• Karin Frick spricht im Interview mit «Autofrühling» über die Elektromobilität und die Zukunft der Mobilität generell.  (pd)

«Die Mobilität entkoppelt sich vom Fortbewegungsmittel»

Interview mit Karin Frick vom Gottlieb Duttweiler Institut in Zürich.

Frau Frick, die Elektromobilität ist in aller Munde. Tagtäglich erscheinen neue Beiträge darüber, wie gross das Potenzial der neuen Antriebsart ist, oder auch wie schwer die Nachteile wiegen. Wie sehen Sie den aktuellen Stand der Dinge und die Chancen, die sich aus der Elektromobilität ergeben?
Karin Frick: Elektroautos gelten als nachhaltiger als Benziner und Diesler. Sie stossen kein CO2 aus, keinen Feinstaub und sie machen kaum Lärm. Das gilt gemäss einer aktuellen Studie des Paul Scherrer Institutes auch noch, wenn man die Herstellung der Batterie und des Stroms mitberücksichtigt. Allein mit dem Umstieg auf Elektromobilität lässt sich aber der Klimawandel nicht stoppen, sie ist einfach die am wenigsten schlechte Antriebsform, die man heute kaufen kann.

Im Vergleich zu herkömmlichen Antriebsarten: Wodurch kann die Elektromobilität punkten?
Sie ist klimafreundlicher und wer umsteigt, hat ein besseres Gewissen, wenn er gleich viel fährt wie bisher.

Die Elektromobilität steht noch in den Kinderschuhen – wagen Sie einen Ausblick, wie es in 10 Jahren ausschauen könnte?
Die meisten technischen Probleme werden bis in 10 Jahren gelöst sein und der Strom wird tendenziell aus erneuerbaren Energiequellen kommen. Doch die Verkehrsprobleme und Staus bleiben unverändert, wenn man nur den Antrieb wechselt, aber nicht das System des Pkw-basierten Individualverkehrs.

Neben der Antriebsform, welche Punkte spielen Ihrer Ansicht nach eine ebenso grosse, wenn nicht grössere Rolle?
Die Mobilität entkoppelt sich vom Fortbewegungsmittel. In Zukunft wohnen immer mehr Menschen in Mega-Städten, in diesen sind Pkw und Individualverkehr keine Lösung. Mobilität wird immer mehr zur Dienstleistung, d. h. die Anbieter verkaufen keine Fahrzeuge mehr, sondern transportieren Menschen und Waren von A nach B mit den jeweils besten und effizientesten Transportmitteln.

Abgesehen von der Antriebsform, welche Entwicklungen oder Systeme werden in Zukunft eine Rolle spielen? Gibt es in Kürze selbstfahrende Taxis oder Fahrzeuge?
Kinder, die nach 2030 geboren werden, werden sich wohl kaum mehr vorstellen können, selber am Steuer zu sitzen. Der öffentliche und der private Verkehr wachsen zusammen. Es wird verschiedene Mobilitätsdienstleister geben, bei denen man eine Art Abonnement hat, wie heute bei einem Telekommunikationsanbieter. Dabei werden verschiedene Fortbewegungsarten und Komfortstufen kombiniert, das Logistiksystem wird immer wichtiger für den Erfolg. Vermutlich geht der Wandel beim Warenverkehr schneller als beim Personenverkehr. «Cargo Souterrain» zum Beispiel wird eine völlig neue Basis schaffen für den Fern- und Nahtransport von Waren.

Welche rechtlichen Konsequenzen ergeben sich durch selbstfahrende Fahrzeuge in Bezug auf die Haftung für Schäden?
Auch selbstfahrende Fahrzeuge werden zuerst eine Fahrprüfung machen müssen. Sie brauchen eine offizielle Zulassung, bevor sie sich autonom bewegen und Menschen transportieren dürfen. Die meisten Szenarios gehen davon aus, dass wir selbstfahrende Fahrzeuge nicht besitzen, sondern nur nutzen werden. Die Betreiber einer Flotte werden mit den Versicherungen neue Verträge aushandeln müssen; für den Nutzer wird es rechtlich keinen Unterschied machen, ob er mit einem selbstfahrenden Auto oder mit der Bahn fährt.

Wie sehen Sie generell die Zukunft der Mobilität? Wohin wird sie sich entwickeln? Wie könnte der Verkehr auf den Strassen in 10 Jahren aussehen? Welche Formen begegnen einem unter Umständen?
Innenstädte werden tendenziell autofrei. In China werden neue Megacities von Anfang an autofrei geplant, auch in Europa schaffen immer mehr Städte mehr Platz für Radfahrer und Fussgänger und verwandeln Parkplätze in Parks. Für die Versorgung mit Waren könnten in Zukunft auch vermehrt Drohnen eingesetzt werden. Für Langstrecken könnte sich eine Art von selbstfahrenden Sammeltaxis etablieren, und auch fahrende Hotels, mit denen man zum Beispiel bequem über Nacht von Holland nach Italien fahren kann. Innerhalb von Megacities, wo stark verdichtet und immer höher gebaut wird, wird auch der Lift ein zentrales Fortbewegungsmittel, das in Zukunft Hochhäuser nicht nur vertikal erschliesst, sondern auch horizontal verbindet. Diese neuen Verkehrssysteme werden sich zuerst in der Stadt etablieren, auf dem Land wird der Übergang jedoch etwas länger dauern. (lat)

 

16. Mär 2020 / 18:05
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