• Fahrtraining in Cazis  (Daniel Schwendener)

Sicher Fahren und seine eigenen Grenzen austesten

Winterliche Verhältnisse, Motorengeheul und Autos, die sich im Kreis drehen. Das Fahrtraining in Cazis verlangt jedem Fahrer so Einiges ab und zeigt den Lenkern auf, wo ihre Grenzen liegen und wie sie in Extremsituationen zu handeln haben. Worauf gilt es zu achten? Was sind die Herausforderungen? Damit ich das einmal hautnah miterleben kann und einen richtigen Einblick in die Techniken und Verhaltensweisen bekomme, ergreife ich die Möglichkeit und versuche mich auf dem Track von DrivingGraubünden.

Einige Kilometer hinter Chur liegt Cazis und damit die Station des Fahrsicherheitszentrums DrivingGraubünden. Dort startet um 8 Uhr morgens das Fahrtraining. Ich finde mich zusammen mit einigen anderen Teilnehmern einige Minuten zuvor dort ein und werde von Instruktor Leo Egger in Empfang genommen. Wir begeben uns in ein Besprechungszimmer und er erklärt mir und den anderen acht Teilnehmenden, wie der Tag heute aussehen wird.

Leo verliert keine Zeit, man merkt, dass es nicht nur uns, sondern auch ihn raus auf die Strecke zieht. Wir stellen uns vor, der Instruktor fragt uns nach unseren Erwartungen und was wir zu erleben hoffen, und schon schnappt sich jeder ein Funkgerät und wir steigen in unsere Fahrzeuge. Mit dem Walkie-Talkie kann Leo Egger während des gesamten Trainings Kontakt mit uns halten und Hilfestellungen geben.

Es geht endlich los
Wir fahren mit unseren Autos auf den Track und in das erste Hindernis. Leo Egger informiert über Funk, worum es bei der ersten Übung geht: Slalom fahren. Jeder soll selbst herausfinden, wie schnell sich das Auto zwischen den Pylonen durchzirkeln lässt. Mein acht Jahre alter Opel fährt sich erstaunlich gut, wechselt ohne Probleme von links nach rechts, wackelt kaum und ich taste mich von Mal zu Mal näher an die maximale Geschwindigkeit heran. Dann bewässert der Instruktor einige Parts der Strecke und simuliert damit eine Schneefahrbahn. Als ich an die Reihe komme, fahre ich zwischen den ersten Hütchen durch und dann sehe ich es: Eine etwas hellere Fläche in einer Linkskurve ist nass – ich reduziere meine Geschwindigkeit, aber dann verliert mein Wagen auch schon den Grip. Ich rutsche weg, gebe instinktiv Gas und schlage das Lenkrad weiter nach rechts ein. Im letzten Moment zieht mein Fahrzeug nach rechts und ich bin wieder in der Spur. Von Durchgang zu Durchgang klappt es besser und man merkt, wie schnell man fahren darf, damit man nicht die Kontrolle verliert und der Strecke weiter folgen kann. Nach der Übung trifft man sich zu einer kurzen Besprechung. Für Leo Egger hat es während der Übung klare Unterschiede gegeben. Er wusste aus dem Stehgreif, welcher Wagen bereits Winterpneus aufgezogen hat und welcher noch mit Sommerreifen unterwegs ist. Auch bei einem sehr guten Profil sind die saisonal falschen Reifen deutlich schlechter, weswegen der Tipp vom Profi lautet: Die Zeit von Oktober bis Ostern gilt als Winterreifen-Zeit. Dabei sollte man aber auch die Temperatur im Auge behalten. Bei über 7 Grad Celsius sind Sommerreifen die richtige Wahl, wenn das Thermometer unter fünf Grad fällt, sollte man zu den Winterpneus wechseln. Diese sind weicher, haben einen höheren Anteil an Kautschuk und bleiben deshalb auch bei niederen Temperaturen elastischer. Ausserdem ist das Profil ganz anders. Während Sommerreifen grössere glatte Flächen haben, sehen Winterräder ganz anders aus. Sie verfügen über eine Vielzahl an kleinen «Rissen», die sich beim Fahren wie Zähne im Untergrund, beispielsweise Schnee, festkeilen können. So bieten sie deutlich mehr Grip und lassen einen Wagen auch bei Schnee leichter lenken. 

