassischen Installation. Wir müssen auf das moderne Bussystem KNX verzichten. Ein Smart Home werden wir also nicht bekommen. Auch was die Arbeiten an der Umgebung betreffen, liegt wohl lediglich ein einfacher Ausbau in Form eines Spielrasens oder einer Blumenwiese drin. Nachgefragt ist Kochen, Essen und Wohnen in einem offenen Raum zu organisieren. Wenn es kompakter sein soll, könnte sich Architekt Mathias Vogt eine klassische Wohnküche – Kochen und Essen sind in einem Raum – gut vorstellen.

Neue Wohnformen und verdichtetes Bauen
Obwohl man als Bauherr ein paar Abstriche machen muss, so ist es trotzdem möglich mit 800 000 Franken ein Einfamilienhaus zu bauen. Wer den Faktor Wohnflächenbedarf nicht zu hoch ansetzt, kann mit seinem Architekten ganz gut ein tolles Haus für sich und seine Familie realisieren. 

Trotzdem ist es heute aus finanzieller Sicht für viele gar nicht mehr so einfach oder gar nicht möglich ihr eigenes Haus zu errichten. Dann sollte eine andere Wohnform ins Auge gefasst werden. Angesichts der stetig schwindenden Bodenressourcen in Liechtenstein wäre es an der Zeit, die verdichtete Bauweise noch weiter voranzutreiben. Mehrfamilienhäuser oder ganze neue Wohngebiete, die als eigenständige neue Wohnform gelten, zeichnen sich hierzulande als zukünftiges Bauen und Wohnen ab. Denn so schön und zum Teil auch idyllisch ein Einfamilienhaus mit Garten klingen mag, wesentlich «vielseitiger» lebt es sich in einem «neuen» zentral gelegenen Wohnquartier mit zeitgemässen Wohnungen und diversen Dienstleistungsangeboten für den täglichen Bedarf. (lb)

26. Feb 2019 / 06:05
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