Fahrtraining in Cazis

Eine Vollbremsung will gelernt sein und braucht Überwindung
Leo Egger holt mit seinem Wagen Anlauf, fährt mit 50 km/h auf eine Markierung zu und bremst ab. Nach zirka zehn Metern steht sein BMW. «Diese Übung ist natürlich nicht aussagekräftig für den alltäglichen Strassenverkehr», erklärt uns der Instruktor. Er war vorbereitet und deswegen ist der Bremsweg auch eher kurz. Die Komponente, die neben der Bereifung am deutlichsten den Ausschlag für einen längeren Bremsweg gibt, ist die Reaktionszeit. Laut einer Studie liegt diese im Schnitt bei 1,43 Sekunden. Bei einer Geschwindigkeit von 50 km/h legt man in der Zeit etwa 14 Meter zurück, wenn man nur 10 km/h schneller fährt, steht man erst 4 Meter später. Aus dem zurückgelegten Weg während der Reaktionszeit und der höheren Geschwindigkeit ergibt sich ein deutlich längerer Bremsweg. Das zeigt auch der zweite Versuch mit 60 km/h. Als Grundprinzip kann man sich merken, dass die doppelte Geschwindigkeit einen vier Mal längeren Bremsweg bedeutet. Man sollte sich also immer überlegen, wie schnell man fährt und im Zweifelsfall lieber ein bisschen vom Gas gehen. 

Die zweite Einheit führt uns zu einer grösseren Fläche, auf der eine Schneefahrbahn simuliert wird. Es geht  darum, seinen Wagen bei plötzlichem Rutschen zu kontrollieren. Man fährt nacheinander auf die Fläche und plötzlich schiesst eine Wasserfontäne in den Himmel. Jetzt heisst es: Vollbremsung. Nacheinander versucht sich jeder Teilnehmer an dem Hindernis. Wir steigen, sobald sich die Mauer vor uns aufbaut, voll auf die Bremse. Das braucht Überwindung, das ABS greift, die Räder blockieren und rollen immer wieder kurz weiter, der ganze Wagen stottert und das Bremspedal vibriert unter meinen Füssen. Einige Wagen kommen bereits nach etwa 30 Metern zum Stillstand, andere schiessen durch das Wasserhindernis hindurch. Nach einigen Durchgängen gibt Leo Egger beim Hindernis einen schmalen Korridor frei – jetzt heisst es nicht mehr voll bremsen, sondern mit Gefühl auf die Pedale treten und das Lenkrad sanft bedienen, damit man das Rutschen abfangen kann und die Lücke trifft. Nach zwei, drei Versuchen gelingt uns das allen ziemlich gut. Und dann ist plötzlich wieder alles anders. Das erste Fahrzeug fährt auf die Piste, rutscht und durchbricht die Wasserwand. O. k., vielleicht hat er ja nur zu spät gebremst. Als ich an der Reihe bin, passiert mir natürlich genau das Gleiche und Leo Egger erklärt uns im Anschluss, was passiert ist. Wir waren alle auf das Hindernis vorbereitet, beim letzten Versuch hat uns der Instruktur aber etwas gestohlen: die Reaktionszeit von einer Sekunde. Und diese eine Sekunde, ein Wimpernschlag, hat ausgereicht, um die Situation für uns unüberwindbar zu machen. 

Der Nachmittag wird spannend
Der Nachmittag beginnt mit Kurvenfahren. Alle fahren im Kreis, natürlich mit genügend Abstand, und lernen den Rundkurs kennen. Dann kommt wieder das Wasser zum Einsatz und die Rutschpartie beginnt von Neuem. Nacheinander fahren wir in die Kurve und sollen austesten, bei welcher Geschwindigkeit der Wagen auszubrechen beginnt. Als zweite Übung steht eine Vollbremsung in der Kurve an. Die elektronischen Hilfsmittel in den Fahrzeugen arbeiten auf Hochtouren und die Fahrzeuge stehen bei niederen Geschwindigkeiten sehr schnell. Anschliessend dürfen wir, sobald wir die rutschige Fläche befahren, voll aufs Gas steigen. Aber ABS, ASR und ESP vollbringen wahre Wunder, die Autos halten die Spur, und die Motoren reduzieren die Kraft so, dass die Räder Grip bekommen. Als Schlussübung beim Kurvenfahren schalten wir alle die elektronischen Hilfsmittel aus und versuchen, den Wagen selbst zu kontrollieren. Mein Wagen gerät gleich ins Schleudern, die Räder drehen durch, der Motor heult auf und ich lande ausserhalb der Bahn. Erst da wird mir wirklich bewusst, wie wichtig die ganzen Abkürzungen sind und was sie bewirken. 

Um 15 Uhr steht das Abschlusstraining an: Aufwärts- und Abwärtsfahren auf Schnee. Oben auf dem kleinen Übungshügel angekommen, beginnt die Schneefläche und die Wagen verlieren den Halt. Eine Vollbremsung hilft da auch nicht viel, denn durch die Geschwindigkeit und das Gewicht des Fahrzeugs hat man zu viel Schwung und erst im letzten Moment schaffe ich es, das Auto um die folgende Kurve zu manövrieren. Auch umgekehrt ist es nicht leichter. Aus einer Kurve heraus auf eine Steigung zuzufahren, ist auf einer glatten Oberfläche nicht einfach. Der grösste Fehler ist, zu viel Gas zu geben, erklärt uns Leo Egger. Sobald die Räder durchdrehen, verliert man den Grip und kommt nicht mehr vorwärts. Es heisst also, mit Gefühl die Pedale zu betätigen und auch das Standgas zu verwenden. Je weniger Kraft, desto mehr Grip. Ein kleiner Tipp vom Instruktor: Wenn es mal echt nicht weitergeht, sollte man stehen bleiben und die Räder nach links oder rechts einschlagen. So findet man vielleicht eine Spur, die nicht so abgefahren ist.

Der finale Abschluss hat es in sich
Schliesslich begeben wir uns noch mal zur grossen Wasserfläche mit den Fontänen. Dieses Mal fahren wir über eine grosse Platte zu Beginn der Fläche und diese Platte gibt den Wagen einen Impuls in eine Richtung. Sobald ich die Plattform befahre, schert der Wagen plötzlich nach links aus. Ich reisse das Lenkrad nach rechts und stehe voll auf Bremse und Kupplung. Ich rutsche, aber langsam dreht sich mein Wagen wieder gerade – da spritzen vor mit wieder die Wasserfontänen empor, ich suche die Lücke und schaffe es um Haaresbreite, das Loch zu durchfahren. Die nächsten Male werden aber schwerer, der Impuls wird immer stärker und schon beim zweiten Mal dreht sich mein Wagen unkontrolliert im Kreis. Das ist ein psychologischer Aspekt der Übung, denn die Intensität soll so weit gesteigert werden, dass schlussendlich niemand die Übung mehr meistern kann. Das soll zeigen, dass man nicht jede Situation kontrollieren kann, egal wie gut das Auto ist und unabhängig davon, wie schnell man reagiert. Um kurz vor 17 Uhr erhalten die Fahrer von Leo Egger die Diplome für die erfolgreiche Teilnahme. Es war spannend, aber alle sind auch ziemlich geschafft. «Fahrt jetzt bitte alle langsam und gemütlich nach Hause», meint Egger nur. «Ihr seid müde, lasst euch nicht hetzen. Fahr nur so schnell, wie ihr euch wohlfühlt.» 

Fahrtraining in Cazis

Für uns alle hat der Tag viele interessante Dinge bereitgehalten. Aber die wichtigste Erkenntnis ist: Egal wie gut man Auto fahren kann und wie schnell man reagiert – es gibt immer Situationen, in denen das nicht ausreicht. Deswegen ist angepasstes und vorausschauendes Autofahren das Wichtigste. Und wenn man sich nicht sicher fühlt, sollte man lieber ein paar km/h weniger auf dem Tacho haben, denn dies kann den Unterschied zwischen sicher heimkommen und einem Unfall bedeuten. (lat)

25. Okt 2016 / 10:57
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